Zum Hauptinhalt springen

Die Glorifizierer des Mittelmasses

Die Köpfe der einstigen Berner Hoffnungs-Band Pablopolar heissen nun Eskimo und machen süssen Mundartpop. Auf dem neuen Album «Hans» besingen sie unbeschönigt den Alltag.

Machen sich wie Hans aus dem Grimm-Märchen auf die Suche nach dem Glück: Manuel Kollbrunner und Simon Vogt alias Eskimo.
Machen sich wie Hans aus dem Grimm-Märchen auf die Suche nach dem Glück: Manuel Kollbrunner und Simon Vogt alias Eskimo.
zvg

Letzten Winter entschieden sich Manuel Kollbrunner und Simon Vogt für eine Auszeit im Berner Oberland. Die beiden Mitglieder der Band Pablopolar, welche Lieder auf Englisch sang und als Schweizer Coldplay gehandelt wurde, waren lange und ausgiebig mit ihrem Album «Colorize» auf Tournee. Das war 2015, und anschliessend herrschte Funkstille. Es war an der Zeit, die Energiereserven wieder aufzufüllen. So verbrachten sie drei Monate in einem Iglu, ohne Kontakt zur Aussenwelt. Auch das Handy blieb dabei aus. Eine spirituell angehauchte Reise zum inneren Ich sozusagen.

Inspiriert von der Kälte und der Abgeschiedenheit, nahmen sie ihr Projekt Eskimo in Angriff. Und als Vollblutberner aus dem Obstbergquartier war es ihnen ein Anliegen, Lieder auch einmal in Mundart zu singen.

Hans ist nie zufrieden

Jetzt liegt das Erstlingswerk «Hans» vor. Eskimo produziert pompösen Mundartpop, souverän vorgetragen und mit akuter Ohrwurm-Gefahr versehen. Sänger Kollbrunner und Gitarrist Vogt haben bei anderen Berner Bands gewildert und geweibelt. Gelohnt hat es sich: Die Band, der etwa der Pianist Daniel Wyttenbach von Death by Chocolate und der Trompeter Marc Oberholzer von Tomazobi angehören, lässt sich sehen. Entstanden ist ein aufwendig produziertes und teilweise spektakuläres Wärmebild moderner Popmusik.

Gekonnt bedienen sich Vogt und Kollbrunner eines breiten Handwerk-Spektrums: harmonisch klingende Abfolgen, eingängige pudergezuckerte Melodien und simple, geradlinige Rhythmen. Dazu noch Hornbläser, bunte Synthie-Einlagen und bittersüsser Herzschmerz. In Kombination mit der sechsköpfigen Liveband und der von Kollbrunner vorgetragenen New-Wave-Nonchalance ein erfrischendes, abwechslungsreiches Gegenstück zur geläufigen Radio-Wegwerfpopmusik.

Aufrichtig und in bester Berner Mundart zeigen Eskimo dem Optimierungswahn den Mittelfinger und machen sich auf die Suche nach dem Glück. «Hans» thematisiert in 15 Mundart-Songs den ungeschminkten Alltag, von der Hektik in der Stadt hin zur Cervelat-Idylle an der Aare. Es sind Mundartgeschichten, mit Geschichten zwischen den Geschichten. «Hans ist der, der in uns allen steckt, immer auf Achse, immer auf der Suche», sagt Kollbrunner. «Dabei stellt sich jedoch nie ein Zustand der Zufriedenheit ein. Hans bleibt ein unerfüllter Wegereisender.» So zieht sich dieses unverbindliche Dasein wie ein roter Faden durch das ganze Album.

Die Liedtexte drehen sich vor allem um die Zwängereien der Leistungsgesellschaft, die nur den Weg nach vorne toleriert. Immer mehr, immer schneller und besser. Kollbrunner besingt deshalb unbeschönigte Alltagssituationen, die wir alle kennen und überschaubar toll finden. Der Herzschmerz der Singleauskopplung «Olivia» beispielsweise geht unter die Haut. Hier tut sich Hans schwer mit den Frauen, weil er nie weiss, was er will. Und wohl auch, weil er nie gut genug ist.

Eskimo: «Olivia». Quelle: Youtube.com

Grundsätze bei YB ausgehebelt

Hans fährt immer und immer wieder mit dem 9er-Tram über die Kornhausbrücke, hat Anflüge von Verzweiflung und ist in Gedanken stets bei Olivia. «Olivia, du hesch mi fescht i dr Hand, aber nüm i dim Härz», tönt es da traurigschön. Er ist ein Gefangener seiner Erinnerungen. Die schönen Tage sind vergangen, übrig bleibt nur unerfüllte Sehnsucht. Im Lied «Aues Anders» verzweifelt Hans an den unverrückbaren Zuständen, die sein mittelmässiges Dasein definieren, und an denen er nichts zu ändern vermag. «Ig wett, das aues angersch isch, ig hätt doch no so viu Potenzial», singt Kollbrunner, aber was nützt das, wenn man es nicht abzurufen vermag?

Es ist, wie es ist. Am Ende sind wir alle Gefangene unserer eigenen Unzulänglichkeiten. Resignieren sollten wir deswegen aber noch lange nicht. «Ig wett e guete Verlürer si, charakterschtark i Niderlag u Sieg» – es bleibt beim frommen Wunschdenken, bei reinen Absichtserklärungen. Hans ist und bleibt wankelmütig, was uns zur eingangs beschriebenen Einsamkeit im Iglu zurückführt.

Denn ganz so konsequent waren Simon Vogt und Manuel Kollbrunner im Rahmen ihres selbstverordneten Einsiedler-Daseins nämlich nicht. Jedes Mal, wenn die Berner Young Boys Match hatten, waren sie am Mitfiebern. Weit weg von der Zivilisation, auf Selbstfindung, brachen sie da zwischendurch mit den eigenen Grundsätzen. So wie Hans.

Tourdaten: www.eskimoband.ch

Zum Inhalt

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch