«Auf Zehenspitzen am Klavier»

Ins Ungewisse pulsieren: Die Luzerner Pianistin und Komponistin Luzia von Wyl ist eine der vielversprechendsten Grenzgängerinnen des Schweizer Jazz.

«In meinem Ensemble spielt es keine Rolle, ob am Schlagzeug eine Frau oder ein Mann sitzt, viel wichtiger ist, dass es musikalisch passt»: Luzia von Wyl Bild: Stefan Deuber

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Auf den Pressebildern Ihres Ensembles sind Sie umringt von neun Männern. Freut oder ärgert es Sie, dass es das Erste ist, worüber wir sprechen?
Weder noch. Bei mir ist diese Konstellation tatsächlich rein zufällig entstanden. Für mich spielt es keine Rolle, ob am Schlagzeug eine Frau oder ein Mann sitzt. Viel wichtiger ist mir, dass es musikalisch passt. Aber es ist leider eine Tatsache: Im Jazz – wie fast überall im Musikbusiness – gibt es nach wie vor einfach mehr Männer, gerade an Instrumenten wie Schlagzeug oder Kontrabass.

Die Jazz-Leiterin der Hochschule der Künste Bern hat mal von «dramatischen Verhältnissen» gesprochen.
Ja, während meines Studiums in Komposition an der HKB war ich tatsächlich die einzige Frau meines Jahrgangs. Mir hat das aber nichts ausgemacht.

Das Thema steht bei Ihnen also weniger im Vordergrund als zum Beispiel bei der ewig-kämpferischen Jazz-Pionierin Irène Schweizer. Warum?
Ich habe Irène Schweizer letztes Jahr am Jazzfestival Schaffhausen persönlich getroffen und mit ihr genau darüber gesprochen. Der grosse Unterschied zwischen uns ist, dass sich ihre Generation vieles erkämpfen musste, was heute selbstverständlich ist. Sie hat sich zum Beispiel daran erinnert, dass sie an einer Preisverleihung einst ein Herrenhemd überreicht bekam. Frauen waren damals oft noch nicht gleichwertig akzeptiert auf der Bühne. Ich hingegen hatte immer das Gefühl, die gleichen Chancen zu haben wie meine männlichen Kollegen, sei es bei der Ausbildung, bei der Gründung meiner Band oder auch bei Veranstaltern.

Wann war für Sie klar, dass diese Musik das ist, was Sie machen wollen?
Es gibt ein Foto von mir, da bin ich etwa einjährig, stehe auf Zehenspitzen vor unserem Klavier und erreiche mit den Fingern knapp die Tasten. Bei uns zu Hause standen viele Instrumente, etwa ein Kontrabass, ein Schlagzeug, Gitarren, ein Akkordeon und zwei Alphörner. Wir haben nie viel Musik gehört, aber viel Musik gemacht. Ich habe schon Klavier gespielt, lange bevor ich Noten lesen konnte, und wusste bald, dass ich nichts anderes machen wollte. Ich studierte erst klassisches Klavier in Luzern, anschliessend Komposition an der Jazzabteilung in Bern.

Dieses Schwingen zwischen den Stilen hat sich in Ihrer Musik niedergeschlagen: In Ihrem Ensemble gibt es unter anderem ein Fagott, das man im Jazz nur selten antrifft, oder eine Marimba, die oft in der Neuen Musik zum Einsatz kommt. Wie vermeiden Sie, dass der Zusammenprall dieser musikalischen Universen in leicht verdaulichem David-Garrett-Crossover endet?
Mich interessiert nicht, einen Jazzstandard für ein Sinfonieorchester zu arrangieren oder ein klassisches Werk mit einem Schlagzeug aufzuführen. Mich reizen aber Elemente aus beiden Stilrichtungen. Ich mag zum Beispiel die Farben eines klassischen Orchesters und grosse dramaturgische Bögen. Ich liebe aber auch die Improvisation, den Groove und den Puls des Jazz. Diese verschiedenen Elemente versuche ich so zu kombinieren, dass eine eigene musikalische Sprache entsteht. Dies erweist sich manchmal als Gratwanderung.

Ihr neues Programm heisst «Throwing Coins». Wo liegt der musikalische Zauber einer geworfenen Münze?
Die Idee zum neuen Programm kam mir in Rom am Trevi-Brunnen. Wirft man eine Münze in diesen Brunnen, werde man nach Rom zurückkehren – so sagt man. Manche werfen also eine Münze, um das Schicksal zu beeinflussen, andere wiederum werfen eine Münze, um eine Entscheidung zu fällen. Für mich symbolisiert das Münzenwerfen einen Moment des Loslassens, des Ungewissen, er hat aber auch etwas Freches und Fröhliches. Beim Komponieren sind es oft Bilder, die mich inspirieren. Häufig probiere ich am Klavier Verschiedenes aus, verwerfe die Ideen wieder, komme vom Schluss zum Anfang. Sehr wichtig sind immer auch die Vorschläge meiner Mitmusiker.

Der grosse George Gershwin hat einst gesagt: «Jazz ist das Ergebnis der Energie, die in Amerika gespeichert ist.» Sie leben seit ein paar Monaten auf unbestimmte Zeit in New York. Spüren Sie diese Energie?
Der Jazz kommt natürlich aus Amerika, und dies ist einer der Gründe, warum ich nach New York gezogen bin. Ich selber habe ihn aber in Europa kennen gelernt und empfinde gerade die Schweizer Jazzszene ebenfalls als ausserordentlich kreativ. An New York berauscht mich vor allem die Qualität der Musik und die Dichte an unglaublich guten Musikern – sogar die Strassenmusiker spielen auf höchstem Niveau. Die Energie der Stadt ist sehr inspirierend. Und die Stildiskussion ist dort weniger ein Thema als hier. Das ermutigt mich, auch weiterhin meinen ganz eigenen Weg zu gehen. (Der Bund)

Erstellt: 19.01.2017, 07:15 Uhr

Winterfestival: Das Programm

Auch dieses Jahr präsentiert das Be-Jazz-Winterfestival in den Vidmarhallen von
Do, 19., bis Sa, 21. 1.
, die Blüten des aktuellen Schweizer Jazz. Neben klassischen Formationen, Improvisationen und Klangexperimenten ist ein Schwerpunkt die lateinamerikanische und afro-karibische Musik.

Donnerstag
676 Nuevotango Nonett (20 Uhr)
Tellurian (21.45 Uhr)

Freitag
Hagmann’s Choice (18 Uhr)
Nils Wogram & Bojan Z (20 Uhr)
OM (21.45 Uhr)

Samstag
Luzia von Wyl Ensemble (Interview, 20 Uhr)
Michael Fleiner & Septeto Internacional (21.45 Uhr)

www.bejazz.ch

Luzia von Wyl

Die 31-jährige Luzernerin Luzia von Wyl studierte Klavier und Komposition in Bern, Zürich und Luzern. 2010 gründete sie ihr 10-köpfiges Ensemble, mit dem sie 2014 das Album «Frost» veröffentlichte: ein mäanderndes Gesamtkunstwerk aus Jazz, Klassik, Film- und Worldmusik. Der nächste Tonträger soll Ende 2017 erscheinen. Am Be-Jazz-Winterfestival präsentiert sie mit ihrem Ensemble ihr neues Programm «Throwing Coins». (xen)

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