Anständige und Randständige

Ja, es gibt ein Schweden jenseits von Bullerbü: Das beweist eine aktuelle Filmreihe im Kino Cinématte.

Sie sollen bleiben, wo sie herkommen: Mädchen aus Lappland im Film «Sami – A Tale from the North».

Sie sollen bleiben, wo sie herkommen: Mädchen aus Lappland im Film «Sami – A Tale from the North». Bild: zvg

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Gleich zwei Ausrufezeichen hat dieser Kurzfilm im Titel. «Fight on a Swedish Beach!!» heisst er, und das klingt wie ein Ausruf des Erstaunens: völlig undenkbar, dass es in einer schwedischen Strand-Idylle zu einem Streit kommen könnte! Und doch geschieht genau das, als eine Gruppe angeheiterter Jugendlicher ein Glacé-Schild klaut und einer von ihnen beginnt, «Sieg Heil!» zu rufen, worauf sich ein älteres Ehepaar aufmacht, den Schnöseln die Leviten zu lesen.

Dieser Kurzfilm scheint eine hingeworfene, kunstlose Skizze zu sein, aber das ist gerade die grosse Kunst daran: Innert 15 Minuten schaufelt Regisseur Simon Vahlne wie nebenbei die tiefen Gräben innerhalb einer Gesellschaft frei, die nur vermeintlich harmonisch ist. Und er stellt die Frage nach der Intoleranz von denen, die sich für tolerant halten: Wie weit dürfen die Anständigen gehen, um den Anstand zu verteidigen?

Vahlne produzierte seinen Film bei der schwedischen Firma Plattform Produktionen, wo auch der Cannes-Gewinner Ruben Östlund seine Werke veröffentlicht. Letzterer kratzt seinerseits ja ganz gerne an den schönen Fassaden, zuletzt in «Turist» und demnächst, ab Oktober, in der Kunstsatire «The Square».

Aktuelles Kino aus Schweden gibt es nun auch in der Cinématte zu sehen, die in Zusammenarbeit mit der schwedischen Botschaft eine Reihe von jüngeren Lang- und Kurzfilmen präsentiert. Und in so manchem erweist sich das Zusammenleben als verpestet; nicht nur am schwedischen Strand, sondern auch in der schwedischen Vergangenheit. Der Eröffnungsfilm der Reihe, «Sami – A Tale from the North», geht in die Dreissigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurück, nach Lappland. Da kommt gerade das Mädchen Elle-Marja zusammen mit ihrer Schwester ins Internat. Man muss sich das allerdings nicht als gehobene Anstalt vorstellen, sondern eher als Abstellkammer des Bildungswesens, denn hier werden die Kinder der Samen unterrichtet.

Als wärs eine gefährdete Art

Wie eine Volksgruppe drangsaliert und systematisch kleingemacht wird, führt Regisseurin Amanda Kernell in «Sami» fast exemplarisch vor. Wissenschaftler aus Uppsala vermessen die Kinder, fotografieren sie nackt – nur um am Ende den Beweis zu erbringen, dass die Samen nicht für höhere Schulen oder das Leben in der Stadt taugen. «Ihr müsst hier bleiben, sonst sterbt ihr aus», sagt die Lehrerin einmal, als ginge es um eine gefährdete Tierart.

Elle-Marja, die ihren Sami-Namen ablegen wird, ist allerdings aufmüpfig genug, um ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Und das muss sie: Auch bei den vermeintlich aufgeschlossenen Bildungsbürgern in Uppsala erfährt sie keine Hilfe. Besonders schmeichelhaft ist das Bild, das die Filmemacher von der schwedischen Gesellschaft gestern wie heute zeichnen, also nicht. Aber es fügt der Idee von Schweden als einem Ort der Menschenfreundlichkeit, quasi einem einzigen grossen Bullerbü, eine realistischere Facette hinzu. (Der Bund)

Erstellt: 07.09.2017, 07:09 Uhr

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Das Programm

Bis Ende Monat zeigt das Berner Kino Cinématte vier neuere schwedische Langfilme sowie ein Kurzfilmprogramm. Der Eröffnungsfilm «Sami» (11. 9., 19.30 Uhr, und 15. 9., 21 Uhr) ist eine Vorpremiere; der offizielle Schweizer Kinostart ist am 14. Dezember. «Fight on a Swedish Beach!!» läuft am Kurzfilmabend; sein Regisseur Simon Vahlne ist anwesend und führt in das Kurzfilmprogramm ein (18. 9., 20 Uhr). (reg)

www.cinematte.ch

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