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Beim Abendessen hörte das Leben, das sie kannte, auf

Heidi Maria Glössner beeindruckt mit ihrer schauspielerischen Leistung in Joan Didions «Das Jahr magischen Denkens». Trotzdem wirft die Saisoneröffnung im Theater an der Effingerstrasse Fragen auf.

Ihre Figur trägt durch den Abend: Heidi Maria Glössner als Joan Didion.
Ihre Figur trägt durch den Abend: Heidi Maria Glössner als Joan Didion.
Severin Nowacki

Joan Didion ist eine kleine, zierliche Person, aber eine grosse US-amerikanische Intellektuelle. 1964 heiratete sie John Gregory Dunne. Die beiden wurden zum künstlerischen Glamourpaar der Westküste. Gemeinsam schrieben sie Drehbücher. Im eigenen Schaffen war Dunne erfolgreicher mit seinen Romanen, während Didion vor allem mit ihren Essays brillierte. Am 30. Dezember 2003 kam der Riss in die fast 40 Jahre gemeinsamen Lebens. Beim Abendessen erlitt John einen akuten Herzinfarkt, fiel vom Stuhl und war tot. Noch am Nachmittag hatte das Paar die erwachsene Tochter auf der Intensivstation im Spital besucht, wo Quintana mit einem septischen Schock auf der Schwelle zwischen Leben und Tod lag.

Wenige Tage nach dem Tod ihres Mannes notiert Joan Didion: «Das Leben ändert sich schnell. / Das Leben ändert sich in einem Augenblick. / Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf. / Die Frage des Selbstmitleids.» Ein gutes halbes Jahr später sind diese ersten niedergeschriebenen Worte der Ausgangspunkt einer akribischen persönlichen Recherche. «The Year of Magical Thinking» war ein Welterfolg, das Memoir wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet, in Europa ist es das bekannteste Buch der Autorin. Zum Saisonstart bringt das Theater an der Effingerstrasse den Text auf die Bühne.

Das Szenario auf der Bühne ist ganz in Weiss gehalten, ansonsten aber realitätsnah, mit einem Sofa, heruntergelassenen Lamellenstoren, einem Tisch. Dort liegt das Buch, Heidi Maria Glössner in der Rolle der Joan Didion nimmt es zum Ausgangspunkt. Mal wendet sie sich in direkter Ansprache ans Publikum, mal wechselt sie ins Selbstgespräch – bald verzweifelt, bald in Erinnerungen schwelgend, bald wütend und einmal von Kummer überwältigt. Es ist eine bemerkenswerte Leistung. Knapp eineinhalb Stunden dauert ihr Monolog. Die ganze Zeit steht Glössner allein auf der Bühne und vermag die Spannung zu halten, ihre Figur trägt durch den Abend.

Die Anomalie ins Lot bringen

Joan Didion selbst hat eine Theaterfassung ihres Textes geschrieben, auf Anfrage des Broadway. Dort wurde das Stück 2007 mit Vanessa Redgrave uraufgeführt. Das Buch, ein innerer Monolog, scheint sich für die Bühnenadaption anzubieten. Und doch wirft gerade diese Adaption die grössten Fragen auf. Im Buch ringt die Schriftstellerin darum, das Geschehene zu verstehen. Sie versucht, den Moment aufzuspüren, in dem der «alltägliche Augenblick» in Anomalie gekippt ist. Äusserlich funktioniert sie, verlangt eine Autopsie, organisiert die Trauerfeier, registriert aber, wie sie zugleich einem «magischen Denken» verfallen ist, überzeugt, John kehre zurück, wenn die Anomalie wieder im Lot ist. Sie ist Schriftstellerin, sucht in Literatur, wissenschaftlichen Texten, medizinischer Dokumenten. «Information heisst Kontrolle», sagt sie. In Schlaufen greift sie wieder und wieder die Ereignisse auf. Kreisend schreibt sie sich so als Schriftstellerin in die Realität zurück.

Was der Prosatext vorführt, wird in der Bühnenadaption zur Auslegung. Auch die schriftstellerische Tätigkeit der Autorin wird zur Behauptung. Die ursprüngliche Vielschichtigkeit verflacht, Didions präzise Unterscheidung von Leid und Trauer fällt zusammen, ebenso die Unterscheidung zwischen dem Tod des Ehemannes und dem der Tochter. Denn eineinhalb Jahre nach John stirbt Quintana an einem erneuten septischen Schock. Im Prosatext wollte Didion dieses Ereignis nicht ergänzen, erst 2011 publiziert sie dazu den eigenständigen Text «Blue Hours». In der Bühnenfassung kommen die beiden Verluste zusammen – allzu abrupt. Was bleibt, ist wenig mehr als die Erzählung eines doppelten Schicksalsschlages.

Es mag ein grundsätzliches Problem der Bühnenadaption von Prosatexten sein. Die andekdotische Inszenierung (Wolfgang Hagemann) mit Wellenrauschen, atmosphärischer Musik und theatralischem Spiel anstelle des sachlich selbstbeobachtenden Tons hilft da nicht. Im Dezember steht Didions 85. Geburtstag an. Für Herbst ist ein neuer Roman angekündigt, auf Netflix ist der sehenswerte Dokumentarfilm ihres Neffen zu sehen. Genug Gründe, die grosse Autorin neu zu entdecken. Trotz Glössners beeindruckender Darstellung: Didions Prosatexte eignen sich dafür besser.

Weitere Aufführungen bis 20. September

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