«Ich habe Genua mit all meinen Sinnen erkundet»

Die Berner Musikerin Karin Jampen hat mit «Linea» ein experimentierfreudiges Stück über die Grossstadt produziert.

Zusammen mit Adrian Schild und Elisa Brivio hat Karin Jampen «Linea» weiterentwickelt.

Zusammen mit Adrian Schild und Elisa Brivio hat Karin Jampen «Linea» weiterentwickelt.

(Bild: zvg)

In Ihrem interdisziplinären Stück «Linea» gibt es die beiden Kurzfilme «Manhatta» und «Regen» zu sehen, welche live vertont werden. Die Filme werden dem Genre «City Symphonies» zugeordnet. Was muss man sich unter einer City Symphonie vorstellen?
Die beiden Filme, welche wir zeigen, sind in den 1920er-Jahren entstanden. Der Beginn des 20. Jahrhunderts war eine Zeit des Umbruchs in allen Lebensbereichen: Urbanisierung, Massenindustrie, technischer Fortschritt und wissenschaftliche Erkenntnisse sorgten dafür, dass es damals brodelte. Dieser historische Umbruch prägte auch die Künste massgebend mit. Die Kunst versuchte, dem Zeitgeist nachzufühlen, ihn einzufangen. Die Grossstadt in ihrer Vielschichtigkeit diente dabei als Fundus für neue Techniken, Bilder und auch für neue Klänge und Geräusche. Eine City Symphonie versucht also, das Lebensgefühl einer neuen Urbanität einzufangen und dabei mehrere Sinne anzusprechen.

Die beiden Avantgarde-Stummfilme sind experimentelle Zeitdokumente der 1920er-Jahre, ist das damalige Grossstadtgefühl überhaupt noch mit dem heutigen vergleichbar?
Ich denke schon. Auch wenn zwischenzeitlich 100 Jahre vergangen sind, so ist das Gefühl eines Individuums in der modernen Grossstadtgesellschaft doch ein ähnliches geblieben. Auch heute, im Zeitalter der Digitalisierung, sind wir mit Wachstum, Tempo, Dynamik, Heterogenität und Vielschichtigkeit konfrontiert, die Dinge sind ähnlich undurchschaubar wie schon 1920.

Sie haben «Linea» während eines Atelierstipendiums der Stadt Bern in Genua entworfen. Wie viel Genua oder Italien ist denn in «Linea» drin?
Ich bin in Genua in den Stadtkosmos eingetaucht und habe die Stadt mit all meinen Sinnen erkundet. Bei den Streifzügen und Begegnungen sind viele Tonaufnahmen entstanden. Die reichhaltigen Eindrücke und das gesammelte Material gaben schlussendlich den Ausschlag für die Auftragskomposition. Inspiriert von den Klängen Genuas, greift der britische Komponist und Improvisator Fred Frith in «Zena» das Unterwegssein der Menschen und das Fussfassen an einem anderen Ort auf. Gleichzeitig steht die Hafen- und Handelsstadt Genua aber natürlich auch sinnbildlich für Urbanität, für kulturelle Vielfalt, für Kommen und Gehen, für Wechsel und Vielschichtigkeit. Genua hat mich zudem an eine andere Metropole erinnert, die mich bereits auf der anderen Seite des Ozeans geprägt hat: New York.

Eine Grossstadt ist ja ein heterogener Schmelztiegel, der ganz unterschiedlich klingt. Wie genau werden Sie in «Linea» diese Vielschichtigkeit reproduzieren?
Sowohl «Manhatta» als auch «Regen» werden beide live vor Ort vertont. Zum einen durch elektroakustische Kompositionen von Robert Torche, zum anderen durch die Komposition von Hanns Eisler «14 Arten den Regen zu beschreiben». In der Auftragskomposition «Zena» lässt Fred Frith die Fieldrecordings aus Genua einerseits direkt einfliessen, andererseits übersetzt er sie auf die Instrumente. «Linea» spielt in einer Rauminstallation, welche das Kaleidoskopartige einer Grossstadt spiegelt, das Publikum umspült und ihm mannigfaltige Sinneseindrücke beschert. Die Bildklänge erzählen in assoziativer Form vom «Spirit» der Stadt und lassen so eine verdichtete Atmosphäre entstehen.

Der Bund

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