Anschwellendes Selbstbewusstsein

Berner Woche

Seine gezeichneten Muskelmänner wurden zu schwulen Ikonen. Vom Werdegang des Künstlers Touko Laaksonen (1920–1991) erzählt der Spielfilm «Tom of Finland».

Künstlerseele in Lederkluft: Pekka Strang spielt Tuoko Laaksonen, der als Tom of Finland die schwule Ästhetik prägte.

Künstlerseele in Lederkluft: Pekka Strang spielt Tuoko Laaksonen, der als Tom of Finland die schwule Ästhetik prägte.

(Bild: Josef Persson/ Helsinki Filmi Oy)

Regula Fuchs

Man muss diese Bilder nicht mögen. Diese akkurat gezeichneten bulligen Kerle in Lederkluft, an denen sich alles wölbt und beult, an Bizeps, Torso, Hintern. Und im Schritt. Der Urheber dieser schnauzbärtigen Fantasiemänner nannte sich Tom of Finland – und er selber war alles andere als ein Grobian. Touko Laaksonen hiess er, von eher schlaksiger Statur war er, und der finnische Spielfilm «Tom of Finland» fächert nun sein Leben auf.

Das Biopic eröffnet am Donnerstagabend das Filmfestival Queersicht (siehe Text rechts), und einmal mehr macht der Blick zurück in die homosexuelle Geschichte klar, dass auch im aufgeklärten Europa bis vor noch gar nicht so langer Zeit nichts selbstverständlich war. Und dass sich Schwulsein damals einzig im Dunkeln abspielen konnte, nachts im Park, hinter Büschen, wo Blicke wie Angelhaken ausgeworfen wurden und hastige, wortlose Begegnungen folgten. Und wenn es dann doch einmal zu einem schwulen Tanzabend in einer Wohnung kam, wurden die Vorhänge gezogen und die Lampen mit Tüchern verhüllt. Ein bisschen wie zu Kriegszeiten, und dort setzt der Film von Regisseur Dome Karukoski auch ein.

Trauma und Faszination

Atemberaubend geschnitten sind diese Anfangsszenen, von den Mündern zweier Männer, die sich einander nähern, geht es nahtlos zum Bombenangriff: Eros und Tod, Zärtlichkeit und Gewalt kollidieren. Eben noch hat Leutnant Tuoko Laaksonen (Pekka Strang) in einer Kampfpause ein kleines Kaninchen beobachtet, da landet ein Russe mit dem Fallschirm vor ihm, und bevor man sichs versieht, zückt der Finne sein Messer und meuchelt den Feind. Die Leiche in der summenden Sommerwiese, die Ledermütze des toten Russen, sein Schnurrbart, sein kantiges, schönes Gesicht: Da manifestieren sich Trauma und Faszination des Touko Laaksonen, und dieser tote Mann in Uniform wird das Urbild werden für all die Lederkerle, die der Grafiker nach dem Krieg zeichnen wird.

Auch das geht nur im Versteckten, selbstverständlich, denn diese Zeichnungen sind nicht bloss Papier, sondern ein Grund, im Gefängnis zu landen. Im Finnland der Fünfzigerjahre werden noch immer Männerpaare im nächtlichen Park von der Polizei verprügelt, Schwule noch immer in die Psychiatrie gesteckt, um «geheilt» zu werden. Finnland schickt «Tom of Finland» heuer ins Rennen um den fremdsprachigen Oscar, und das ist durchaus berechtigt angesichts der visuellen Sorgfalt, mit der Karukoski diese Biografie zeichnet, auch wenn der Film gelegentlich etwas zur Heldenerzählung tendiert.

Ob es nun Kunst ist oder Pornografie, was Tom of Finland zu Papier bringt, damit hält sich Karukoski aber nicht gross auf – erstaunlicherweise kommen die Tom-Boys mit ihren grotesk angeschwollenen Gliedern kaum ins Bild. Klar wird aber: Dieser Touko Laaksonen prägte nicht nur eine schwule Ästhetik und eine Szene, die ihre Muskeln gern in Leder und Ketten packt. Seine Männer-Fantasien waren mehr als erotische Hirngespinste: Sie forderten kraftvoll das Existenzrecht ein für jene, die endlich aus dem Dämmerlicht heraustreten wollten.

Der Bund

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