Der Kaninchenbau im Kopf

Das Theaterprojekt «Alice» will vorgefertigte Meinungen über Geschlechterrollen aufweichen – und beruft sich auf einen Kinderbuchklassiker.

Surreal wie Lewis Carrolls Vorlage: Szene aus dem multimedialen Stück «Alice».

Surreal wie Lewis Carrolls Vorlage: Szene aus dem multimedialen Stück «Alice». Bild: Fabian Chiquet/zvg

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Ein Mädchen fällt in einen Kaninchenbau und findet sich dort unten in einer seltsamen und paradoxen Welt wieder, die nach gänzlich anderen, irrationalen Regeln funktioniert. Kommt ihnen diese Geschichte bekannt vor? Gut möglich, denn wenige Klassiker aus dem viktorianischen Zeitalter wurden so ausgiebig in diversen Genres adaptiert wie Lewis Carrolls Kinderbuch «Alice im Wunderland» aus dem Jahr 1865.

Es existieren Tanz- und Theaterstücke, Opern, Musicals, Hörspiele, zahlreiche Illustrationen und Gemälde, welche die Geschehnisse im Wunderland thematisieren, und ausserdem rund vierzig filmische Ausarbeitungen, wobei vom englischen Stummfilm über eine belgisch-polnische Serie, eine Disney- und eine Tim-Burton-Adaption bis hin zu russischem Zeichentrickfilm und japanischem Anime alles vertreten ist. Und nun gibt es seit neustem auch noch ein multimediales Bühnenstück, das drei Berner Kulturschaffende ausgeheckt haben.

Die Aufgabenaufteilung sei in etwa so vonstatten gegangen, dass Rapperin Steff la Cheffe den Text verfasst habe, Theaterfrau und Tänzerin Annalena Fröhlich sich der Choreografie angenommen habe und er für Inszenierung, Musik und Video zuständig sei, erklärt Fabian Chiquet, seines Zeichens Musiker bei The Bianca Story und multimedialer Künstler. Über einen Zeitraum von insgesamt anderthalb Jahren haben die drei «Alice» entwickelt, ein Stück, welches Schauspiel, Tanz, Sprache und Multimediales verbindet und bald in den Vidmarhallen uraufgeführt wird. Dort gibt die Dreierschaft denn auch Auskunft über ihre erste Gemeinschaftsarbeit.

Von den ursprünglichen Figuren, die sich im Kinderbuch von Lewis Carroll tummelten, seien in ihrem Stück wenige anzutreffen, sagt Steff la Cheffe. Vielmehr habe man sich der Absurdität und Surrealität der Vorlage bedient, um damit die heutige Rolle der Frau und Genderstereotypien zu hinterfragen. «Die Figuren, die bei Carroll auftreten, sind alle in ihren eigenen Welten gefangen», sagt Fabian Chiquet. «Alle reden wild drauf los und keiner hört wirklich zu, was Alice zu sagen hat.» Diese geschlossenen Realitäten liessen sich auch im heutigen Genderdiskurs finden: «Jede Person, die über Gender spricht, ist ja selber davon betroffen und vertritt darum oftmals eine vorgefertigte, explizite Meinung. Das verhindert einen offenen Austausch. Wir sind gefangen in unseren eigenen Erfahrungen und unserer Wahrnehmung.»

Keine moralisierenden Texte

Um den gängigen Stereotypien auf den Zahn zu fühlen, haben sich Fabian Chiquet, Annalena Fröhlich und Steff La Cheffe mit der gemeinnützigen Organisation Terre des Femmes zusammengetan und über diese rund 35 Interviews mit Frauen gänzlich unterschiedlicher politischer und sozialer Couleur geführt. «Politisch war von links bis rechts alles vertreten, die jüngste war 20, die älteste 70, wir befragten Frauen mit und solche ohne Migrationshintergrund», sagt Annalena Fröhlich.

Diese Interviews hätten dann als Basis gedient, auf der das Stück erarbeitet worden sei. Allerdings habe man nicht einfach die Zitate übernommen, sondern diese vielmehr als Grundlage verwendet, um die Problemfelder einzugrenzen, die im Stück verhandelt werden sollen, sagt Steff la Cheffe. «Auf der Bühne geben verschiedene wunderliche Charakter wieder, was die befragten Frauen bewegt, wie sie mit Genderstereotypien umgehen und mit dem damit verbundenen gesellschaftlichen Druck.» Die Texte seien weder moralisierend noch belehrend, sondern sollen vielmehr zum Diskurs anregen. Ausserdem seien auch historische Statements und Zitate aufgenommen worden, die aus der überlieferten Geschichte stammten, sowie Phrasen und Floskeln, die im täglichen Leben kursierten.

Sie hätten sich bei «Alice» vorerst auf die weiblichen Stereotypien fokussiert, Männerstereotypien würden dabei ja automatisch auch mitschwingen. «Schliesslich ist die ganze Diskussion immer eine zweischneidige», sagt Fabian Chiquet. Und immerhin würde ja auch ein Mann auf der Bühne stehen, der auch einen Mann spiele, wenn auch einen ziemlich überzeichneten und klischierten, sagt Steff La Cheffe und lacht. Sowieso seien alle Figuren ausser Alice stark überzeichnet, wobei sich diese Künstlichkeit wiederum auf die literarische Vorlage beziehe.

«Mittelalter 2017»

Bei der Stückerarbeitung und den Proben habe man viel zusammen gelacht, sagt Annalena Fröhlich. Es sei halt einfach auch äusserst unterhaltsam, wenn ein Thema komplett überspitzt und ad absurdum geführt werden könne. Und trotzdem sei da zwischendurch auch immer wieder die Einsicht oder traurige Erkenntnis aufgeblitzt: «Ja, wir leben immer noch in einer Zeit, in welcher Frauen nach ihren Kleidern beurteilt werden und in erster Linie als Frauen und nicht als Menschen wahrgenommen werden. Mittelalter 2017 halt.»

Vidmar+ Sa, 25. 11., 19.30 Uhr. Bis 16. 12. Alle Termine unter www.konzerttheaterbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 23.11.2017, 06:46 Uhr

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