«Die Kraft des Textes entfaltet sich beim Aussprechen»

Regisseur Olivier Keller inszeniert mit «Marie und Robert» von Paul Haller das Leben einer Familie im frühen 20. Jahrhundert der ländlichen Schweiz (ab Do 27. Juni).

«Ganze Monologe, vor allem im dritten Akt von «Marie und Robert», funktionieren auch als Gedicht», sagt Olivier Keller über die Sprache in «Marie und Robert».

«Ganze Monologe, vor allem im dritten Akt von «Marie und Robert», funktionieren auch als Gedicht», sagt Olivier Keller über die Sprache in «Marie und Robert».

(Bild: zvg)

Die Lyrik des Schriftstellers Paul Haller gilt als Wiederentdeckung: Im Jahr 1882 im Kanton Aargau als Sohn eines Pfarrers geboren, war er Schriftsteller und Patient bei C. G. Jung. Mit 38 Jahren erhängte er sich. Wie sind Sie auf sein Werk gestossen?
Wir sind im Aargau zu Hause und dort ist Haller schon ein Begriff. Wir kannten sein Werk und planten die Inszenierung von «Marie und Robert» so, dass wir sie zum 100-Jahr-Jubiläum der Uraufführung zeigen konnten.

Umreissen Sie uns bitte kurz die Geschichte von «Marie und Robert».
Wir befinden uns in der Zeit kurz vor dem Landesstreik. Robert ist Fabrikarbeiter und hadert mit der Frage, ob er teilnehmen soll. Ausserdem leidet er daran, dass er kein Geld hatte, um Marie zu heiraten. Mit 33 Jahren wohnt er immer noch bei der dominanten Mutter. Das Haus, in dem die beiden leben, gehört dem Wirt Theophil Leder, der nicht nur Druck ausübt, sondern auch mit Marie verheiratet ist.

Was hat Sie an Paul Haller fasziniert?
Diese Kraft, die sich beim Aussprechen des Texts entfaltet. Wenn man diese Sprache liest, am besten laut, entpuppt sie sich als eine literarische. Ganze Monologe, vor allem im dritten Akt von «Marie und Robert», funktionieren auch als Gedicht. Die Biografie der Hauptfigur Robert hat Ähnlichkeiten mit der von Paul Haller. Wenn ein Mensch mit solch starken Leidensgefühlen Worte findet, um diese auszudrücken, hat das eine wahnsinnige Kraft. Paul Haller bringt die psychologische Enge und emotionale Leidenszustände in eine literarische Form. Es gibt einen Traum von Robert mit gewaltigen Bildern, welche seine Zerrissenheit aufzeigen und gleichzeitig ein Liebesgeständnis an Marie sind.

Die Rolle von Robert spielt Andri Schenardi, der bekannt ist für sein intensives Schauspiel. Haben Sie ihn deshalb engagiert?
Wir wollten den Figuren psychologisch und physisch so nahe wie möglich kommen. Mit allen vier Schauspielenden – Schenardi, Barbara Heynen, Suly Röthlisberger und Michael Wolf – habe ich schon gearbeitet. Bei diesem Projekt war mir das wichtig. Kennt man sich gut, kommt man weiter in der Entwicklung einer Figur.

Die Geschichte spielt im ländlichen 20. Jahrhundert der Schweiz und gibt den perfekten Stoff her für Heimattheater: Armut, unerfüllte Liebe, Mord und Totschlag. Wie sehr kam Ihnen das gelegen?
Wir freuen uns immer zu sagen, dass es sich zwar um ein Mundart-Freilichttheater handelt, die Geschichte aber ein tragisches Ende nimmt. Als ein Ensemble aus dem Kanton Aargau hatten wir schon auch Lust auf dieses Bild, dass wir mit einem Anhänger, der Teil der Bühne ist, durch das Land ziehen und auf jedem Dorfplatz haltmachen. In der Heitere Fahne spielen wir deshalb auch draussen, gleich zwischen Terrasse und Haupteingang.

Heitere Fahne Wabern, Donnerstag 27. - 28. Juni, jeweils um 20.30 Uhr

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