Narrenfeuer überall

So hat man Schuberts «Winterreise» hier noch nie gehört: Der Tenor Julian Prégardien und das BSO eröffnen das Berner Musikfestival.

Sein Engagement in Bern ist ein Coup:  der 33-jährige Tenor Julian Prégardien.

Sein Engagement in Bern ist ein Coup: der 33-jährige Tenor Julian Prégardien. Bild: Marco Borggreve (zvg)

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Spätestens wenn zum Schluss die klingenden Schatten ihre Flügel über die letzten Töne des Sängers ausbreiten und die Dunkelheit seine Stimme schluckt, wird jeder sie erkennen – die Irrlichter. Sie flammen auf, verändern ihre flüchtige Gestalt. Man hört sich wund an Dissonanzreibungen, an grellen Trillern, unsteten Rhythmen, scharfen Punktierungen. Und fragt sich, wohin die Klänge führen. «Bin gewohnt das Irregehen», singt der einsame Wanderer, «’s führt ja jeder Weg zum Ziel; uns’re Freuden, uns’re Wehen, alles eines Irrlichts Spiel!»

Quelle:Youtube.com

Der Text stammt aus «Irrlicht», einem der 24 Lieder aus der «Winterreise». Das ist jener Liederzyklus, den der 30-jährige Franz Schubert (1797–1828) ein Jahr vor seinem Tod komponiert hat. Es ist ein dichtes, beklemmendes Meisterwerk: Jedes einzelne der zwei Dutzend Lieder hat einen ganz eigenen Charakter. Text und Musik bilden eine spannungsvolle Einheit aus Licht- und Schattentönen, dass man hörend ein ganzes Spektrum an Emotionen durchläuft. Mal wühlt die Musik auf, mal schmerzt sie, quält, erschüttert, befremdet. Die Gedichte von Wilhelm Müller erzählen von einem Wanderer, der nach einer unglücklichen Liebe ziellos in die Winternacht hinausstreunt. Er schwelgt in Erinnerungen, verliert sich in düsteren Gedanken, wird zunehmend irr. Eine durchgehende Handlung gibt es nicht, aber man ahnt es: Hier geht es vor allem um die innere Reise. Um Irrlichter im Kopf, um Narrenfeuer in der Seele.

Den Nerv der Zeit getroffen

Das Werk ist der massgeschneiderte Auftakt zum Musikfestival Bern, das den Titel «Irrlicht» trägt. Aber auch ein anspruchsvoller. Dass die Verantwortlichen dafür Musikerinnen und Musiker des Berner Symphonieorchesters, Chefdirigent Mario Venzago und den deutschen Tenor Julian Prégardien (der Sohn des berühmten Opernsängers Christoph Prégardien) gewinnen konnten, ist ein Coup. Eine Idealbesetzung. Prégardien ist der Prototyp eines jungen modernen Liedsängers, der mit seinem Charisma und seinem stimmlichen Ausdruck dem zuweilen als etwas verstaubt geltenden Genre des Liederabends eine Blutauffrischung verpasst. Und das BSO bringt die nötige Erfahrung und Subtilität mit, die das Werk verlangt. In der Dampfzentrale wird nämlich nicht die gängige Version der «Winterreise» für Singstimme und Klavier zu hören sein, sondern die Bearbeitung durch den deutschen Komponisten Hans Zender.

Die Fassung hat 1993 bei der Uraufführung euphorische Reaktionen ausgelöst. Der heute 81-jährige Komponist scheint mit seiner auskomponierten Deutung dieses Monuments der Musikgeschichte einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Doch was heisst das, was hat Zender mit Schuberts «Winterreise» gemacht?

Zweite Deutungsebene

Den Gesangspart liess der Komponist weitgehend unangetastet. Die Verwandlung betrifft vor allem den Klavierpart. Durch die gelungene Orchestrierung konnte er die Dramatik des Originals verdeutlichen, ohne es zu banalisieren oder der Gefahr zu erliegen, es zu sentimentalisieren. Zender komponierte Übergänge und Schlüsse aus, arbeitete mit Dehnungen und Beschleunigungen, Hall-Effekten und Sprechgesang und steigerte so die Expressivität.

Zudem legte er Kräfte der Komposition frei, die unter der klassisch-romantischen Oberfläche verschüttet waren. Die «Winterreise» soll nämlich auch eine politische Deutungsebene aufweisen. Schubert, der ein Sprachrohr der Intellektuellen war und sich mit den Oppositionellen gegen den reaktionären Fürsten Metternich engagierte, hatte sich die Gedichte zur «Winterreise» illegal aus einer verbotenen Leipziger Literaturzeitschrift besorgt. Musikforscher konnten nun belegen, wie Schubert in der «Winterreise» subtil, aber gezielt Kritik am System übt. So oder so ist die künstlerische Kraft der «Winterreise» bis heute ungebrochen. Wegen der eindringlichen Musik, vielleicht aber auch, weil es Irrlichter und Narrenfeuer auch heute überall gibt.

Dampfzentrale Eröffnungskonzert Musikfestival Bern: Mi, 6. September, 19.30 Uhr. Vorprogramm ab 18.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 31.08.2017, 07:08 Uhr

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