«Das zu spielen, ist seelisch sehr erschöpfend»

Berner Woche

Heidi Maria Glössner, die Grande Dame des Berner Theaters, stemmt im ­Effingertheater einen Monolog, in dem die Schriftstellerin Joan Didion den Tod von Mann und Tochter verarbeitet (ab Sa, 24. August).

Die Schauspielerin Heidi Maria Glössner.

Die Schauspielerin Heidi Maria Glössner.

(Bild: Christian Pfander)

Frau Glössner, in «Das Jahr magischen Denkens» bleiben Sie während des ganzen Stücks alleine auf der Bühne. Ist das schwieriger, als wenn da noch andere Schauspielende wären?
Im Gegenteil. Ich finde es viel einfacher, einen Monolog vorzutragen, weil ich dabei auf mich selber gestellt bin und nicht Besonderheiten meiner Kollegen einkalkulieren muss. Ich bin nicht jemand, der sich nur Stichworte merkt, sondern jemand, der immer auch die Textpassagen der anderen auswendig lernt, um inhaltlich voll in der Sache zu sein. Wenns Abweichungen gibt, irritiert das. Von dem her ist es entspannter, wenn ich nur für mich selber verantwortlich bin.

Joan Didion verarbeitet in «Das Jahr magischen Denkens» den plötzlichen Tod ihres Mannes und ihrer Tochter. Wie spielt man so etwas?
Ich versuche nicht, die Emotionen auf der Bühne zu zeigen, sondern beim Publikum Gefühle entstehen zu lassen. Ich zeige quasi nur die Spitze des Eisbergs, und wenn es klappt, fühlt das Publikum die abgrundtiefe Trauer und Tiefe der Figur. «Das Jahr magischen Denkens» ist kein Text, bei dem sich das Publikum berieseln lassen kann. Es ist ein literarischer und anspruchsvoller Text. Man muss sich auf die Themen Tod, Trauer und Abschiednehmen einlassen wollen.

Was bedeutet «magisches Denken»?
Es ist ein Wenn-dann-Denken, wie es früher primitive Völker im Umgang mit ihren Gottheiten pflegten. Wenn ich etwas Bestimmtes tue, wird das eine klar absehbar Folge haben. Im Stück denkt die Protagonistin, dass wenn sie die Schuhe des toten Ehepartners behält, dieser eines Tages zurückkehren wird. Magisches Denken bedeutet in diesem Fall, dass man eine Tatsache nicht wahrhaben will, und der Wunsch, etwas ungeschehen zu machen, stärker ist als die Akzeptanz der Realität. Joan Didion beobachtet sich selber sehr genau und realisiert auch, dass sie in einer absurden Wunschwelt sitzt. Zwischendurch taucht sie aus dieser auf und reflektiert ihre Verdrängungsstrategie schonungslos und selbstironisch. Dann aber taucht sie wieder ab in diese magische Welt. Das zu spielen, ist seelisch sehr erschöpfend.

Didion stammt ursprünglich aus Sacramento, Kalifornien. Sie selber haben als 19-Jährige in Kalifornien gelebt. Gibt es noch andere Parallelen zwischen Ihnen?
Meine inneren Bilder von Los Angeles, Malibu und der ganzen Umgebung decken sich total mit den von Didion beschriebenen, aber was die seelische Komponente anbelangt, gibt es wenig Parallelen zwischen uns. In Interviews oder auf Bildern wirkt Joan Didion immer sehr ernst und bei sich. Manchmal wirkt sie direkt einsam und vielleicht sogar ein bisschen depressiv. Sie hat auch mal gesagt, Verliebtsein sei nichts für sie. Ich war als junge Frau dauer­verliebt, war extrovertiert und hatte ein sehr fröhliches Naturell. Im Wesen sind wir daher wohl nicht verwandt, aber ich habe absolute Hochachtung vor ihrem Geist und der Art und Weise, wie sie Zusammenhänge herzustellen und Dinge akribisch zu beschreiben vermag. Eine sehr gescheite und faszinierende Frau.

Theater an der Effingerstrasse, Samstag, 24. August, 20 Uhr (Premiere).

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