Der Seitenmann

Er spielte in Bläsersätzen von Züri West oder Philipp Fankhauser und leitet das Berner Generationenhaus. Nun betört Till Grünewald endlich wieder mit einem eigenen Album.

Wenn die Musiker eher taumeln als spielen: Der Saxofonist Till Grünewald mit seiner Band Phonosource.

Wenn die Musiker eher taumeln als spielen: Der Saxofonist Till Grünewald mit seiner Band Phonosource. Bild: zvg

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Es gibt Jazzschul-Abgänger, bei denen man bereits am Abend des Diplomkonzerts weiss, dass sie dereinst in der Jazzwelt keine grösseren Stricke zerreissen werden. Bei Till Grünewald war das anders. Als er 2004 die Berner Swiss Jazz School abschloss, stand er mit seiner Band Phonosource auf der Diplombühne – umgeben von lauter Hochbegabten: Am Piano sass Philip Henzi, der ein Jahr zuvor direkt von der Diplom-Bühne ins Jazzschul-Lehreramt gehievt wurde.

Der Bassist Lorenz Beyeler war bereits einer der gefragtesten Tieftöner der hiesigen Jazz-Zunft, und Schlagzeuger Tobias Friedli hatte sich schon als hinterlistiger Rhythmusarbeiter einen Namen gemacht. Und dann war da eben dieser Till Grünewald am Tenorsaxofon, ein Draufgänger mit gepflegtem Ton, einer, der die wildesten Soli spielen konnte, ohne dabei an Eleganz und Lockerheit einzubüssen, einer, der in der Jazzschule die Tradition aufsog und doch alles andere als ein Jazzpurist war.

Und es herrschte Einigkeit darüber, dass es dieser smarte Blauäuger weit bringen würde. Bald konnte sich Till Grünewald vor Anfragen nicht mehr erwehren. Neben seinem festen Engagement am Swiss Jazz Orchestra spielte er an der Seite von Recken wie Bert Joris, Alvin Queen oder Andy Scherrer, seinem prägenden Lehrer an der Jazzschule. Es flatterten auch Anfragen aus der Popwelt ein: So fand er sich in den Bläsersätzen von Philipp Fankhauser, Züri West, Sina oder Adrian Stern wieder, und Pepe Lienhard nahm ihn in seine Big Band auf.

Nichts, was sich in einem Jazz-Palmaés sonderlich gut machen würde, aber es zahlte die Rechnungen und machte Spass. Und so wurde Grünewald zum typischen Sideman. Seine Begründung: «Ich bin einer, der lieber zusammen mit andern etwas entwickelt. Ich mag die Leader-Position nicht besonders.» 2005 veröffentlichte Grünewald dann doch ein erstes Album mit Phonosource, ein geschmackvolles, aber kein Genre-Grenzen sprengendes Hardbop-Werk, das in Japan in einer Spezial-Edition erschienen ist.

Und auf einmal war er verschwunden. Weg vom Jazzfenster – bis auf einige Gastauftritte. Schnitt. Umschulung. Ein Master in Wirtschaft. Hat er seiner Musikerkarriere doch nicht so recht getraut? Till Grünewald schmunzelt: «Es waren zunächst bloss zwei, drei Semester geplant, um einmal die andere Seite der Welt kennen zu lernen, in der ich mich bewegte.» Ein anderer Beweggrund war, dass es in der Szene von guten Musikern und guten Ideen wimmelte, vieles aber an der Umsetzung, an der Geldbeschaffung oder an irgendwelchen Knebelverträgen scheiterte.

Till Grünewald dachte, ein paar Management-Skills könnten da nicht schaden. Er kann sie seit 2014 als Leiter des Berner Generationenhauses anwenden, wo der 39-Jährige ein generationenübergreifendes kulturelles und soziales Angebot ausheckt. Elf Jahre nach seinem Erstling (und drei Jahre nach einem schwerblütigen Solo-Saxofon-Album) meldet sich Grünewald nun mit Phonosource zurück, seiner Ursprungsband also, mit der er über all die Jahre immer wieder zusammengespielt hat.

«Awakened» heisst das Tonwerk sinnigerweise, und ist weit freigeistiger ausgefallen als sein bejahrter Vorgänger. Schon der verehrenswürdige Opener «Ases Awakened» kündigt an, woher der Wind weht. Ein Stück voller hochspannender Schönheit: Aufwallung und Einkehr, Verdichtung und Reduktion, Be- und Entschleunigung wechseln sich in windartiger Gesetzlosigkeit ab. Oder da ist das Stück «Eja» – eine fast schon stoische Narkosehammer-Ballade.

Aus dem Saxofon Grünewalds entweicht mehr Luft als Ton, und seine Begleiter taumeln eher, als dass sie spielen. Er fokussiere heute beim Komponieren weniger auf Patterns und Melodien, sondern auf Tempi, Intensität und das Wechselspiel verschiedener Energielevel, erklärt Grünewald. Und seine Leader-Rolle mag er noch immer nicht mit letzter Konsequent bekleiden: «Ich bin zum Aufnehmen der von mir geschriebenen Stücke bloss mit Song-Skizzen im Studio erschienen. Ich wollte hören, was die Musiker daraus machen.»

Hat das Studium aus ihm einen anderen Musiker gemacht? «Es hat mich gelehrt, mein Profil zu schärfen», sagt Grünewald. «Aber berechnender bin ich sicherlich nicht geworden.» Das neue Album ist der klingende Beweis dafür.

Be-Jazz-Club Liebefeld Do, 24. 11., 20.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 24.11.2016, 16:53 Uhr

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