Sie nannten ihn «Kaiser»

Das Fussball-Filmfestival «Match Cut» steigt zum vierten Mal. Das Programm hält Diskussionsstoff bereit – und einen liebenswürdigen Tricheur (ab Donnerstag, 13. Juni).

«Der Blender von Rio»: 26 Jahre war Carlos Kaiser Stürmer - ein Tor geschossen hat er nie.

«Der Blender von Rio»: 26 Jahre war Carlos Kaiser Stürmer - ein Tor geschossen hat er nie.

(Bild: zvg)

Basel hat eins. St. Gallen auch. Und in Bern, ja in Bern stehen punkto Fussball derzeit kaum Wünsche offen: Auch hier gibt es ein Fussballfilmfestival. «Match Cut» heisst es und findet ab Donnerstag zum vierten Mal im Kino Rex statt.

Das Runde auf dem Eckigen. In den 60er- und 70er-Jahren sind das noch ungelenke Heldenerzählungen oder fantasielose Adaptionen aus dem damals ungleich gehaltvolleren Nachbarsgewerbe Fussball-Literatur, etwa bei Wim Wenders’ Handke-Verfilmung «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter».

Ab 1980 etabliert sich der Fussballfilm als Genre. Lange Zeit zehrt er von der abenteuerlichen, rohen Ultrà-Kultur, eine passable Vorlage für bildgewaltiges Erzählen. Dann fängt der Fussball an, (zu) weit um sich zu greifen und so gross zu werden, dass sich heute in seinen langen Schatten die besten Geschichten erzählen lassen.

«Football Leaks», eine Dokumentation über die dunklen Machenschaften des Geschäfts, ist so eine Geschichte. Der Film wird in Bern zwar nicht gezeigt. Aber am Eröffnungsabend findet eine Podiumsdiskussion zum Thema statt, mit dabei Journalist Mario Stäuble, der auch für diese Zeitung schon im korrumpierten Sumpf des Weltfussballs recherchiert hat.

Ein Spieltag im Zeichen der Frau

Spieltag zwei steht ganz im Zeichen des Frauenfussballs. Am Tag des Frauenstreiks diskutieren YB-Spielerin Meret Wälti, Ruth Ospelt, Präsidentin des FC Vaduz, Geschlechterforscherin Monika Hofmann und der Journalist Martin Bieri. Moderieren tut «Bund»-Autorin Gisela Feuz.

Der Fussballfilm kann Grenzen aufzeigen, er kann politisch oder auch nur unterhaltsam sein. Vor allem aber war der Fussballfilm immer auch die Möglichkeit, die Helden aus dem Spiel zu entmystifizieren, auch wenn im vielleicht bekanntesten Versuch «Die Hand Gottes» der grosse Emir Kusturica am noch grösseren Diego Maradona äusserst sehenswert scheiterte.

Einen Carlos Henrique braucht niemand zu entmystifizieren. Es reicht bereits, die grossartige Geschichte dieses kaum bekannten Tricheurs zu erzählen. Der Engländer Louis Myles hat das in seinem Dokumentarfilm «Kaiser – The Greatest Footballer Never to Play Football» getan. Die Story über den «Blender von Rio» ist schon am Eröffnungsabend ein Höhepunkt. Sie nannten ihn den «Kaiser», 26 Jahre lang war er Stürmer, ein Tor geschossen hat er nie. Denn der Carlos Kaiser war immer dort, wo der Ball nicht war. Der Brasilianer schaffte es, sich einen grossen Namen zu machen, ohne je vor Publikum gespielt zu haben. Er war im richtigen Moment präsent, zur richtigen Zeit verletzt.

Seine Geschichte ist authentisch, weil sie auch ein brasilianisches Fussballgefühl transportiert. In all seiner Schönheit, seiner betörenden Eleganz ist das Spiel in Brasilien immer auch ein Geschäft der Notlügen und Halbwahrheiten. Neymar, so wissen sie in Paris, hält den inoffiziellen Weltrekord für die meisten Tanten. Sie haben oft genau dann Geburtstag, wenn er verletzt ist und zuschauen muss. Es zählt zu den vernachlässigbaren Vorwürfen an den Superstar. «O Jogo Bonito», das schöne Spiel, so sagen die Brasilianer. Längst hat auch der runde Fussball seine Ecken. «Match Cut»zeigt sie auf.

Kino RexDo–Sa, 13–15. Juni, jeweils ab 19 Uhr

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