«Der Wald ist mehr als nur Bäume»

Das deutsche Performancekollektiv Beat Le Mot lotet gern die Grenzen herkömmlicher Theaterräume aus. In seiner neusten Performance «Walden» nimmt die vierköpfige Gruppe die Zuschauer mit zum Waldbaden (ab 6. September).

«Wir lassen das Publikum in die Atmosphäre des Waldes eintauchen und lassen dabei den Wald selber sprechen durch seine Gerüche, Geräusche und das Licht zur blauen Stunde.»

«Wir lassen das Publikum in die Atmosphäre des Waldes eintauchen und lassen dabei den Wald selber sprechen durch seine Gerüche, Geräusche und das Licht zur blauen Stunde.»

(Bild: zvg)

Sie laden das Publikum zum «walden» ein. Heisst das, Sie spielen Theater im Wald?
Nein. Wir suchen in unserer Arbeit nach Wegen, wie wir eine Atmosphäre und ein Bewusstsein für das Publikum kreieren können, damit dieses einen anderen Zugang zu unserer Performance findet. Zuerst gehen wir in den Wald, dann performen wir in den Vidmarhallen. Mit dem Waldbesuch wollen wir sensibilisieren, die Poren öffnen. Wir orientieren uns dabei am japanischen Shinrin Yoku, also dem Waldbaden. Wir lassen das Publikum in die Atmosphäre des Waldes eintauchen und lassen dabei den Wald selber sprechen durch seine Gerüche, Geräusche und das Licht zur blauen Stunde. Schauspiel würde da nur stören. Der Wald steht für sich alleine und bedeutet nichts. Wir hoffen, dass mit dieser Einstimmung auch unserer Kunst die Last des Bedeutungsvollen genommen werden kann und man somit nicht von uns erwartet, dass wir eine Message transportieren. Unsere Kunst soll einfach stattfinden.

1,5 Stunden Waldspaziergang, anschliessend zweistündige Performance in den Vidmarhallen. Das wird ein langer Theaterabend.
Ja schon, aber das Projekt ist sehr atmosphärisch angelegt. Das Publikum kann sich frei bewegen, im Raum selber zwischen zehn autarken Performances wechseln oder einfach auch mal rausgehen. Bei den Performances wird das Phänomen Wald aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und vertieft. Somit wird der Raum selber zum Wald, durch den man schlendern kann. «Walden» bietet einen weitgefächerten Erlebnisraum, in den man eintauchen, aus dem man aber immer auch wieder auftauchen kann.

Beim Titel denkt man unweigerlich an «Walden» aus dem Jahr 1854, also das Buch von Henry David Thoreau, in welchem der Amerikaner sein zeitweiliges Leben als Aussteiger beschreibt. Diente es als Inspiration für Ihre Performance?
Wir beziehen uns nicht wirklich auf den Roman. Dieser mutet zeitweise etwas besserwisserisch an, und heute weiss man, dass Thoreau seine Erfahrung stark stilisiert hat. Dieses «Zurück zur Natur» hat ja auch etwas Reaktionäres. Wir wollen mit unserer Performance nicht behaupten, dass in der Natur alles besser sei, sondern wir möchten ganz einfach neue Wege erforschen, wie wir unsere Kunst gestalten und dabei das Publikum miteinbeziehen können. Wir wollen den traditionellen Theaterraum verlassen, weg von der Guckkastenbühne.

Abgesehen davon, warum ist der Wald gerade «in»?
Zum einen ist er aufgrund der aktuellen Klimadebatte medial präsent. Zum anderen hat das Bewusstsein um die heilende Wirkung des Waldes Europa erreicht. Waldbaden ist nachweislich gut für die Gesundheit. Es senkt den Blutdruck und aktiviert das Immunsystem, um nur zwei Dinge zu nennen. Ausserdem dient der Wald auch als Projektionsfläche für eine städtische, urbane Bevölkerung, welche die Natur verklärt. Für uns als Theaterschaffende ist der Wald zudem als politischer und historischer Raum spannend. Hexen wurden dem Wald zugeordnet, und italienische Briganten agierten partisanenmässig aus diesem heraus. Wald ist also so viel mehr als einfach nur Bäume.

Vidmarhallen, 6. bis 8. September.

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