«Auch ein Handyfilm kann genial sein»

Innert weniger Monate Tausende Kurzfilme anschauen? Da hört der Spass doch auf. Nicht so für Bernhard Schürch, der als Mitglied der Programmkommission Filme für Shnit sichtet.

So ähnlich dürfte es nächsten Mittwoch in der Heiliggeistkirche wieder aussehen: Vor der Shnit-Eröffnung vom vergangenen Jahr.

So ähnlich dürfte es nächsten Mittwoch in der Heiliggeistkirche wieder aussehen: Vor der Shnit-Eröffnung vom vergangenen Jahr. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Es sei ein bisschen wie bei einem Höhlenforscher. Oder sonst einem exotischen Job, der attraktiv scheint, aber auch etwas rätselhaft. «Die Leute haben oft keine genaue Vorstellung von dem, was ich mache», sagt Bernhard Schürch. Er ist seit 2014 Mitglied der Programmkommission des Berner Festivals Shnit – und sichtet in dieser Funktion jedes Jahr bis zu 2000 Kurzfilme. «Die Reaktionen gehen von ‹Das tust du dir an?› bis zu ‹Cool, Filme schauen und dafür bezahlt werden›.»

Dieser Job, oder besser, Nebenjob (denn hauptberuflich führt Schürch das Kino Cinématte in Bern) ist schon mehr Arbeit als Vergnügen: Es sind gerade einmal vier Leute, die aus der Masse von Filmeinsendungen um die 200 auswählen und zu einem sinnvollen Programm bündeln müssen.

Die Zahl der Filme, die bei Shnit eingereicht wurden, überstieg 2015 zum ersten Mal 10 000 – mehr als bei vergleichbaren Festivals. Shnit war gezwungen, die Reissleine zu ziehen, und verlangt seit 2016 Einreichgebühren. Damit hat man die Anzahl der Einsendungen senken können – und gleichzeitig die Qualität gesteigert, wie Festivaldirektor Olivier van der Hoeven sagt: «Die Regisseure überlegen sich gründlicher, ob und welche Filme sie bei uns einreichen.»

Dennoch bleiben auch so noch mehrere Tausend Werke zum Sichten. Ab Anfang Jahr bekommen die Mitglieder der Programmgruppe jeweils Filme zugeteilt, die sie zunächst allein visionieren (heute meist online, nur noch wenige auf DVD). Dann gibt es monatliche Treffen, an die alle ihre Favoriten mitbringen, die gemeinsam angeschaut und diskutiert werden. «Das sind oft ganz muntere Gespräche», drückt es Bernhard Schürch aus, bei denen Lieblinge verteidigt oder auch mal erste Eindrücke revidiert würden.

Was muss denn ein Film haben, dass er bei Shnit ins Programm kommt? Eine gute Story gehöre dazu, so Schürch, eine originelle Machart, auch einen gewissen Unterhaltungswert dürfe ein Film haben. Was die Technik angehe, sei das Niveau sowieso sehr hoch – das Equipment, das früher nur Produktionen mit Millionenbudgets zur Verfügung hatten, ist heute in jedem Elektronikmarkt erhältlich. «Aber es ist alles möglich: Auch ein verwackelter Handyfilm kann genial sein, wenn die Form zum Inhalt passt.»

Schürch schaut, wenn er alleine visioniert, fast jeden Film zu Ende. Ausser, es ist schon von Anfang an klar, dass es sich um Konfektionsware handelt – schliesslich liegt der Ehrgeiz ja darin, genau jene Trouvaillen zu finden, die man so noch nicht zu sehen bekam. Aber jeder habe eine Chance verdient: «Im besten Fall können wir einem Film zu einer internationalen Festivalkarriere verhelfen; diese Verantwortung nehme ich ernst.»

Schliesslich findet Shnit weltweit statt. Das bedingt allerdings auch, dass ein Film von Moskau bis Kapstadt, von Bangkok bis Buenos Aires funktionieren und verstanden werden muss. Auch dies ist jeweils ein Thema im Juni, wenn sich die Programmgruppe zu einer Intensivwoche trifft, an der um das definitive Programm gefeilscht wird.

