Bunte Blumen, böse Enden

Zusammen mit Klassikern wie «Easy Rider» gelangen in der Filmreihe «1968 und das Kino» auch in Vergessenheit geratene Raritäten wie «Psych-Out» und Jean-Luc Godards «La chinoise» zur Wiederaufführung.

Ein Gammler mit Pistole: Martin (Werner Enke) und seine Freundin Barbara (Uschi Glas).

Ein Gammler mit Pistole: Martin (Werner Enke) und seine Freundin Barbara (Uschi Glas). Bild: zvg

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Mitten in der Nacht wird eine Scheibe eingeschlagen. Zwei Männer steigen durch das zerstörte Schaufenster in den Laden und hieven Fernsehgeräte in ein Auto. In einer nahe gelegenen Wohnung schaut ein junger Mann dem Treiben seelenruhig zu. Statt die Polizei zu alarmieren, zieht er den Vorhang zu und legt sich ins Bett.

So beginnt der 1968 entstandene und jetzt in einer Retro programmierte Film «Zur Sache, Schätzchen», in dem Regisseurin May Spils einen neuen Typ von (Anti-)Held etablierte: Martin, gespielt von Spils’ Arbeits- und Lebenspartner Werner Enke, ist das, was damals als «Gammler» bezeichnet wurde. 18 250 Sterne hat er an eine Wand gezeichnet, jeden Tag streicht er einen durch; die Sterne stehen für die 50 Lebensjahre, die er erwartet. Seine Tage verbringt er am liebsten träumend im Bett, und der Geburtstagsparty, die seine Freundin von ihm erwartet, sieht er ebenso bang entgegen wie dem Gang zur Polizei, zu dem ihn ein Freund zwingt: «Das wird böse enden!»

«Das neue Kino»

Sechs Jahre vor «Zur Sache, Schätzchen» publizierten junge Nachwuchsfilmer in Oberhausen ein rebellisches Manifest: «Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen», schrieben sie darin. Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland: Das, was als 1968er-Revolte in die Geschichte einging, kam nicht unerwartet von einem Tag zum nächsten, es hatte sich schon lange vorher angekündet, deutlich hörbar in der Musik (Stichworte: Rock ’n’ Roll und Rolling Stones) und weltweit sichtbar im Kino; die französische Nouvelle Vague, das britische Free Cinema, der Prager Frühling, das brasilianische Cinema Nôvo, die New Yorker Schule, das polnische «Tauwetter» – dies- wie jenseits des Eisernen Vorhangs formierten sich am Ende der 1950er-Jahre kinematografische Erneuerungsbewegungen.

Das geschmähte «Cinéma de papa» allerdings konnten sie nirgendwo wegfegen, es behauptete sich mit James Bond, «Doktor Schiwago», «My Fair Lady» und anderen Grossspektakeln.

Zu den Publikumserfolgen des neuen Autorenkinos gehörte neben der «Schätzchen»-Komödie das Roadmovie «Easy Rider» (1969), in dem Peter Fonda und Dennis Hopper auf Motorrädern durch jenes Monument Valley rasen, in welchem Fondas Vater einst als Wyatt Earp in John Fords Western «My Darling Clementine» geritten war. Fliessend waren in Amerika die Grenzen zwischen altem und neuem Kino: Derselbe Luke Askew, der in «Easy Rider» einen Kommunarden spielt, trat ein Jahr zuvor als Soldat in John Waynes ultrareaktionärem Vietnamkriegsfilm «Green Berets» auf. Der junge Jack Nicholson, in «Easy Rider» als versoffener Provinzanwalt zu sehen, spielt in «Psych-Out» (1968) den langhaarigen Gitarristen einer psychedelischen Rockband; unprätentiös beschreibt dieser Film des vergessenen Regisseurs Richard Rush das San Francisco der Flower-Power-Zeit.

«Ende eines Anfangs»

Zunächst erfolglos war Jean-Luc Godards «La chinoise» (1967), der in der Rückschau geradezu prophetisch wirkt in seiner Schilderung einer scheiternden Gruppe maoistischer Aktivisten und mit dem Zwischentitel «Fin d’un débout» (Ende eines Anfangs) endet. 1968 drehte Godard nebst vielem anderen «One plus One», in dem 13 lange Einstellungen aus dem Übungsraum der Rolling Stones kryptisch verbunden sind mit Theaterszenen mit bewaffneten «Black Panther»-Aktivisten, einem Interview mit Eva Democrazy (Anne Wiazemsky) und anderen Motiven.

«Das wird böse enden»: Etliche Filme in der Reihe 1968 und das Kino enden tatsächlich böse. Dazu gehört neben «Easy Rider, «Zabriskie Point» und dem Schweizer Dokumentarfilm «Krawall» auch Rudolf Thomas «Rote Sonne» (1969), eine Thrillergroteske um eine mörderische Frauen-WG, an deren Ende sich die legendäre Uschi Obermaier (die während des ganzen Drehs von ihrem damaligen Freund Rainer Langhans überwacht wurde) und der «Gammler» Marquard Bohm einen Showdown à la «Duel in the Sun» liefern.

Weniger blutig, aber zerstörungsintensiv ist das Treiben der zwei Frauen, die in «Sedmikrasky» («Kleine Margeriten», 1966) Konsumisten in aller Welt einen Spiegel vors verstörte Gesicht halten; der mit viel Slapstick aufwartende und in der Farbgebung exzentrische Film Vera Chytilovas gehört zu den buntesten Blüten des Prager Frühlings, der im August 1968 brutal durch russische Panzer beendet wurde, und sorgt als Dauerbrenner in Reprisenprogrammen immer noch für kontroverse Diskussionen.

Kino Rex ab Do, 5. 4., 18.15 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 05.04.2018, 06:56 Uhr

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