«Der Friedhof ist auch ein Ort für die Lebenden»

Der Autor und Schauspieler Matthias Zurbrügg inszeniert poetische Wörter aus Holz im Grünen. Sein neuster Spaziergang «Zeit los lassen» führt über den Schosshaldenfriedhof (ab 21. September).

Eine Inszenierung auf dem Friedhof bedarf Fingerspitzengefühl.

Eine Inszenierung auf dem Friedhof bedarf Fingerspitzengefühl.

(Bild: Stefan Maurer)

Was zieht Sie für Ihre Theaterspaziergänge immer wieder auf den Friedhof?
Hier zu spielen, ist speziell. Der Friedhof ist für mich ein poetischer und schöner Ort. Automatisch wirft er existenzielle Fragen auf, übers Sterben wie übers Leben. Denn es ist ja besonders auch ein Ort für die Lebenden, um sich zu verabschieden oder um einfach so da zu sein. Und ich mag das Zusammenspiel zwischen Natur und Gartenarchitektur. Der Schosshaldenfriedhof etwa hat breite Alleen und Terrassen, aber auch verschlungene Waldwege.

Mit Ihrer Gruppe mes:arts wandelten Sie als Heinrich von Kleist (2011) und Vampir (2015) zwischen Berner Gräbern. Warum spielt jetzt die Lyrik die Hauptrolle, die Sie als anonymer Schriftsteller rezitieren?
Bei meiner ersten Inszenierung im Worblental vor drei Jahren stellte ich das Wort «Jenseits» auf die andere Seite einer Brücke. Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf, und ich begann, mich über Wortbilder mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dann fragte ich den Friedhof an, ob ich dort inszenieren könne. Denn die Wörter aus 40 cm bis 4 m grossen Holzbuchstaben passen nicht nur inhaltlich gut dahin, sondern mit ihrer ruhigen Ausstrahlung auch optisch.

Wie kommen die Wörter bei den Friedhofsbesuchern an?
Bisher habe ich nur positive Reaktionen bekommen. Einmal traf ich auf eine aufgeweckte ältere Dame im Elektrorollstuhl, die alle Worte notierte. Bei den Diakonissengräbern habe sie ab dem Wort «Verschieden» hinter den gleich aussehenden Gräbern lachen müssen, erzählte sie. Denn sie sei auch der Meinung, dass ihre Pflegerinnen im Diakonissenheim sehr verschieden seien.

Das erste Theater auf einem Berner Friedhof im Jahr 2004, «Ackermann aus Böhmen» auf dem Bremgartenfriedhof, verboten die Behörden zunächst. Die Totenruhe werde gestört, hiess es. Wie war das bei Ihnen, stiessen Sie auch auf Skepsis?
Nicht auf Skepsis, eher Vorsicht. Die Friedhofsleitung, der wir das Konzept des Theaterspaziergangs über Heinrich von Kleist vorstellten, hatte bereits unser Stück «Der Totengräber» gesehen. Wir zeigten ihnen Tryouts und machten klar, dass wir mit dem Ort sensibel umgehen können. Mit der Zeit ist ein Vertrauen entstanden.

Dürfen Sie gewisse Dinge nicht?
Heikel sind frische Gräberfelder, wo noch recht oft Trauernde hinkommen. Dort gehe ich nicht hin. Auch spiele ich nicht direkt bei Gräbern, sondern auf freien Wiesen, Wegen und Mauern.

Und punkto Lautstärke?
Das ist fast kein Thema. Ich spreche ohne Mikrofon und setze dieses Mal nicht mal Musik ein. Wir haben auch schon ein Cello benutzt. Deswegen kam einmal eine Beschwerde einer Friedhofsbesucherin, die sich gestört fühlte. Aber der Friedhof ist oft gar nicht so still (wie auf Kommando ertönt im Hintergrund der Lärm von Rasenmähern). Bei Beerdigungen nehme ich besonders Rücksicht. Die Anfangszeiten des Spaziergangs sind auf das Programm des Friedhofs abgestimmt.

Schosshaldenfriedhof, Premiere ist am nationalen Tag des Friedhofs: Sa, 21.9., Start jeweils 10, 12 und 14 Uhr. Bis 24.11. Im Blumenladen gibt es zudem eine Wegleitung für einen individuellen Spaziergang. www.mesarts.ch

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