«Der Abend soll verdammt nochmal Spass machen!»

Sie war eine der ersten bekannten Transfrauen der Schweiz: Coco. Ein Musical erzählt nun ihre Geschichte – die uns alle etwas angeht, sagt Autor Alexander Seibt.

Sie hat sich getraut, aufzufallen: Coco.

Sie hat sich getraut, aufzufallen: Coco. Bild: Filmstill aus «Traum Frau Coco»

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben ein Musical über die bekannteste Transfrau der Schweiz geschrieben. Wer war Coco?
Sie war eine Vorreiterin, denn sie hat in der Schweiz eine Tür aufgetreten für das Thema Transgender. Darüber hat vorher kein gesellschaftlicher Diskurs stattgefunden. Das Thema bot innerhalb von Familien noch ganz anderen Zündstoff: Väter sind gewalttätig geworden. Überhaupt werden Männer gern gewalttätig, wenn sie verunsichert sind.

Sind Sie Coco je begegnet?
Leider nein. Und ich fand es auch nicht notwendig, private Details aufs Tapet zu zerren. Es geht im Stück gar nicht so sehr um sie persönlich als vielmehr darum, wofür sie steht.

Aber der Abend heisst doch «Coco».
Der Abend lehnt sich durchaus an Cocos Leben und ihr tragisches Ende an, hat aber andere Verpflichtungen, als biografisch korrekt zu sein. Es geht um die Frage: Wie ist es, in einem Körper zu leben, der nicht das eigene Geschlecht repräsentiert? Die Coco auf der Bühne ist letztlich eine fiktionale Figur.

Ist es nicht problematisch, Fakt und Fiktion zu vermischen? Für die Zuschauer wird ja nicht ersichtlich, wo die Grenze liegt.
Das war tatsächlich eine Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordert hat. Aber wie gesagt: Es geht nicht um reale Details über einen bestimmten Menschen. Coco hat vielmehr eine Geschichte durchlebt, die mythischen Charakter hat und die alle Menschen durchleben: Sie handelt vom Mut, uns zu fragen, wer wir sind, und dann die Konsequenzen aus der Antwort zu ziehen. Und zu tragen.

Haben Sie einen Bezug zum Thema Transgender?
Ein befreundeter Regisseur hat vor ein paar Jahren seine Transition gemacht. Wichtig ist mir auch: Das Thema ist gerade dabei, sich auf politischer Ebene durchzusetzen. Viele Menschen tun sich damit schwer – auch viele, die eigentlich super offen sind. Aber ich mag das, das ist menschlich.

Wie sind Sie vorgegangen bei Ihren Recherchen?
Natürlich habe ich mir Paul Rinikers Dokfilm angesehen und mir einen ersten Überblick über die Quellen verschafft. Ich bin dann aber schnell einfach meinem Gefühl gefolgt – und habe aus dem Bauch heraus eine erste Fassung geschrieben. Erst danach habe ich weitere Gespräche geführt, natürlich mit Cocos alten Freunden oder Vertretern des Transgender Network Switzerland. Daraufhin habe ich den Text überarbeitet; einige Aspekte hatte ich auch schon ganz gut getroffen.

Was machte Coco eigentlich berühmt?
Sie war eine der Ersten, die in der Schweiz öffentlich gesagt hat: Ich bin Transgender. Mit ihrer Chuzpe hat sie uns alle berührt. Weil sie sich getraut hat, aufzufallen, wurde sie schnell vom Boulevard vereinnahmt. Rinikers Film hatte irrsinnige Zuschauerzahlen und machte sie bekannt. Danach landete sie auf dem Titelblatt der «Schweizer Illustrierten». Sie war also sehr gut dafür geeignet, vermarktet zu werden, und hat sich das auch zunutze gemacht.

Ein Musical ist nicht unbedingt eine subtile Angelegenheit. Ist es überhaupt möglich, einer komplexen Thematik wie Transsexualität mit Singen und Tanzen beizukommen?
(lacht) Ein Musical verbindet eine Story mit Songs, und Musik kann wahnsinnig subtil sein. Ich bin sehr glücklich darüber, dass Markus Schönholzer sie auch genau so komponiert hat. «Coco» ist eine No-Bullshit-Geschichte, die weh tut, aber auch verdammt noch mal Spass machen soll! Als Teenager habe ich – das ist jetzt ein öffentliches Geständnis – mein Geld für Opern ausgegeben. Musicals sind nichts anderes als die Opern von heute, sie handeln von Tod, Sehnsucht, unerwiderter Liebe. Das perfekte Genre für unser Vorhaben.

Vidmar 1 Die Premiere (Freitag, 20. April, 19.30 Uhr) ist bereits ausverkauft. Weitere Vorstellungen bis 20. Juni 2018. Alle Termine: www.konzerttheaterbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 19.04.2018, 07:08 Uhr

Alexander Seibt
Autor und Schauspieler

Coco

Berns berühmte Transfrau

Coco ist 1969 als Marc-Patric Lorétan geboren und in Thun aufgewachsen. Sie fühlte sich als Frau im Körper eines Mannes und gab sich selbst den Namen Coco. Im Frühling 1990 entschied sie sich zur
Geschlechtsangleichung; aus Marc-Patric wurde Eve-Claudine Lorétan, später nannte sie sich Patricia. Der Filmer Paul Riniker dokumentierte die Operation fürs Schweizer Fernsehen: «Traum Frau Coco» wurde 1991 ausgestrahlt und erreichte rund 660 000 Zuschauer. Der Eingriff hatte aber schwerwiegende körperliche und psychische Folgen für Coco. 1998 hat sie sich das Leben genommen. Nach einer Idee von Cihan Inan, dem Schauspielchef bei Konzert Theater Bern, hat der Schauspieler und Autor Alexander Seibt nun gemeinsam mit dem Musiker und Komponisten Markus Schönholzer ein «Transgendermusical» über Cocos Geschichte geschrieben. Ab dem 22. 4. zeigt das Kino Rex ausserdem Rinikers Film «Traum Frau Coco» im Rahmen seiner Programmreihe «Kino und Theater». (lri)

Artikel zum Thema

Die Transfrau, die US-Geschichte schreibt

Die Transgender-Demokratin Danica Roem sitzt neu im Abgeordnetenhaus des US-Bundesstaates Virginia – und das nach einem Sieg gegen einen LGBT-Hasser. Mehr...

Erstes Transgender-Model auf dem Titel des deutschen Playboy

«Germany's next Topmodel»-Kandidatin Giuliana Farfalla ziert die Februar-Ausgabe des Magazins. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...