«Das Digitale ist ganz einfach der Pinsel, mit dem ich arbeite»

Robert Henkes Laser-Installation «Spline» fühlt sich an wie eine schwerelose Reise durch unser zentrales Nervensystem.

Robert Henkes Faszination für Laser ist ungebrochen.
Xymna Engel

Beim Stichwort Laser denke ich als Erstes an Haarentfernung und «Star Wars». Warum denke ich nicht sofort an Kunst?
Die handtaschengrossen Laser, mit denen ich arbeite, waren vor 10, 15 Jahren noch riesige Röhrensysteme mit Wasserkühlung und Hochspannungsnetzteil. Es war also schon rein technisch sehr schwierig, damit künstlerische Ideen umzusetzen. Klar, es gibt tolle Beispiele aus der Kunstgeschichte wie die Laserwerke von Nam June Paik oder bei Iannis Xenakis. Doch die Präzision, die Helligkeit und die Vielfalt der Farben, wie wir sie heute haben, das war damals undenkbar.

Wo liegt das künstlerische Potenzial heute?
Ich kann über das rein Dekorative hinausgehen – das Instrument ist spielbar geworden. Dabei muss ich zwar immer noch mit den Grenzen des Mediums kämpfen, aber genau das reizt mich. Wie schnell können die Laserstrahlen sein? Stören mich bestimmte Details in der optischen Qualität, oder wird es dadurch erst interessant? Ich arbeite seit sieben Jahren mit Lasern, und es ist wie bei jedem Instrument: Je länger ich mich damit beschäftige, desto virtuoser werde ich.

Robert Henke: Lumière II Boiler Room Mexico Quelle: Youtube.com

Sie bringen das Licht zum Klirren und Rauschen. Wie machen Sie das?
Was mich an Lasern fasziniert, sind diese messerscharfen Strahlen, die sehr greifbar, aber trotzdem immateriell sind. Im Gegensatz zu diesen meist unsäglichen Club-Lasershows, wo man möglichst schnell möglichst viel Effekt erzeugen will, interessiert mich vor allem die langsame Veränderung. Dazu kommen Sounds, die teilweise auf mathematischen Konzepten basieren. Der Klang macht dabei eine räumliche Bewegung: Er kommt von der Decke und läuft zu den Seiten weg. Licht und Klang gehorchen den gleichen Gesetzen, die über gewichtete Zufallsfunktionen gesteuert werden – ich programmiere Unvorhersehbarkeit. In «Spline» projizieren vier Laser ihre Strahlen auf ein blumenförmiges Stoffgebilde, das über den Köpfen der Besucher hängt – eine Art glorifiziertes Himmelbett.

«Bei der Spline-Interpolation versucht man, gegebene Stützstellen, auch Knoten genannt, mithilfe stückweise stetiger Polynome, genauer Splines, zu interpolieren», sagt Google. Das müssen Sie mir erklären.
Das Prinzip kommt aus dem Flugzeug- und Schiffsbau und ist eigentlich sehr simpel. Man versucht die Form eines Objekts so zu gestalten, dass die Krümmung überall möglichst gleichmässig ist. Ein Beispiel: Wenn ein Fahrradfahrer die Richtung ändert, stoppt er nicht abrupt, sondern fährt einen Bogen. Die mathematische Form dieses Bogens ist ein Spline. In meiner Installation ist es die ideale Form für den Stoff, da sie mathematische Präzision mit Leichtigkeit verbindet.

In «Spline» wird also aus viel Theorie und Technik etwas Organisches.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Natur und Technik als etwas Gegensätzliches betrachtet werden. Dabei funktioniert die Amöbe wie auch der Laptop nach denselben Naturgesetzen. Man kann auch einen Code schön nennen, nicht weil er auf Papier gut aussieht, sondern weil der Gedankengang dahinter sehr elegant ist.

Sie zeigen «Spline» im Rahmen des Festivals Digital Playground. Sind Sie ein Digitalkünstler?
Ich glaube, wir leben in der postdigitalen Welt. Computer sind allgegenwärtig geworden, als Objekte sind sie sogar schon wieder am Aussterben. In dieser Hinsicht wirkt ein Festival mit diesem Titel fast museal. Daran ist nichts falsch, aber diese Betonung des Digitalen ist nichts, was als Strategie in die Zukunft weist. Das Digitale ist ganz einfach der Pinsel, mit dem ich arbeite, und der Code ist meine Partitur.

Der Bund

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