«Arbeitsmoral ist eine Ersatzreligion»

Das Kollektiv Peng! Palast ergründet in seinem multimedialen Theaterstück «Faul!» unser Verhältnis zu Arbeit, Arbeitspflicht und Arbeitslosigkeit und reist dafür nach Griechenland.

Die Gruppe Peng! Palast nimmt in «Faul!» auch ihre eigene Arbeitshaltung als freischaffende Künstler aufs Korn.

Die Gruppe Peng! Palast nimmt in «Faul!» auch ihre eigene Arbeitshaltung als freischaffende Künstler aufs Korn. Bild: Rob Lewis

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Lehnen Sie doch einmal kurz zurück und überlegen Sie sich Folgendes: Wie viel haben Sie heute schon gearbeitet? Sind Sie mit Eifer zur Sache gegangen? Wurden Sie dafür gerecht entlöhnt? Haben Sie etwas Sinnvolles geschaffen? Oder wären Sie vielleicht lieber auf der faulen Haut gelegen?

Es sind Fragen wie diese, die sich um Arbeitsalltag, Arbeitseifer, Arbeitspflicht, Arbeitslosigkeit und Arbeitsethik drehen, welche das Theaterkollektiv Peng! Palast in seinem neuen Stück «Faul» verhandelt. Ja, das klinge furchtbar theoretisch, sagt der künstlerische Leiter Christoph Keller, und nein: Langweilig und kopflastig sei «Faul!» deswegen keinesfalls.

Arbeitsmoral im Scheinwerferlicht

Das Theaterkollektiv Peng! Palast ist bekannt dafür, dass es in seinen Stücken Wirklichkeit mit Fiktion, Gesellschaftspolitisches mit Persönlichem und Eingeübtes mit Improvisation kreuzt und dabei auch gerne das Absurde, Tragikomische und Allzumenschliche auslotet. So auch in «Faul!».

Im Zentrum des Stückes steht eine Reise des Ensembles nach Griechenland. Peng! Palast spielen also sich selber, wie sie vor Ort Recherchen zum Thema «Hoffnung in der Krise» anstellen. In dem Land, von welchem in anderen europäischen Staaten auch schon behauptet wurde, dass die Menschen faul seien, tauscht sich die Theater-Crew mit Vertretern und Vertreterinnen verschiedener Arbeitsformen aus. Dazu gehören gemeinnützige Projekte, Bürgerinitiativen, Wohnprojekte, Nachbarschafts- und Flüchtlingshilfe und Künstlerkollektive.

Aus dem Material, so der Plan, soll dann ein dokumentarisches, politisches Theaterstück entstehen. Dieses Vorhaben wird allerdings fallen gelassen, als das Ensemble in verlassenen Ruinen den Stücktext einer verschollen geglaubten griechischen Komödie entdeckt. Diese soll nun zur Aufführung gebracht werden und zwar möglichst pompös. Weil dazu das Budget aber nicht reicht, treten einige Schauspieler in Streik, womit plötzlich auch die Arbeitsmoral von Peng! Palast selber ins Scheinwerferlicht gerückt wird.

«Wir nehmen in ‹Faul!› auch unsere eigene Arbeitshaltung als freischaffende Künstler aufs Korn», sagt Co-Autor und Co-Dramaturg Raphael Urweider. «Gleichzeitig beleuchten wir, von wo Phänomene wie Arbeitsdruck und Stress kommen und warum uns das Nichtstun so schwerfällt. Rational ist es ja nicht erklärbar, warum wir in einer Welt der Überproduktion glauben, ständig noch mehr tun und herstellen zu müssen. Darum glaube ich, dass die Arbeitspflicht wie eine Ersatzreligion in unserem kapitalistischen System funktioniert.»

Es kommt nicht von ungefähr, dass Peng! Palast für ein Stück, das sich um Arbeitsmoral und Arbeitslosigkeit dreht, nach Griechenland reist. Seit rund zehn Jahren befindet sich die Wirtschaft des südosteuropäischen Staates in Rezession und Stagnation, wobei die Arbeitslosigkeit zurzeit bei 20 Prozent liegt. Vor Ort habe er festgestellt, dass die hohe Arbeitslosenquote paradoxerweise auch dafür sorge, dass der soziale Druck sinke, sagt Keller. «Bei uns herrscht das Credo, dass man 100% arbeiten muss und ein Verlierer ist, wenn man das nicht tut. Weil in Griechenland so viele arbeitslos sind, wurde dieser Leistungsgedanke revidiert. Ausserdem leben die Menschen mehr im Moment und sind weniger auf die Zukunft fixiert.»

Mehrwert ohne Karriere

Bei seinen Besuchen von sozialen Projekten, welche der kapitalistischen ­Logik widersprächen, habe er beeindruckende Unterfangen und Menschen kennen gelernt, sagt Keller. «Sozialhilfeempfänger haben ein Internetcafé aufgebaut, in welchem sie kostenlose Rechtsberatung, Sprach- und Computerkurse anbieten. Diese Menschen schaffen einen enormen Mehrwert und zwar ohne Karriere-Anreiz.»

Aus der Not, welche die wirtschaftliche Krise hervorgebracht hat, sind in Griechenland Menschen näher zusammengerückt und beginnen, alternative Lebens- und Arbeitsformen zu erproben. Es wäre allerdings vermessen zu behaupten, dass eine Wirtschaftskrise etwas Gutes sei, betont Raphael Urweider. «Eine Krise alleine macht noch keine neue Welt. Aber eine Krise kann eine neue Ausgangslage für Innovation und Veränderung schaffen.»

Peng! Palast verquicke in «Faul!» ­Erlebnisse von den Recherchereisen mit theoretischen Überlegungen und persönlichen Reflexionen zu einer ­temporeichen Komödie, sagt Christoph Keller. Dabei würden auch mögliche ­Alternativen zum kapitalistischen Arbeitsmodell verhandelt. Diese seien früher oder später unumgehbar, glaubt Raphael Urweider, zumal die gängige Terminologie ja schon jetzt nicht mehr greife, wie auch das Beispiel Griechenland zeige. «‹Arbeitslos› zu sein heisst ja eigentlich nur, dass man nicht offiziell arbeitet. Es heisst ja nicht, dass man nichts tut».

(Der Bund)

Erstellt: 15.11.2018, 06:45 Uhr

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