Bunt die Abende, blau die Noten

Ein Zyklon-Überlebender, ein Roman schreibender Trompeter und ein Superstar aus Ittigen: Der Be-Jazz-Sommer wartet dieses Jahr mit einer der spannendsten Affichen seiner Geschichte auf (ab Di. 30 Juli).

Auf stürmische Zeiten in Indien folgen niederschmetternde Balladen: Der Berner Trompeter Martin Dahanukar.

Auf stürmische Zeiten in Indien folgen niederschmetternde Balladen: Der Berner Trompeter Martin Dahanukar.

Ane Hebeisen

Es begann, wie so oft, als harmloses Tiefdruckgebiet, steigerte sich dann aber im Laufe der Tage zu einem immer zerstörerischer werdenden Zyklon, dem die Meteorologen den Namen Vardah gaben. Als dieser am Nachmittag des 12. Dezember auf die indische Millionenstadt Chennai zusteuerte, um dort für Tod und Verwüstung zu sorgen, befand sich der Schlagzeuger Lukas Mantel in einem Studio-Atelier der Pro Helvetia in ebendieser Stadt. Und das Naturereignis hat ihn dermassen beeindruckt, dass das neue Album seines Sextetts auf den Namen Vardah getauft hat. Eine Band, die nicht etwa im Sinn hat, alles unkontrolliert niederzuwalzen, sondern elegante Wege gefunden hat, ihre Wildheit in kompositorischen Bahnen zu entfalten. Das Ergebnis ist ein Jazz, in dem unterschiedlichste Kräfte wüten: Disziplin, Entfesselung, Schönheit und Anarchie.

Zu bewundern ist dieses Sextett am Be-Jazz-Sommerfestival, das im Hof des Berner Generationenhauses direkt neben dem Berner Hauptbahnhof seine neue Heimat gefunden hat. Am Abend, an dem Lukas Mantel (Sa, 3. August) über die Bühne stürmen wird, ist ein weiterer Schweizer Musiker mit einschlägiger Indien-Erfahrung zu bewundern. Der Berner Trompeter Martin ­Dahanukar hat deutsche und indische Wurzeln, hat einige seiner Alben in indischen Metropolen geschrieben und sogar einen ziemlich stürmischen Roman verfasst, der in Indien spielt. Am Festival wird er indes sein kommendes Album «Polaroyde» vorstellen, das dem leicht düsteren und unterkühlten Balladen-Jazz verpflichtet ist. Die beiden vorab erschienenen Stücke sind von fast schon erschlagender Schönheit und Eleganz – ein Jazz-gewordener Film noir voller blauer Noten.

Afrikanische Phantom-Wälder

Eröffnet wird das Festival von einem, der seine Musik stets mit sämtlichen Nuancen der Farbskala angerichtet hat: Pape Djiby Ba (Di, 30. Juli) hat schon in den späten Sechzigerjahren in Dakar als Sänger und Perkussionist Aufhorchen erregt und hat mit der Gruppe Star Number One de Dakar in Senegal Heldenstatus erreicht. Vor zwei Jahren hat ihn die Liebe nach Ittigen verschlagen, wo er nun eine Band grösstenteils aus Schweizer Jazzmusikern zusammengestellt hat, die ihn auf seinen Tourneen begleiten soll. Ein Album ist bereits eingespielt, es balanciert auf ganz aparte Weise auf dem Grat zwischen afrikanischem Pop, Funk und Jazz.

Ein nigelnagelneues Album hat auch die Sängerin Karin Meier im Anreisegepäck. Ihr Projekt nennt sich Forest ­Radio (Mi, 31. Juli), und auf dieser Frequenz sendet sie ein Musikprogramm, das durch verschiedenste Stimmungen und geografische Fantasiewelten irrlichtert, von afrikanischen Phantom-Wäldern bis zu helvetischen Utopie-Landschaften. In den schwächeren Momenten muffelt das Ganze indes etwas nach jazzakademischem Kunstwollen.

Jazzakademisch ist auch das neueste Projekt Old Europe (Do, 1. Aug.) des Berner Bassisten Bänz Oester veranlagt, ohne jedoch auch nur annähernd danach zu klingen. Zusammen mit dem in Winterthur ansässigen mazedonischen Vater-Sohn-Gespann Marem & Nehrun Aliev und Studierenden der Musikhochschule Lausanne spürt er der Volksmusik des Balkan nach und unterfüttert diese mit mal zügellosem, mal fast kontemplativem Jazz. Zur Entdeckung des Abends dürfte dabei der junge und überaus gestaltungswillige Saxofonist Zacharie Canut avancieren.

Dahingetupfter Jazz

Nichts Geringeres als eine Neuerfindung des Jazz-Trios hat die Gruppe Gustaf, Frédéric & Isabel (Fr, 2. Aug.) eingeläutet. Die Standard-Instrumente Bass, Piano und Schlagzeug werden hier durch Bass, Harfe und Saxofon ersetzt – eine Kombination, die Expeditionen in bisher kaum erforschte Klangwelten erlaubt. Björn Meyer, Park Stickney und Araxi Karnusian tupfen hier einen Jazz von zarter Schönheit ins Gemüt, fein groovend, eher summend als schreiend, eher traumwandelnd als galoppierend.

Konventionell in der Instrumentierung, aber stets unberechenbar in der Ausführung geht das Trio des Pianisten Florian Favre (Fr, 2. Aug.) zu Werke. Seine Musik ist gespickt von aparten Ideen, immer wenn man das Gefühl hat, man werde hier mit Schönheit eingelullt, baut Favre kompositorische Finten, dramaturgische Wendungen oder üppige Groove-Passagen ein.

Berner Generationenhaus, Dienstag, 30. Juli bis 2. August.

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