«Das Versprechen von damals lösen wir jetzt ein»

Berner Woche

Vasna Aguilar hat ihre Ballettausbildung an einer renommierten Schule in Hamburg abgeschlossen. Im Rahmen von Avigdor Classics tritt sie nun im Progr auf.

Vom Ballett zum zeitgenössischen Tanz: Im zeitgenössischen Tanz hat Vasna Aguilar durch ihren Körper eine Menge neuer Dinge entdeckt.

Vom Ballett zum zeitgenössischen Tanz: Im zeitgenössischen Tanz hat Vasna Aguilar durch ihren Körper eine Menge neuer Dinge entdeckt.

(Bild: zvg)

Sie haben erreicht, wovon viele Mädchen träumen: Als 19-Jährige haben Sie Ihre Ausbildung in der Talentschmiede von John Neumeiers Hamburg Balletts mit dem Diplom als klassische Bühnentänzerin abgeschlossen. Sind Sie nicht überqualifiziert, um nun im Progr aufzutreten?
Oh nein. Dieser Auftritt im Rahmen von Avigdor Classics ist ein Herzenswunsch.

Wieso?
Mit Samuel Justitz, dem künstlerischen Leiter des Festivals, bin ich im Muristalden zur Schule gegangen. Wir waren zwei Angefressene, er vom Cello, ich vom Ballett. Wir versprachen uns, irgendwann ein gemeinsames Projekt auf die Bühne zu stellen. Während des Studiums haben wir uns aus den Augen verloren. Doch dann kam die Anfrage. Jetzt lösen wir das Versprechen von damals ein. Meine Spitzenschuhe aber habe ich in Berlin, wo ich heute lebe, zurückgelassen.

Haben Sie die Lust am Ballett verloren?
Die Strukturen und Regeln des klassischen Tanzes haben für mich sehr lange gestimmt. Aber es kam der Moment, wo ich spürte, dass mir etwas fehlt. Ich wollte meine Bewegungssprache, meinen Körperausdruck erweitern und auch mal am Boden arbeiten, barfuss oder in den Knien und nicht immer mit ausgedrehten Füssen wie im Ballett. Im zeitgenössischen Tanz ist das möglich. So habe ich ein Zusatzjahr an der Kunstfachhochschule Codarts in Rotterdam angehängt und durch meinen Körper eine Menge neuer Dinge entdeckt.

War es schwierig, den Körper von den klassischen Bewegungen zu befreien?
Zu Beginn sehr. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl, verlor den Halt, die Orientierung. Mit der Zeit lernte ich aber das Zentrum im Körper anders zu spüren. Mittlerweile konzentriere ich mich auf das zeitgenössische Repertoire und tanze in vielen Compagnien und Projekten. Meinen Ursprung aber habe ich nie vergessen. Ich trainiere täglich Ballett, unter anderem an der Deutschen Oper Berlin und fühle mich wunderbar dabei.

Am Eröffnungsabend des Avigdor-Festivals treten Sie mit dem Tänzer und Choreografen Amadeus Pawlica zu Leos Janaceks zweitem Streichquartett auf. Das ist keine Tanzmusik. Was haben Sie sich dazu überlegt?
Das Quartett trägt den Titel «Intime Briefe». Janacek hat es 1928, ein Jahr vor seinem Tod komponiert. Der Auslöser war, dass er sich als verheirateter Mann in eine fast 40 Jahre jüngere Frau verliebt hatte. Janacek goss seine Sehnsucht in musikalische Bilder. Wir werden die Seelenzuststände in eine symbiotische Körpersprache übersetzen. Musik und Tanz sollen sich inspirieren und reflektieren. So hoffen wir, der Musik eine neue Dimension und Tiefe zu verleihen.

Sie sind für dieses Projekt extra nach Bern gekommen. Können Sie als freischaffende Tänzerin von Ihren Engagements leben?
Ja. Aber vor allem auch deshalb, weil in den letzten Jahren für mich beruflich neue Türen aufgegangen sind. 2015 habe ich am Theater Osnabrück den Theaterregisseur Henri Hüster kennen gelernt. Seither arbeite ich auch regelmässig mit Schauspielerinnen und Schauspielern. Ich untersuche die Beziehung von Sprache und Bewegung. Wie zeichnet man den Charakter einer Figur mit dem Körper? Was passiert, wenn eine Emotion schon da ist, bevor die Sprache sie benennt? Die Wechselwirkung ist extrem spannend. Diese Arbeit hat zwar nicht unmittelbar mit Tanzen zu tun. Aber sehr viel mit dem Körperbewusstsein, das ich als Tänzerin gelernt habe.

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