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Auf Anhieb gut verstanden

Für die Saxofonistin Co Streiff kam die Entdeckung des Free Jazz einer «Explosion» gleich. Mit ihrem Lieblingsquartett meldet sie sich nach einer langen Pause zurück. (am 11. Oktober)

Drei Viertel des expressiven Quartetts: Co Streiff, Russ Johnson und Christian Weber.
Drei Viertel des expressiven Quartetts: Co Streiff, Russ Johnson und Christian Weber.
zvg

Co Streiff bezeichnet 2019 als Glücksjahr: Mit 60 Jahren kann sie ein Comeback als Musikerin feiern. Dies nach einer mehrjährigen Pause, in der sie erfolgreich in den Primarlehrerinnenberuf quereingestiegen ist: «Plötzlich war ich mittendrin in der Gesellschaft.» Ende August gab die Saxofonistin am Jazzfestival Willisau ein Solokonzert.

Und nun, noch einem Aufenthalt als Artist-in-Residence in London, kommt es im Rahmen einer sechs Konzerte umfassenden Tournee durch die Schweiz zur Wiederbegegnung mit dem US-Trompeter Russ Johnson, den sie als Seelenverwandten bezeichnet. 2011 nahm ein von Streiff und Johnson geleitetes Quartett die aufregende und facettenreiche CD «In Circles» auf.

Dass dieses Quartett nun wieder live zu hören ist, darf als Glücksfall bezeichnet werden, bringt es doch Groove und Abenteuer, Form und Freiheit auf beeindruckende Weise unter einen Hut. Vervollständigt wird die bravouröse Band durch den kraftvoll-agilen Kontrabassisten Christian Weber und den Schlagzeuger Gerry Hemingway, der seine Reaktionsschnelligkeit bereits in einem vom afroamerikanischen Musikvisionär Anthony Braxton geleiteten Quartett unter Beweis stellte.

Glücklicher Zufall in Italien

Zur kongenialen Kooperation zwischen Streiff und Johnson kam es in Italien, wie sie sich erinnert: «Es war ein glücklicher Zufall. Ich war mit Irène Schweizer unterwegs, er mit einer Gruppe des Genfer Saxofonisten Nicolas Masson. Wir reisten gemeinsam. Russ und ich haben uns auf Anhieb gut verstanden.» Er stiess dann zu Streiffs Sextett, und später gründeten sie das Quartett.

Die Saxofonistin und den Trompeter verbindet ein ähnlicher musikalischer Geschmack. Als wichtige Inspirationsquellen nennt Streiff das Art Ensemble of Chicago, das Ornette Coleman Quartet, die vom Schlagzeuger Andrew Cyrille geleitete Gruppe Maono sowie die Saxofonisten Eric Dolphy, Oliver Lake und Roscoe Mitchell. Streiff bezeichnet diese Musik als «authentisch, intensiv und expressiv». Ähnliches gilt für unverfälschte Volksmusik-Idiome aus ganz unterschiedlichen Weltgegenden wie West- und Nordafrika oder Grönland, mit denen sich Streiff, die mit dem Zirkustheater Federlos mehrere Reisen durch Afrika unternahm, intensiv auseinandergesetzt hat.

Die Entdeckung des Free Jazz im Alter von 17, 18 Jahren war für Streiff eine Art Epiphanie, die sie als «Explosion von Sound und Energie» bezeichnet: «Ich habe die wildesten Sachen gehört und mich aufgehoben gefühlt.» Und so hängte sie die Flöte, auf der sie klassische Musik spielte, an den Nagel und griff zum Saxofon.

Anfang der 1980er-Jahre war die Jazzszene allerdings noch viel stärker von Männern dominiert als heute – und diese Dominanz bekam Streiff zu spüren. Bei einem Abstecher an die Swiss Jazz School in Bern kam sie sich wie ein Einhorn vor. In St. Gallen fand sie dann Ermutigung durch die Pianisten Art Lande und Uli Scherer. Letzterer brachte sie zum Vienna Art Orchestra. 1986 kam es am feministischen Canaille-Festival zur folgenreichen Begegnung mit der Pianistin Irène Schweizer. 2002 erschien deren Duo-CD «Twin Lines», für die Streiff die Stücke komponierte.

Nicht für oberflächlichen Konsum

Als Komponistin folgt Streiff keiner festen Methode. «Mir fällt fast nie etwas zu. Meistens gehe ich von Fragmenten aus, diese können rhythmischer, melodischer oder atmosphärischer Natur sein. Ich bin keine Vielschreiberin und brauche Auszeiten zum Komponieren. Manchmal kommt mir aber auch beim Üben ein Einfall für ein Stück», führt sie aus.

Als absurd hoch taxiert sie den Aufwand, den man heute betreiben müsse, um zu Konzertangeboten zu kommen. «Das ist eine unerfreuliche Geschichte», sagt sie. «Es wird zwar behauptet, dass mit den sozialen Medien alles leichter gehe, doch das stimmt einfach nicht. Man muss immer mehr Promo-Material produzieren. Und am Schluss geht es darum, wie viele Follower man hat.» Doch für Klicks und Likes müsse man sich ja nicht einmal die Musik angehört haben. Tatsächlich eignet sich Streiffs Musik überhaupt nicht für den schnellen und oberflächlichen Konsum. Man muss bereit sein, in sie einzutauchen, um von ihr mitgerissen zu werden.

Be-Jazz-Club Vidmarhallen: Freitag, 11. Oktober, 20.30 Uhr.

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