Das Fest der Charakterköpfe

Am einzigen Berner Jazzfestival unter freiem Himmel sind in diesem Jahr mit Ganesh Geymeier, Jeremias Keller und dem Fischermanns Orchestra so einige Jazz-Wildfänge zu erleben.

Der Berner Bassist Jeremias Keller (Mitte) wedelt mit seinem neuesten Projekt Vertigo elegant vom Liedhaften zum Post-Punkigen.

Der Berner Bassist Jeremias Keller (Mitte) wedelt mit seinem neuesten Projekt Vertigo elegant vom Liedhaften zum Post-Punkigen. Bild: Leoni Altherr

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Beinahe jede Strassenkreuzung des Landes hat mittlerweile ihr eigenes Open- Air, überall werden die Unterhaltungskeulen gewetzt und die Tombola-Lose gerollt. Relativ selten ist es dahingegen, dass auch dem Jazz zugetraut wird, unter freiem Himmel zu bestehen. Seit nunmehr 16 Jahren beweisen die Veranstalter von Be-Jazz, das dies prima funktionieren kann, mal vor etwas gesprächigerem, mal vor etwas aufmerksamerem Publikum.

In diesem Jahr muss das Be-Jazz-Sommerfestival wegen Sanierungsarbeiten vom Rathausplatz in den Innenhof des Berner Generationenhauses neben dem Hauptbahnhof ausweichen. Keine Kompromisse ist man dagegen beim Programm eingegangen, in welchem sich dieses Jahr so einige Charakterköpfe des Schweizer Jazz finden.

Dazu gehört der Lausanner Saxofonist Ganesh Geymeier, dem in diesem Jahr die hochverdiente Ehre einer Nomination für den Schweizer Musikpreis zuteilgeworden ist. Der Indien-Schweizer mit dem rauborstigen Ton ist einer, der keine solistischen Floskeln absondert, sondern jedes Solo zum Statement stilisiert. In Bern tritt er mit seinem bisher wohl zugänglichsten Projekt, dem Sextett L’Orage an.

In dieser vom Groove beseelten Band finden sich diverse schillernde Exponenten der Westschweizer Musikszene: An der Gitarre amtet beispielsweise Robin Girod, das Oberhaupt der Bands Mama Rosin und Duck Duck Grey Duck. Oder der Schlagzeuger Nelson Schaer, der im richtigen Leben als Taktgeber bei Erika Stucky angestellt ist. Er strickt bei L’Orage zusammen mit dem malischen Perkussionisten Baba Konaté einen prächtigen Rhythmusteppich. Unnötig zu erwähnen, dass in dieser Konstellation kein gesitteter Wohlfühl-Jazz entsteht, sondern eine ungezügelte Abenteuermusik voller improvisatorischen Draufgängertums.

Der ungezügelte Herr Keller

Einer, der ebenfalls vor keinem Experiment zurückscheucht, ist der an der Hochschule der Künste Bern ausgebildete Bassist Jeremias Keller. Das bisherige musikalische Palmarés des 32-Jährigen ist beachtlich, war er doch – neben mannigfaltig anderem – Mitgründer der viel gerühmten Formation Pommelhorse, liess sich auf Abenteuer mit Django Bates, Domi Chansorn, Colin Vallon oder Malcolm Braff ein, spielte Traumpop mit Kamikaze oder sorgt für die Basstöne im Musical «Mamma Mia».

Ein ziemlich wilder Kerl also, der nun sein neuestes Projekt namens Vertigo vorstellt, in dem es ebenfalls nicht ganz ungefährlich zu- und hergeht. Als Mitstreiter hat er sich den Tastenmann Florian Favre und den Schlagzeuger Lionel Friedli angelächelt. Mit ihnen verfertigt er eine Art Power-Jazz, einen Kunst-Rock im Mini-Format (um nicht zu sagen ein Mini-Rock im Kunstformat), eine Musik, die jederzeit zu Eskapaden bereit ist, die aber auch dem Liedhaften und Atmosphärischen zugetan ist. Abgedeckt wird ein weites Gefühlsfeld, das von Badalamenti-Soundtrack-Artigem bis zum Postpunk-Aufruhr reicht und eine sehr wohltuende Kribbeligkeit auslöst.

Gar nicht mehr viel mit Jazz, sondern viel mehr mit modernem Chanson zu tun hat das Duo L’Horée bestehend aus dem Elektroniker Vincent Membrez (Christy Doran, Sissy Fox) und der Sängerin und Pianistin Fanny Anderegg. Die beiden haben letztes Jahr eine bezaubernde EP eingespielt, irgendwo zwischen gestreichelten Pianoklängen, sphärischer Elektronik und nahe am Mikrofon eingefangenem Gefühlsgesang auf Französisch.

Verspielt und verkopft

Wem das zu gesittet ist, der wird beim Fishermanns Orchestra aus Luzern Trost finden. Was dieses ungezügelte Blas­orchester über die Bühnenbretter schmettert, ist nicht nur von höchster Komplexität, sondern auch von höchster Inbrunst. Seit ihrem umjubelten, gleichermassen verspielten wie verkopften Konzert an der Musikmesse Jazzahead! in Bremen ist die Band in ganz Europa unterwegs und verdreht mit ihren orchestralen Ungeläufigkeiten und zwischenzeitlich eingestreuten Radikalimprovisationen jedem und jeder den Kopf.

Die Rohrblätter sind montiert, die Messingteile zusammengesteckt: Es steht ein sehr facettenreiches Jazzfest an.

Hof Generationenhaus Di, 31. 7.: Me&Mobi / Jeremias Kellers Vertigo. Mi, 1. 8.: Veronikas Ndiigo / L’Orage. Do, 2. 8.: Slawek Plizga Quartett / L’Horée. Fr, 3. 8.: Fischermanns Orchestra / Lolasister. Beginn: 20 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 26.07.2018, 06:45 Uhr

Artikel zum Thema

Vision im Rückspiegel

Berner Woche Die Jazz-Sängerin Sandy Patton feiert ihren 70. Geburtstag mit einem Programm zwischen Klassik und Moderne. Mehr...

Eine rare Liebe

Berner Woche Be-Jazz baut auf dem Rathausplatz seine Sommerbühne auf. Dort wird unter anderem die Harfenistin Julie Campiche ihr neues Quartett präsentieren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Neues auf dem Menüplan
Mamablog Nicht ohne mein Handy

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Ihr Kopf ist so gross wie das Junge: Das Nashhorn Baby Kiano steht im Zoo von Erfurt neben seiner Mutter. (15. Januar 2019)
(Bild: Martin Schutt) Mehr...