Grau ist die Summe aller Farben

Der Berner Simon Ho hat für sein wunderbar-schwermütiges Album «Bruxelles» einen dichtenden Künstler und einen singenden Schriftsteller zusammengebracht.

Hier wurde das Album ausgeheckt: Der Künstler Christian Denzler (links) und der Musiker Simon Ho in Brüssel.

Hier wurde das Album ausgeheckt: Der Künstler Christian Denzler (links) und der Musiker Simon Ho in Brüssel. Bild: zvg

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Es wird am Ende des Jahres wieder Auszeichnungen hageln. Das beste Pop-Album wird gekürt werden, das beste Tanzalbum, Indie, World, Gospel, was auch immer. Doch das traurigste Album des Jahres 2016 ist dieses hier: «Bruxelles» von Simon Ho. Benannt nach der Stadt, in welche der Berner Musiker und Komponist vor bald zehn Jahren mit einer Lastwagenladung Instrumente und Habseligkeiten und ein bisschen Herzschmerz ausgezogen ist.

Auf der Suche nach einem Ort, der nichts mit ihm und seinem bisherigen Schaffen zu tun haben sollte. Brüssel sei eine sonderbar raue und doch melancholische Stadt, sagen viele, die Stadt der sensiblen Starrköpfe, wurde sie auch schon genannt. Die meisten Leute kommen hierher mit der Idee, bald wieder weiterzuziehen. Wurzeln schlagen, das tun die wenigsten. «Brüssel ist keine Stadt, die gleisst», sagt Simon Ho. «Sie will nicht prunkvoll oder hip sein, keine Kulturstadt, keine Ambitionen. Vieles geschieht hier im Unscheinbaren. Das gefällt mir.»

Wattige Schönheit

Für «Bruxelles» hat Simon Ho eine wunderbar-wunderliche Gruppe zusammengestellt, bestehend aus einem dichtenden Künstler und einem singenden Dichter: Der in Bern und Brüssel heimische, mit diversen Preisen geadelte Künstler Christian Denzler hat die Poesie beigesteuert. Französisch steht neben Deutsch und Englisch. Flüchtige Gedankenfragmente neben gedrückter, atemberaubender Lyrik. Vergilbte Erinnerungen neben verblichenen Träumen.

Gesungen werden seine Zeilen von Michael Fehr, dem sehbehinderten Autor aus Gümligen bei Bern, der seine Bücher («Simeliberg», «Kurz vor der Erlösung») nicht zu schreiben pflegt, sondern seine Texte in den Computer liest und sie dort zu Literatur verarbeitet. Auf «Bruxelles» verarbeitet Michael Fehr nun Poesie zu einer Art Blues. Da ist ein heruntergekommener Soul in seiner Stimme, sie klingt ein bisschen wie die eines unglücklichen Kleinganoven in einem alten Westernfilm. Oder wie die eines Tom Waits, der eher dem Likör als dem Whisky zugetan war.

Entstanden ist eine von Weltschmerz durchdrungene Form des Blues, schwermütig und doch schwebend. Es ist, als würde hier die Summe aller Farben zu einem traurigen Grau vermengt. Die Chansons taumeln an den Abgründen, tippeln in eine Zukunft, die weniger verspricht, als die Vergangenheit verheissen hat. Manchmal handeln sie vom puren Glück, das sich in der Erinnerung zum schmerzlichen Gegenteil wandelt.

Do you remember
When we left the bar
Early in the morning
And for the first time
Snow fell like slowly sinking stars
Out of the darkness
Over your black curled hair
And your black fur coat
And you were so beautiful And still full of hope
Dancing alone
Laughing and singing
In the middle of the street
Through a silent empty winternight.

(aus «Sinking Stars»)

Hauptverantwortlich für diesen melancholischen Zauber ist der musikalische Farbenmischer Simon Ho. Natürlich bedient er sich harmonisch nicht des gängigen Blues-Systems. Seine Tonspur klingt eher wie der Soundtrack eines Film noir, in dem die Protagonisten meilenweit an der Erfüllung vorbeischrammen. Viel Orgel, viel Melodica, Glockenspiel, Akkordeon – Geräuschhaftes auch, Elektronisches ab und zu – stellenweise verhallter Bombast. Und wattige Schönheit ringsum.