Seit letztem Jahr steht den Programm-Machern ein zusätzliches Instrument zur Verfügung, das hilft, die für Shnit interessantesten Titel zu suchen – es ist eine Art Suchmaschine, die mit massgeschneiderten Parametern gefüttert werden kann. Als der «Kleine Bund» vor einem Jahr darüber berichtete, gab es Kritik: Manche befürchteten, dass nun ein unbarmherziger Algorithmus ein seelenloses Programm zusammenstelle.

Das «Tool», wie es Olivier van der Hoeven nennt, ist aber nur zur Ergänzung gedacht. Es soll helfen, jene Filme aufzuspüren, die nicht bei Shnit eingereicht wurden, aber am Festival nicht vorbeigehen dürfen. Auch eine geografische Region, die sonst untervertreten ist, kann so berücksichtigt werden. Allerdings geht jeder Film, egal ob eingesandt oder errechnet, durch die menschliche Sortieranlage der Programmkommission.

Auch die Bestückung der einzelnen Filmblöcke geschieht analog. Dazu werden Stills der ausgewählten Filme auf Kärtchen geklebt. Diese wiederum sind unterschiedlich lang, entsprechend der Filmlänge, und zusätzlich farblich markiert, je nachdem, ob es sich um einen aufrüttelnden oder komischen, animierten oder dokumentarischen Film handelt. Schliesslich will niemand einen Block voller osteuropäischer Problemfilme oder einen voller dänischer Gaunerkomödien sehen. Und überdies sollten die Programmblöcke insgesamt ungefähr dieselbe Länge haben. Also eine ziemlich vertrackte Sache, an der man aber grossen Spass habe, sagt Olivier van der Hoeven.

Ein Spiegel der Aktualität

Und wie sieht er denn nun aus, der Filmjahrgang 2017? Ist es wiederum die Flüchtlingsthematik, die auffällt, so wie letztes Jahr? Dieses Thema sei immer noch präsent, sagt Bernhard Schürch. Ebenso wie der Syrienkrieg oder die Digitalisierung. «Der Kurzfilm spiegelt, etwas zeitversetzt, die Aktualität stärker als der Langfilm», so van der Hoeven. Auch sehe man den Filmen an, wenn wieder eine neue Technologie erschwinglich werde: «Drohnen werden gerade ziemlich häufig eingesetzt.»

Nur wenige haben eine solche Übersicht über die weltweite Kurzfilmproduktion wie die Shnit-Macher. Stellt sich aber, gerade mit etwas höherem Dienstalter, nicht irgendwann das Gefühl ein, man hätte schon alles gesehen in der Welt des kurzen Films? Nein, sagt Bernhard Schürch, die Begeisterung sei nach wie vor da. Sich über Monate massenhaft Kurzfilme anzusehen, dafür brauche es aber schon ein überdurchschnittliches Interesse am Kino.

Und wie bringt man es fertig, sich einen klaren, frischen Blick zu bewahren? Training einerseits, so Schürch. Andererseits, und das überrascht zunächst, brauche es eine Art Distanziertheit: «Wenn du nonstop Filme schaust, dann passt sich die Wahrnehmung an. Du tauchst weniger ein, als wenn du zum Vergnügen im Kino bist, bleibst wachsam», erklärt Schürch. «Wenn dich in diesem Zustand ein Film dann trotzdem berührt oder aus der Reserve lockt, dann ist das ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er gut ist.» (Der Bund)

Erstellt: 12.10.2017, 06:52 Uhr

Shnit: 18.–22. Oktober

2017 feiert das Kurzfilmfestival Shnit seine 15. Ausgabe. Was 2003 in der Reitschule klein begann, ist heute ein weltumspannendes Festival, das in acht Städten gleichzeitig stattfindet. 100 Filme buhlen dieses Jahr im Internationalen Wettbewerb um Preise, im Schweizer Wettbewerb sind es 20. Dieses Jahr neu in Bern: die Mansarde des Stadttheaters als Spielstätte, ein «Kuschelkino» im Zytglogge-Theater, ein Abend mit der Kultmoviegang sowie Filmblöcke mit dem Besten aus 15 Jahren Shnit. www.shnit.org

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