Anklopfen, tanzen!

Die Gruppe Kokoko! aus Kinshasa hätte viel zu berichten, doch sie darf nicht. Politische Musik ist in ihrem Land kaum möglich. So setzt das Kollektiv auf das Zelebrieren entfesselter Kreativität.

Archaischer Futurismus: Die Gruppe Krokoko! aus Kinshasa.

Archaischer Futurismus: Die Gruppe Krokoko! aus Kinshasa.

(Bild: zvg)

Ane Hebeisen

Nachdem die Frage gestellt ist, wird es für einen kurzen Moment still. Dabei handelte es sich um eine recht harmlose Erkundigung: Gibt es eine übergeordnete Message in den Texten der Gruppe Kokoko? Makara Bianko, der Vorsteher der Band, sitzt vor dem Mikrofon und holt tief Luft. Darüber könne er nicht sprechen, ist seine Antwort. Man konzentriere sich halt voll und ganz auf die Musik. Der Instrumentenbauer der Band, ein Mann namens Boms, ergänzt noch, dass es um die Geschichten gehe, die bereits ihre Väter und Grossväter erzählten, dass es ums Leben in ihrer Stadt Kinshasa gehe und die kleinen alltäglichen Problemchen, die es da gebe. Doch mehr ist nicht herauszufinden.

Später wird der Elektronik-Verantwortliche der Band, der in Brüssel lebende Franzose Debruit, dem Chronisten ins Ohr flüstern, dass politische Musik in der Demokratischen Republik Kongo nicht möglich sei. Der Geheimdienst habe seine Ohren überall, Regimekritik würde umgehend sanktioniert. Und dies ziemlich unzimperlich.

Ein Ausbund an Kreativität

Das war im Juni 2017, nachdem die Gruppe Kokoko! ein frenetisches Konzert an der Bad-Bonn-Kilbi in Düdingen gespielt hatte. Seither hat sich im Kongo nichts zum Besseren gewendet. Zwar wurden Anfang Jahr endlich Wahlen durchgeführt, die von einem oppositionellen Kandidaten gewonnen wurden. Dieser musste aber kurz darauf eingestehen, mit dem langjährigen Präsidenten des Landes einen Deal eingegangen zu sein. Und dieser Präsident – Joseph Kabila mit Namen – hat dem Land mit den grössten Kobalt-Vorkommen der Welt in all den Jahren zuvor nicht viel Gutes getan: Der Kongo wird wegen seines fehlenden Demokratieverständnisses zu den gescheiterten Staaten Afrikas gezählt. Bereits 2017 haben die Vereinten Nationen die Lebensbedingungen in der DR Kongo der Krisen-Kategorie 3 zugeordnet, in der auch Kriegsgebiete wie Syrien oder der Jemen fungieren.

Von diesem Kongo erzählt die Musik von Kokoko! – wie erwähnt – nicht. Die Band beschreibt ihre Heimatstadt Kinshasa als Schmelztiegel der Kulturen, als schöpferischer Kraftort, als Geburtsstätte einer entfesselten Kreativität. Und diese wird von Kokoko! in jeder Sekunde hochgehalten, ja geradezu zelebriert. Die Instrumente haben sie selbst designt und gebaut, einsaitige Bassgeneratoren aus der Altmetallsammlung, ein Schlagzeug aus Blechbüchsen und Holzkisten, Gitarren aus seltsamen Gestängen oder eine zum manuellen Schlagzeugapparat aufgepimpte Schreibmaschine. Das alles schnarrt und quärrt im polyrhythmischen Breakbeat, dazu mengt Debruit ebenso schnarrende Beats und knusprige Rudimentär-Elektronik ins Geschehen, und Makaras Komplizen schreien afrikanische Chorgesänge in mutwillig übersteuerte chinesische Mikrofone.

Alles treibt vorwärts, alles klingt modern, subversiv, anarchisch, ungehobelt und doch auf wunderliche Weise heiter. Kokoko! produzieren eine triftige Clubmusik aus den Ghettos einer Stadt, in welcher der Tumult zum Alltag gehört. Handelsübliche Preset-Sounds aus der 1. Welt findet man hier nicht, die Band bosselt sich aus der heutigen afrikanischen Tanzmusik und aus dem musikalischen Fundus der über 450 verschiedenen Tribes ihres Heimatlands Kongo eine frenetische neue schwarze Musik zusammen.

Anklopfen, tanzen!

Kokoko!, das ist ein riesiges Künstlerkollektiv, bestehend aus Performance-Artisten, Tänzern, Instrumentenbauern, visuellen Künstlern und Sapeurs, einer Art afrikanischer Ghetto-Dandys. Fünf verschiedene Ethnien sind in der Band vertreten, keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem diverse interkulturelle Konflikte mit Waffengewalt ausgetragen werden. Die mittelbare künstlerische Ambition ist, dass nach nigerianischer und angolanischer Musik in den Clubs der Welt bald auch zu kongolesischer Musik getanzt werde.

Dafür betreibt Kokoko! einen beträchtlichen Aufwand. Es gab Zeiten, da wurde in Kinshasa sechs Mal in der Woche vor Publikum geprobt, die Sessions dauerten bis zu fünf Stunden. «Es ging darum, dass die diversen elektronischen und akustischen Elemente der Band miteinander verschmelzen», sagt Debruit. «Da es sich bei den Instrumenten um nie zuvor erprobte Klangkörper handelt, musste erforscht werden, mit welcher Art der elektronischen Verstärkung man die beste Wirkung erzielt.» Und genau hier liegt die grosse Qualität dieser Band.

Selten ist die Verquickung von analoger Elektronik mit Perkussion und manuell erzeugten Klängen derart stimmig geglückt. «Wir haben wohl tatsächlich einen komplett neuen Sound erfunden, auch wenn unsere Musik auf traditionellen afrikanischen Rhythmen fusst», sagt Makara Bianko. Die bisher veröffentlichten Tracks (Album liegt noch keines vor) vermögen die enorme Energie, welche die Band auf der Bühne entfaltet, noch nicht ganz wiederzugeben. Das ist schade, aber verkraftbar, wenn man betrachtet, wie emsig die Band derzeit durch die Clubs der Welt tourt. Klopf, klopf, klopf, bedeutet der Name Kokoko. Man hoffe, dass sich auf der ganzen Welt Türen für ihre Band öffne, sagte Boms 2017. Die Hoffnung hat sich offensichtlich erfüllt.

ISC, Donnerstag 28. März 20:30 Uhr.

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