Das Monster ist gewassert

«Moby Dick» im Wohlensee: Die Theatergruppe Vorort setzt ein Ungetüm aus der Weltliteratur in Szene – auf einem tonnenschweren Floss.

Mit Teilen vom Schrottplatz zusammengebaut: Die schwimmende Bühne vor der Wohleibrücke.

Mit Teilen vom Schrottplatz zusammengebaut: Die schwimmende Bühne vor der Wohleibrücke. Bild: Valérie Chételat

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Ein kühler Wind bläst über den Wohlensee und vertreibt die letzten Regenwolken. Die grünblaue Aare fliesst gemächlich dahin, und mittendrin im malerischen Landschaftsbild thront die Wohleibrücke. Die stattliche Bogenbrücke, welche die Gemeinden Frauenkappelen und Wohlen verbindet, war 1920 von den Bernischen Kraftwerken erbaut worden, als für das nahe gelegene Wasserkraftwerk Mühleberg die Aare gestaut wurde.

Unter der Brücke tummelt sich die Tage zwischen quakenden Enten und grazilen Schwänen ein ungewohntes Gebilde im Schilf. «Angefangen hat es mit der Skizze eines kleinen Flosses, aber Renato rührt gerne mit der grossen Kelle an, und darum haben wir letzten Freitag dieses 5,5 Tonnen schwere Monster gewassert», sagt Regisseur Mathis Künzler und lacht. Mit Renato ist Renato Grob gemeint, seines Zeichens Erfinder, Kulissen- und Requisitenbauer – und Schöpfer des überdimensionalen Metall-Flosses.

Grob werkelt, schweisst und baut zurzeit so einiges für die neuste Produktion der Theatergruppe Vorort. Diese sucht sich für ihre Aufführungen gerne ungewöhnliche Orte in der Region aus, wobei die Lokalität selber als weiterer Akteur fungiert. Waren in den letzten Stücken das alte Tramdepot Burgernziel, der Hohlraum in der Monbijoubrücke oder das Gaswerkareal bespielt worden, so kommt dieses Jahr die Wohleibrücke zum Zuge.

Technisch herausfordernd

Für die Inszenierung unter, neben und auf besagter Bogenbrücke hat sich das Kollektiv ein ausuferndes Stück Weltliteratur vorgenommen: «Moby Dick». Der Roman von Herman Melville aus dem Jahr 1851 erzählt einerseits die blindwütige Jagd des Kapitäns Ahab auf einen weissen Pottwal, liefert andererseits aber auch eine Vielzahl an philosophischen und wissenschaftlichen Exkursen, Reflexionen des Autors und eine detailreiche Beschreibung zum Walfang im 18. und 19. Jahrhundert.

Er habe den Moby-Dick-Stoff immer geliebt, sagt der Basler Regisseur Mathis Künzler, und als er vor vier Jahren auf der Wohleibrücke gestanden sei, sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es einen besseren Aufführungsort wohl kaum gebe. Ausserdem habe ihn die Analogie gereizt, welche sich aufgrund des nahe liegenden Kernkraftwerkes Mühleberg ergebe. «Wahlfang war eine Triebfeder der Industrialisierung, weil Waltran als Öl und Schmierstoff bis zur Entdeckung von Petroleum ein äusserst wertvoller Energielieferant war. Der Vergleich zum heutigen Kampf um Energieverteilung liegt also auf der Hand.»

Was für Mathis Künzler ein Traumaufführungsort ist, ist für die freischaffende Technikerin Ilana Walker eine logistische Herausforderung. Damit die Wohleibrücke in der Fantasie der Zuschauerschaft zum Wahlfängerschiff Pequod werden kann, muss eine Unmenge an Kabel verlegt und eine Vielzahl an Lampen montiert werden. Es fallen Begriffe wie Stromabfall (ab einer bestimmten Kabellänge geht unterwegs Strom verloren) oder extra montierte Trafo-Station. «Und ausserdem vertragen sich Strom und Wasser bekanntlich schlecht, deshalb musste ich für das Floss mit einer Autobatterie tüfteln», sagt Walker.

