Der Sex, die Gewalt und das Seelenheil

Wenn hinter der Musik gesellschaftliche Zustände sichtbar werden: Das Berner Norient Musikfilmfestival gibt Favela-Playboys in Rio und Häftlingen in Kingston das Mikrofon.

Mit Muskeln und Silikon gepanzert: Performerinnen der brasilianischen Gruppe Apetitosas im Film «Inside the Mind of Favela Funk».

Mit Muskeln und Silikon gepanzert: Performerinnen der brasilianischen Gruppe Apetitosas im Film «Inside the Mind of Favela Funk». Bild: zvg

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Man kann fast nicht anders als peinlich berührt sein. So wie die beiden kichernden Frauen aus einer Favela in Rio de Janeiro, die über jene Musik sprechen, die dort in aller Ohren ist – Favela Funk, genauer: Putaria, eine sexuell explizite Spielart davon. Die Texte sprechen primär von primären Geschlechtsteilen und was man mit ihnen anzustellen habe, werden im Befehlston ins Mikrofon gebrüllt und unterlegt mit dem Ungehobeltsten, was der Computer an Beats hergibt.

Eine Glorifizierung von Sex sei es, sagen die beiden jungen Frauen im Film «Inside the Mind of Favela Funk», der am diesjährigen Norient Musikfilmfestival läuft. Aber das ist viel zu harmlos ausgedrückt: Dieser Sex ist so weit weg von Romantik wie die schwülen Hügel Rios von den kühlen Gipfeln der Anden.

Ist «Inside the Mind of Favela Funk» also eine Film gewordene Entrüstung über die frauenverachtenden Texte von Primitiv- und Rohlingen, ein #Aufschrei auf Leinwand? Nein, und das macht Fleur Beemsters und Elise Roodenburgs 67-Minüter so raffiniert: Die verschiedenen Aspekte des Themas werden erst nach und nach aufgeblättert.

Denn die Frauen in den Favelas tragen nicht nur der Hitze wegen besorgniserregend wenig Stoff am Leib; sie sind durchaus Mitspielerinnen in diesem harschen Wettbewerb der Geschlechter, der im Funk musikalisch seinen Ausdruck findet und der für die Favela-Playboys eine ständige Messlatte ihres sozialen Status zu sein scheint. Treue? Die ist in der Theorie zwar von hohem Wert: Wer betrogen wird, verliert das Gesicht (als Mann), wer betrügt, gilt als Schlampe (als Frau). Die sexuelle Praxis allerdings sieht anders aus.

Aber, und da kommt schon die nächste Komplexitätsstufe, nicht nur Männer sind die treibende Kraft hinter dem Favela Funk. Die selbstbewussten Performerinnen der Gruppe Apetitosas etwa nehmen ebenfalls überhaupt kein Blatt vor den Mund: «Mach schon mal deinen Penis bereit», fordern sie lautstark und wuchten in brutal expliziten Tanz-Shows ihre mit Muskeln und Silikon gepanzerten Körper auf die Tanzbühne.

Ein Spiegel der Verhältnisse

Dabei ist Musik, die Kriminalität oder Sex verherrlicht, in Rio eigentlich verboten. Doch in der Favela, sagt einer der Interviewten, herrschten andere Gesetze. Wo einst Dschungel gewesen sei, sei nun Beton, und statt Vögel pfiffen heute Geschosse durch die Luft. In der Tat: Während eines Interviews ist im Hintergrund ein Schuss zu hören, und jeder der Protagonisten hat in seiner Familie Opfer der brutalen Gangs zu beklagen. Kein Wunder, dass die Gewalt, die auf den engen Gassen herrscht, bis in die ärmlichen Wohnungen und beklemmend kleinen Schlafzimmer hineinsickert.

Der Favela Funk ist Ausdruck und Spiegel der Realität in den Favelas und gleichzeitig ein Ventil, in das der Frust über die Verhältnisse fliesst. «Alles, worum es im Favela Funk geht, geschieht in den Favelas», sagt ein junger Mann, «warum also sollte man unseren Songtexten und damit unserer Realität nicht Aufmerksamkeit schenken?»