Entstanden sind die Entwürfe der Lieder bereits vor Jahren. In jener Zeit, als Simon Ho in Brüssel angekommen war und einige Wochen bei Christian Denzler gewohnt hat. Und zuerst war da die Poesie. Die beiden sassen in angrenzenden Zimmern, einer mit dem Bleistift am Esstisch, der andere mit einem kleinen Synthesizer am Fenster. Dazwischen wurde gut gegessen, viel getrunken und noch mehr geraucht. Es war November, draussen war es grau und feucht, drinnen herrschte Aufbruchstimmung – in eine ungewisse Zukunft, in einer fremden Stadt.

«Ich habe in Christians Texten sofort Lieder erkannt», sagt Simon Ho, «ich habe auf diese Texte komponiert.» Und Christian Denzler, der schon immer Sprache und Text in sein Schaffen als bildender Künstler eingeflochten hatte, merkte, dass seine Poesie bei Simon Ho in guten Händen war. «Er hat den Ton meiner Lyrik getroffen», sagt er.

Arno war zu betrunken

Doch nach dem produktiven Start – insgesamt entstanden in dieser Zeit über zwanzig Songskizzen – verschwand das Projekt wieder in der Schublade. Fast zehn Jahre lang. Simon Ho pendelte zwischen Brüssel, New York, Sankt Petersburg, Bern und Buenos Aires, schrieb Theatermusik, grosse Kompositionen, produzierte ein Album der Sängerin Shelley Hirsch, vertonte Kunstinstallationen und Filme.

Manchmal wurde die Schublade kurz geöffnet. Dann liess man einen Text probehalber vom Nits-Sänger Henk Hofstede einsingen oder von der Singer-Songwriterin Verena van der Poel, doch es wollte nicht passen. Es fehlte der ästhetische Bruch. Irgendwann hatte man es auf den belgischen Sänger Arno abgesehen. «Wir haben ihn auch tatsächlich öfter getroffen in einer Bar um die Ecke», erzählt Christian Denzler, «doch er war stets zu betrunken, um unser Ansinnen nachvollziehen zu können.»

Drastik durch Repetition

Dann entsann sich Simon Ho seines ehemaligen Musikschülers Michael Fehr. Der zweimal mit dem Literaturpreis des Kantons Bern und 2014 beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen ausgezeichnete Schriftsteller hatte bereits eigene musikalische Ideen und Texte entwickelt. Und Simon Ho war gefangen von dieser rauen und doch so beseelten Stimme. Also gründete er mit ihm ein Duo. Man gab ein paar kleinere Konzerte, fand sich musikalisch – einige Zeit später nahm man sich die Texte von Denzler vor.

Fehrs Gesang wurde in einer Wohnung in der Lorraine aufgenommen, als Schalldämpfer diente bezeichnenderweise ein reich befrachtetes Büchergestell. «Michael Fehr hatte freie Hand in der Interpretation meiner Texte», sagt Christian Denzler. «Teilweise hat er aus ihnen etwas vollkommen Eigenes gemacht, indem er den Schwerpunkt auf eher beiläufige Zeilen legte. Doch das war genau das, was wir suchten.»

Tatsächlich singt Michael Fehr, wie er schreibt. Er schafft Drastik durch Repetition. Und da ist eine schwerblütige Hymnik in diesem blechernen, gebrochenen Gesangsorgan.

«Bruxelles» ist ein irritierendes, lange nachhallendes Kunstwerk, das aus den schattigen Distrikten des Daseins mitten ins Herz und in alle Sinne feuert. Wie gesagt. Vermutlich ist es das traurigste Album dieses Jahrgangs. Und eines der schöneren. Und das in einem Jahr, in welchem Schmerzkünstler wie Nick Cave oder Leonard Cohen sich musikalisch hervorgetan haben.

Mokka Thun Samstag, 12. Nov., 21 Uhr. Heitere Fahne Wabern Freitag, 18. Nov., 20.30 Uhr. Das Album ist über //atomiumverlag.ch/ erhältlich. (Der Bund)

Erstellt: 10.11.2016, 08:35 Uhr

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