Damit der imaginäre Walfänger bei der Premiere auch wirklich in den Wohlensee stechen kann, muss das ganze Ensemble mit anpacken. So sind an diesem windigen Montag sämtliche Schauspielerinnen und Schauspieler unter Anleitung von Ilana Walker mit der technischen Mobilmachung beschäftigt. Er sei nicht wirklich handwerklich begabt, sagt Giulin Stäubli, der ausgestattet mit gelbem Ölzeug – am morgen hatte es noch ordentlich geregnet – Scheinwerfer ans Brückengeländer montiert. Aber ihm mache die Arbeit Spass. Derweilen vernageln Moritz Alfons und Dominique Saner einen Brückenbogen mit Schwartenbrettern, sodass darin ein überdimensionales Hotelzimmer entstehen kann.

Traktor mit Schiffsmast

Hier, im Gasthaus zum Walfänger, werde denn auch der erste Halt des Stationentheaters sein, erklärt Sonja Riesen, welche zusammen mit Jonathan Loosli, Mathis Künzler und Dominique Jann für die künstlerische Leitung zuständig ist. Letzterer ist seit sieben Uhr morgens unterwegs, um an diversen Orten Kabel, Scheinwerfer und anderes Material abzuholen, welches günstig oder gratis von anderen Kulturinstitutionen zur Verfügung gestellt wird. «Die Scheinwerfer hat das Schlachthaus-Theater zu uns in die Sommerferien gegeben, die Garderobe haben wir vom Theaterfestival Auawirleben ausgeliehen, und der Schiffscontainer stammt aus einer alten Inszenierung von Konzert Theater Bern», erklärt Sonja Riesen. Während Ursula Stäubli und Eleni Haupt dabei sind, die Kleider in die temporäre Garderobe zur Anprobe zu fugen, schraubt Kulissenbauer Renato Grob an einem Hürlimann-Traktor aus den 50er-Jahren, der mit einem 10 Meter hohen Schiffsmast inklusive Ausguck versehen wird. «Die Brücke ist so massiv, der muss schon etwas entgegengesetzt werden», erklärt Grob. «Sonst geht doch unser Bühnenbild unter und die Leute schauen am Ende nur den Schwänen zu.»

Auch der Sarg muss schwimmen

Ganz bestimmt nicht untergehen wird das Floss, welches Grob aus zwei Tanks und mehreren Stahlträgern zusammengeschweisst hat und das zurzeit noch fest vertäut im Schilf des Aareufers liegt. Tatkräftig mitentwickelt und -gebaut habe übrigens auch Regisseur Mathis Künzler, sagt Grob, der sei nämlich gelernter Schlosser. Im Stück wird das Floss einerseits als Beiboot des Walfangschiffes, andererseits auch als Ausschnitt des Schiffsdecks fungieren. Rund fünf Wochen hätten sie an diesem Ungetüm gearbeitet, sagt Grob, die Teile stammten allesamt vom Schrottplatz, wo sie dereinst auch wieder landen würden. Er habe für die Aufführung übrigens auch einen wasserfesten Sarg gezimmert und diesen mit einer Finne versehen, damit er nicht kippe. Die anwesenden Badegäste hätten grosse Augen gemacht, als er seinen Sarg zum Testen gewassert habe.

Und was ist eigentlich mit Moby Dick selber? Wie man den grossen weissen Wal in Szene zu setzen gedenke, wolle man lieber nicht verraten, sagt die künstlerische Leitung. Falls denn tatsächlich ein grosser Fisch in Erscheinung treten sollte, so wird ihn Renato Grob aber ganz bestimmt fachmännisch mit einer Finne seetauglich gemacht haben.

Wohleibrücke am Wohlensee Dienstag, 8. August, 19.30 Uhr (Premiere). Weitere Vorstellungen bis 9. September. www.vorort.be (Der Bund)

Erstellt: 27.07.2017, 06:52 Uhr

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