Dass Musik, auch populäre, ein Bewusstsein für gesellschaftliche Zustände schaffen kann, dokumentiert das Berner Norient Musikfilmfestival einmal mehr. Und zwar nicht nur in Rio de Janeiro, sondern auch im Tunesien nach dem Arabischen Frühling («Tunisia Clash»), in den hispanischen Hinterhöfen in Los Angeles («Los Punks: We Are All We Have») oder in Kingston, Jamaica.

In «Songs of Redemption» hat die Musik allerdings zunächst eine erzieherische Funktion: Im dortigen Zentralgefängnis dient sie als Beschäftigungstherapie und Massnahme, um die Gewalt unter den Häftlingen einzudämmen. Das mit Geldern aus Europa finanzierte Projekt beinhaltet sogar eine Radiostation und ein winziges Aufnahmestudio.

Tatsächlich gleicht das Treiben in der Anstalt unter der Tropensonne, wo die bunte Wäsche munter im Wind flattert, einer fast dörflichen Normalität. Doch die Lage der Häftlinge, das wird im Lauf des Films von Amanda Sans und Miquel Galofré deutlich, ist beschissen – schon nur, was die unwürdigen sanitären Verhältnisse angeht. Oder die langen Haftstrafen: Vermuteter Waffenbesitz schlägt mit drei Jahren zu Buche.

Da ist das Mikrofon für die Verurteilten von unschätzbarer Bedeutung. Es gibt ihnen eine Stimme, die sie sonst nicht hätten, und die Möglichkeit, sich auszudrücken. Denn die Männer wissen, wovon sie singen: von der Hölle in Kingstons Problemvierteln, den zerrütteten Familien, der omnipräsenten Gewalt. Es ist kein Gangster-Code, sondern die Wirklichkeit ihrer Biografien, und die Verzweiflung in den Songs ist nicht einstudiert, sondern echt.

Lieder der Erlösung

Die Männer sind zwar durchaus Opfer der Verhältnisse (oder einer unzuverlässigen Justiz, so ist teilweise zu vermuten), aber sie sind auch Täter; das verschweigt «Songs of Redemption» nicht. Der launige Ska, der raue Dub oder der nicht immer sonnige Reggae sind somit auch die Tonspur der Reue. Etwa für jenen Mann, der im Drogenrausch seine Ehefrau umgebracht hat und das Schicksal seiner Kinder beweint, die durch ihn zu Halbwaisen wurden.

Die Songs of Redemption, die Lieder der Erlösung, sie heben für Minuten die Zeit aus den Angeln – kein kleiner Trost angesichts der langen Haftstrafen. Was es bedeutet, Jahre oder Jahrzehnte im Gefängnis zu sitzen, wird vage nachfühlbar, wenn einer der Männer erzählt, seine Tochter sei ein Baby gewesen, als er inhaftiert wurde. Jetzt wird sie fünfzehn. (Der Bund)

Erstellt: 12.01.2017, 06:46 Uhr

Filme, Live-Acts, Ausstellung: Das Programm

Eröffnet wird das 8. Norient Musikfilmfestival mit «Hot Sugar’s Cold World» über den Klangspürhund Nick Koenig aka Hot Sugar, der die Töne für seine Musik sozusagen auf freier Wildbahn sammelt und dafür auch mal das hohle Geräusch aufnimmt, das ein Schlag auf einen Totenschädel verursacht.

Um Fremdartiges geht es auch im russischen Dokfilm «Bonfire and Stars», in dem ein Moskauer Erfolgs-DJ in den Kaukasus fährt, um dortige traditionelle Musik zu sampeln – doch die Reise im Zeichen des Kulturaustauschs wird zum Fiasko. Zudem gibt es Filme über schwarze Tanzkultur, die reiche Musik des Sahel und Stoner-Rock in der Wüste.

Auch Live-Acts gehören zu Norient: die südafrikanische Rapperin Dope Saint Jude oder der Berner Glitzerpop-Ironiker Jean-Claude treten leibhaftig in Erscheinung, dazu gibts im Kornhausforum die Ausstellung «Seismographic Sounds – Visions of a New World», die der kosmopolitischen Musik gewidmet ist. (reg)

Kino in der Reitschule, 12. bis 15. Januar.
www.norient.com

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