Paris liegt im Saanenland

Das grösste Klassikfestival im Berner Oberland sucht nach den Verbindungen zur französischen Metropole und fördert Überraschendes zutage (ab Do, 18. Juli).

Anziehungspunkt für Künstler, Musiker und extravagante Gäste: «Le bar de Maxim’s» in Paris. Eingefangen durch den Maler Pierre-Victor Galland (1822–1892).

Anziehungspunkt für Künstler, Musiker und extravagante Gäste: «Le bar de Maxim’s» in Paris. Eingefangen durch den Maler Pierre-Victor Galland (1822–1892).

(Bild: Wikimedia)

Fünf Buchstaben, knapper geht es nicht: Paris steht heuer über dem Musikangebot des Menuhin Festival. Man stutzt. Was hat das eine mit dem andern zu tun? Bertrand Chamayou, der diesjährige Artist-in-Residence, kann jedenfalls kaum der Grund sein. Der Pianist wurde 1981 nicht in Paris, sondern in Toulouse geboren. Immerhin hat er in Paris studiert und schlägt zum Auftakt der Semaine Française Pariser Töne an: Debussy wurde 1862 in Paris geboren und starb da 1918. Francis Poulenc erblickte 1899 in Paris das Licht der Musikwelt und starb da 1963. Und Frederic Chopin, bei dessen Erbe man sich bis heute streitet, ob es nun Polen, seinem Geburtsland, oder Frankreich gehört, nachdem er in Paris die Hälfte seines nur 39 Jahre langen Lebens verbrachte, wurde in Paris zu Grabe getragen.

Beim Blättern im 220-seitigen Festivalprogramm mit über 60 Konzerten findet man dann auch all die anderen, die in der französischen Metropole geboren oder gestorben sind. Es gibt tatsächlich einige. Von Gabriel Fauré, Camille Saint-Saëns über Emmanuel Chabrier, Maurice Ravel bis Georges Bizet. Und auch Werke von Olivier Messiaen, dem Vogelstimmenkenner und Zahlenmystiker, sind zu finden. Er wurde zwar im südfranzösischen Avignon geboren, studierte aber in Paris und wirkte da sechzig Jahre als Organist an der Trinité.

Magnet für die Kreativen

Paris ist und war eben schon immer viel mehr als Eiffelturm, Louvre, Moulin Rouge und Mode. Mit der Industrialisierung entwickelte sich die Stadt ab den 1920er-Jahren zum Magneten für die experimentierfreudigsten Musiker, Künstler, Klangschöpfer, Kostüm- und Bühnenbildner. Sie kamen aus aller Welt an die Seine, lernten und lehrten hier und beflügelten sich gegenseitig mit neuen Ideen. Was auch mal für einen handfesten Skandal sorgte, was dem Ruf der Kulturstadt Paris aber keinen Abbruch tat. Im Gegenteil.

Die Impulse, die von der Stadt ausgingen, wirken bis heute nach. Einen ganz eigenen Zugang hat der portugiesische Pianist Bruno Soeiro (*1983) gefunden, der im Auftrag des Menuhin Festival ein Stück für Kammerorchester komponiert hat (Uraufführung in der Kriche Saanen am 21.7.). Sein Titel: «Sillages, Sons de Parfums». Der erste Satz klinge «blumig», der zweite «frisch», der dritte «holzig-herb», der vierte «orientalisch». Soeiro erklärt sein Konzept mit den Unterscheidungskriterien der Parfümerie, auf die er sich in seinem Stück bezieht.

Klänge, die verduften

Die Idee ist nicht neu. Vor einigen Jahren gab es am Lucerne Festival ein Late-Night-Konzert, in dem der Saal während des Konzerts mit Düften parfümiert wurde. Ziel war die synästhetische Steigerung des sinnlichen Erlebnisses. Ein Experiment, dessen Wirkung sich allerdings nicht so lange hielt wie erhofft. Die Düfte verflüchtigten sich, die Klänge verdufteten. Paris und Parfüm aber, das passt. Es ist eine Art Liebesbeziehung, wie jene zwischen Paris und Musik. Seit kurzem gibt es in Paris gleich neben der Opéra Garnier sogar ein Parfümmuseum. Wie Musiker sind auch Parfümeure Spezialisten, die durch ihre Kunst Emotionen auslösen. Und wie die Musik nachklingt, so löst auch ein Parfum eine unsichtbare Spur aus, die bleibt, auch wenn die Person bereits verschwunden ist.

So weit wie in Luzern wird man am Menuhin Festival nicht gehen. Soeiros «Sillages, Son de Parfums» erklingen ohne Zusatzbeduftung des Raumes. Es sei denn, man beziehe die natürlichen «Noten» vor Ort mit ein, die man als Erinnerungsschätze nach jedem Konzert ins Unterland mitträgt. Gemeint ist der Duft des Saanenlandes. Die Basisnote: saftige Matten, frisches Heu. Die Herznote: Kuhfladen und Landwirtschaft. Die Kopfnote: ein sommerlicher Regenschauer.

Kirche Saanen (Eröffnungskonzert)Camerata Bern, 18. Juli, 19.30 Uhr. Alle Konzerte: www.gstaadmenuhinfestival.ch

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