«Im Konzert lässt sich Zeit nicht unterlaufen»

Christian Grüny ist Philosoph und am Musikfestival Bern angestellt. Was genau ist seine Arbeit?

Christian Grüny meint:«Es ist noch ein Unterschied zwischen Musik und bildender Kunst: Man steht vor einem  Bild, in der Musik aber ist man drin.»

Christian Grüny meint:«Es ist noch ein Unterschied zwischen Musik und bildender Kunst: Man steht vor einem Bild, in der Musik aber ist man drin.» Bild: zvg

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Sie begleiten das Musikfestival Bern als assoziierter Philosoph. Warum braucht es Sie?
Tja, wenn Sie «brauchen» in der Bedeutung «nicht ohne auskommen» verstehen, dann braucht das Festival mich nicht.

Was sind Ihre Aufgaben?
Ich verantworte die diskursive Begleitung und bringe neue Perspektiven ins Programm – aber anders, als das ein Musikwissenschaftler machen würde.

Laut Programm sorgen Sie für Leitsterne und Irrlichter. Was heisst das?
Mit den Irrlichtern sind elf kurze Auftragskompositionen gemeint, die sich – wie Irrlichter – ins Programm einmischen, es hinterfragen, stören oder aufbrechen. Wenn bei einem Festival wie hier ganz unterschiedliche Musik von Schubert bis zur Gegenwart erklingt und zudem mit Jonathan Burrows und Matteo Fargion zwei aussergewöhnliche Tanz-Performer als Artists-in-Residence dabei sind, dann gibt das Gesprächsbedarf. Wir werden uns mit Wahrnehmung und Erwartungen beschäftigen und mit dem Publikum Fragen nachgehen, wie: Wo führt uns Musik hin? Oder: Welchen Anteil haben wir Hörenden an den musikalischen Prozessen? Ausserdem moderiere ich Live-Begegnungen mit Komponisten, Performerinnen und Performern.

Und die Leitsterne?
Die Musikstücke und -stile, an denen sich unser Hören orientiert, könnten sogenannt werden. Davon gibt es aber viele. Und was im einen Kontext als Leitstern auftaucht, mag in einem anderen ein Irrlicht sein und auf eine ganz falsche Fährte führen. Darüber werden wir nachdenken und diskutieren.

Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb sich ein Klassik-Publikum oft schwerer tut mit neuen, «irrlichternden» Klängen als ein Kunstfreund mit einem abstrakten Bild?
Zwischen Musik und Kunst gibt es einen grundsätzlichen Unterschied: In einer Ausstellung kann man ein Bild angucken und weitergehen, falls es nicht gefällt. Ein Musikstück aber dauert so lange, wie es dauert. Man ist im Konzert der Musik ausgesetzt und hat nicht die Freiheit des Kunstbetrachters, wegzugehen. Man muss sich der realen Bedingung, der Zeit, stellen. Sie lässt sich nicht unterlaufen.

Ist das Unbehagen nicht oft ein Zeichen für die Ohnmacht? Wer im Konzert nicht bekommt, was er erwartet, reagiert desorientiert.
Damit hat das zu tun. Es ist noch ein Unterschied zwischen Musik und bildender Kunst: Man steht vor einem Bild, in der Musik aber ist man drin. Man muss sich im zeitlichen Ablauf zurechtfinden, und das hat eine Menge mit der Erfüllung und Enttäuschung von Erwartungen zu tun. Und wenn man nicht die emotionale Selbstbestätigung bekommt, die man erwartet, wächst der Unwillen. Neben Orientierungshilfen müsste es um die Erfahrung gehen, dass auch Desorientierung produktiv und anregend sein kann und dass Musik auch anders gehört werden kann als emotional.

Noch eine letzte Frage: Auf Ihrer Website empfangen Sie den Besucher mit einem abstrakten orange farbenen Gemälde, auf dem grüne Bohnen liegen. Was hat das mit Philosophie, mit Musik und mit Ihnen zu tun?
Faszinierend, nicht? Das ist gar kein Gemälde, sondern ein Zufalls-Foto. Es zeigt Nadeln, die vom Baum auf einen Tisch gefallen sind. Wer letzten Sommer wie ich in Darmstadt bei den Ferienkursen für Neue Musik war, kennt diese Tische. Wir haben daran zu Mittag gegessen. Mir gefällt die Suggestionskraft dieser abstrakten Alltagsszene, die, wenn man sie bildnerisch festhält plötzlich eine strukturelle Plausibilität aufweist. (Der Bund)

Erstellt: 31.08.2017, 07:08 Uhr

Zur Person

Christian Grüny (geb. 1969) hat Philosophie und Linguistik in Bochum, Prag und Berlin studiert. 2011 habilitierte er an der Universität Witten/Herdecke. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ästhetik, Musikphilosophie, Phänomenologie und Kulturphilosophie. Für das Musikfestival Bern hat er zum Festivalthema «Irrlicht» ein Begleitprogramm entwickelt.

Er wird u. a. am Donnerstag, 7. 9., um 19.30 Uhr im Schlachthaus ein Gespräch mit dem Komponisten Martin Schüttler und dem Performance-Duo Jonathan Burrows und Matteo Fargion leiten. Im Progr (Sa, 9. 9., 17 Uhr) wird er über Erwartungen und Suchbewegungen des Hörens referieren.«Im Konzert lässt sich Zeit nicht unterlaufen.»

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