Mal nüchtern bleiben

Heute vor 100 Jahren endete der Landesstreik. Im aufgeputschten Jubiläumsjahr kommt die sachliche Ausstellung im Landesmuseum gerade recht.

Ohne staatliche Unterstützung kamen viele Städter im Ersten Weltkrieg nicht über die Runden: Suppenküche in Basel. Foto: Staatsarchiv Basel-Stadt

Ohne staatliche Unterstützung kamen viele Städter im Ersten Weltkrieg nicht über die Runden: Suppenküche in Basel. Foto: Staatsarchiv Basel-Stadt

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Stellen Sie sich vor, es klopft an Ihre Tür. Sie öffnen und sehen eine magere, irgendwie begehrlich wirkende Arbeiterfamilie. Wie reagieren Sie?

  • A) Sie rufen den Füsilier. Nachdem dieser die Familie verjagt hat, klatschen Sie laut.
  • B) Sie schliessen die Tür und verziehen angewidert das Gesicht.
  • C) Sie verschaffen dem Vater einen besseren Job.
  • D) Sie nehmen die Mutter tröstend in den Arm.
  • E) Sie zünden eine Fackel an und rufen die Revolution aus.

Wie immer Ihre Antwort ausfällt – in der aktuellen Landesstreik-Debatte finden Sie garantiert irgendwo Unterstützung. Nachdem der Streik von der Strasse ins Archiv gewandert ist, verwandelte er sich im Jubiläumsjahr 2018 in einen sozialpolitischen Rohrschachtest. Christoph Blocher und Simonetta Sommaruga, Grossbürger und Jungsozialisten: Alle hatten ihre eigene Deutung parat. Jeder fand unter den Revolutionären und Reaktionären sein historisches Alter Ego. Und die Briefe, Depeschen und Geschichtsbücher passten – oh Wunder der Exegese – stets bestens ins Konzept.

Alt-Bundesrat Christoph Blocher etwa hatte kein Verständnis für die Situation der Arbeiter damals und die Arbeit der Historiker heute, misstraute allen überlieferten Beteuerungen der Streikführer, nur Reformen, aber keinen Umsturz im Sinn gehabt zu haben. Für Blocher war Ge­neral Ulrich Wille der wahre Held des Landesstreik-Dramas. In der NZZ bezweifelten diverse Beiträge die Not im November 1918 und damit die soziale Dringlichkeit des Streiks. Die USA hätten doch bei Streikausbruch bereits wieder Getreide geliefert, und der Finanzmarkt sei doch bis kurz vor dem Streik ruhig geblieben.

Auch diese Ausführungen überzeugten nicht. Sie taugten bestenfalls zur Erkenntnis, dass die Arbeiter ein wenig weniger zu wenig zu essen gehabt hatten. Dass der Streik nicht allein Kulminationspunkt aufgestauten Arbeiter-Elends war, ist heute ohnehin unbestritten; ausgelöst wurde er vom spinnefeinden Pas de deux hypernder Militärs einerseits und selbstbewusster Streikführer andererseits.

Die Macher der «Tagesschau» waren so begeistert von Tanners These, dass sie sie zur Kardinal-Erklärung des Streiks machten.

SRF wiederum zweifelte, ob die Dramatik dieses Streiks genügend Spannung bot für den gemeinen TV-Zuschauer – und entschied sich für das Genre «Docufiction». Das Resultat war ein packender Film, gespickt mit kleinen historischen Ungenauigkeiten. Schliesslich wartete jüngst Historiker Jakob Tanner in dieser Zeitung mit einer spannenden, durchaus plausiblen, von anderen Historikern aber noch zu prüfenden These auf. Der Bundesrat habe, so Tanner, auf ein hartes Vorgehen gegen die Streikenden gedrängt, damit die Schweiz im Ausland als stabiles Land erscheine. Und die Franzosen hätten den Aufruhr in der Schweiz gezielt als bolschewistischen Tumult dargestellt, um die Friedensverhandlungen nach dem Weltkrieg nicht in der neutralen Schweiz, sondern zu Hause in Versailles durchführen zu können.

Die Macher der «Tagesschau» waren letzten Samstag dermassen begeistert von Tanners These, dass sie sie gleich zur Kardinal-Erklärung des Landesstreiks kürten.

Die Ausnüchterungszelle

Wenig erstaunlich, wenn einem bei diesem Diskurs-Wirrwar allmählich der Kopf schwirrt. Da kommt die neue Ausstellung im Zürcher Landesmuseum gerade recht. Sie zeigt, was vom Landesstreik übrig bleibt, wenn sich der Gefechtsrauch einer aufgeputschten Debatte wieder verzogen hat. In einer grösseren Zelle im Erdgeschoss des Museums haben die Kuratoren Pascale Meyer und Christian Koller die wichtigsten Fakten und Dinge zum Streik zusammengetragen. Zum Beispiel Werkzeuge und Symbole der Gegner: ein Maschinengewehr vom Typ Mg 11, wie es die Armee vor exakt hundert Jahren in Grenchen aufklappte (ebendort erschoss sie am 14. November drei Arbeiter). Die Mütze des Generals, das Abzeichen einer Bürgerwehr. Oder Ausschnitte aus dem Propagandafilm «Die rote Pest», einem der übelsten Machwerke der Schweizer Filmgeschichte.

In einem anderen Video kommt Willi Gautschi zu Wort. Jener Aargauer Historiker, der in einem bewundernswerten Effort die Dokumente zum Streik durchkämmte und Zeitzeugen befragte, der die Verschwörungstheorie vom sowjetischen Strippenzieher entkräftete und das noch immer gültige Standardwerk zum Streik schrieb. Gautschi ist der heimliche Pate dieser auf Nüchternheit getrimmten Ausstellung. Es sind nicht die hier ebenfalls ausgestellten reaktionären Agitationsschriften, die Verständnis für das verschreckte Bürgertum von damals entstehen lassen. Sondern spröde Zeitleisten, die auch die Umwälzungen im Ausland zeigen. Dort, wo tatsächlich Revolution gemacht wurde.

Und dann liest man eben auch die Schrifttafel zum fehlenden Erwerbsersatz der Soldaten, die Tafel zu den Stadtbewohnern, von denen jeder vierte auf staatliche Lebensmittelunterstützung angewiesen war, die Forderungen des Oltener Komitees, die ja keineswegs spektakuläre, sondern durchwegs vernünftige Forderungen waren. Spätestens dann ist klar, dass wir froh sein müssen um diesen Streik, ohne den der Schweizer Sozialstaat wohl noch länger nicht in die Gänge gekommen wäre.

Bis 20.1.2019

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