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Bartschneider und Polster-Popos

«Wahrheit»-Kolumnist Ane Hebeisen bereute seine Taten bereits nach kurzer Zeit.

MeinungAne Hebeisen

Dies hier ist eine ziemlich lehrreiche Kolumne. Sie enthält einen Tipp für den Banditen, ein wenig Eigenschmach und allerhand Lebenshilfe für die Dame.

Dies alles zu gewährleisten, ist mir möglich, da ich mich neulich in Experimentierlaune befand und beschloss, mir meinen Bart abzuschneiden. Nach zwanzig Jahren Bartgesicht wollte ich einmal schauen, was da hinter all dem Horngewucher zum Vorschein kommen würde. Es waren Ferien, es war also ein bisschen Zeit, das Ganze bei Nichtgefallen wieder in Ordnung zu bringen, und die Ehefrau war verreist. Eine schockbedingte Akut-Scheidung sollte demnach nicht ins Haus stehen.

Ich begann also zu schnipseln und zu schneiden, liess mir aus Jux kurz einen völlig indiskutablen Zuhälterschnauz stehen, schnipselte weiter, und auf einmal war er weg.

Und was anstelle des Bartes zum Vorschein kam, war nicht gut. Ganz und gar nicht. Der Mund: viel zu freundlich und unschön freischwebend in die Physiognomie eingepasst. Das Kinn: auf der Flucht. Und unterlegt wurde das Ganze von einem traurigen, bleichen Doppelkinn, dessen ich bisher noch gar nie ansichtig geworden war. Es war schlimm.

Ich getraute mich nicht mehr in die Bäckerei, kaufte nur noch im etwas anonymeren Aldi ein, verdunkelte abends die Wohnung und begann mein Gesicht mit Kokosöl einzureiben in der Hoffnung, diese weitherum gerühmte Wundersubstanz könne auch die Beschleunigung des Bartwuchses begünstigen. Meine Frau, die sich über Skype bei mir meldete, dachte zunächst, sie sei falsch verbunden, um danach in hysterisches Gelächter und unverschämten Spott auszubrechen.

Als ich so in meinem abgedunkelten Keller sass und auf die Rückkehr des Bartes wartete, las ich, dass gerade ein brasilianischer Drogenbandit namens «Weisser Kopf» gefasst wurde, der sich über zwanzig Jahre lang auf der Flucht befand. Er war deswegen so lange unbehelligt geblieben, weil er sich diversen Gesichtsoperationen unterzogen hatte. Allerdings deuteten die dazugestellten Vorher-nachher-Bilder des Drogenbanditen darauf hin, dass die brasilianischen Gesichtsumgestaltungs-Chirurgen nicht mit der ganz grossen Kelle angerichtet hatten. Die Bilder zeigten keinen vollkommen neuen Menschen, Augen, Näschen und Mund waren alle etwa noch am selben Ort.

Da war meine Veränderung weit drastischer. Da war irgendwie alles ein bisschen verrutscht, da guckte nicht mehr ein grimmiger älterer Herr aus dem Spiegel, sondern ein zartes älteres Wesen mit speckiger Visage, das in den finsteren Verbrecherkreisen vermutlich den Übernamen «Weisses Lausbubengesicht» zugeteilt bekommen hätte.

Apropos brasilianische Schönheitschirurgen. Die scheinen ja gerade ein bisschen von der Rolle zu sein. Ihre Lieblingsbeschäftigung besteht derzeit darin, ihren Klientinnen die Hinterteile dermassen mit Eigenfett oder anderem Füllmaterial vollzustopfen, dass sie aussehen, als hätte man ihnen ein Sitzkissen in den verlängerten Rücken implantiert. Das sei halt Mode, pflegen sie zu sagen. Doch ob es tatsächlich eine statistisch auffällige Massierung an Herren gibt, die angesichts eines solchen Polster-Popos ausflippen, das wagt der Verfasser mit dem Kuschelgesicht dringend zu bezweifeln.

Vielleicht ist das ja der grosse Irrtum der Klick-basierten Neuzeit: Man guckt sich solcherlei Monstrositäten mitsamt all den lustigen Permanent-Duckfaces zwar fassungslos an; würde man sich aber eine einsetzende Massenproduktion des ausladenden Gummi-Pos wünschen? Eher nicht.

Doch zurück zum versprochenen Tipp für den Banditen: Vergesst den Mafia-Chirurgen. Der Migros-Bartschneider tut es auch.

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