Eine Geschichte in Kleinformat

Die Schweizer Briefmarke feiert den 175. Geburtstag: Das Museum für Kommunikation in Bern widmet der Briefmarke eine «extreme» Ausstellung.

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Der Gedanken, dass jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen wäre, doch noch eine kriminelle Laufbahn einzuschlagen, geisterte kurz durch die Hirnwindungen der Chronistin. Fast 30 Millionen Schweizer Franken ist die Ausstellungsware wert, welche zurzeit im 2. Untergeschoss des Museums für Kommunikation gezeigt wird.

Das gesetzeswidrige Vorhaben scheiterte daran, dass der Wachmann ein ausnehmend freundlicher Zeitgenosse war – und auch am Umstand, dass die Ware nicht einfach irgendwo in der nächsten Hehlerbude verhökert werden könnte. Soweit sie informiert sei, sagt Museumsdirektorin Jacqueline Strauss, gebe es nämlich keinen Schwarzmarkt für Briefmarken.

Extrem teuer

Haben Sie beim Wort «Briefmarken» gerade gegähnt? Tatsächlich hat die Philatelie mit einem verstaubten Image zu kämpfen. Briefmarkensammeln wird synonym mit Langeweile und Spiessigkeit verwendet; mit einem Album voller Papierstückchen locke man keine Katze hinter dem Ofen hervor, so die landläufige Meinung. Dass das Museum für Kommunikation seine Ausstellung zum 175. Geburtstag der Briefmarke mit dem Adjektiv «extrem» beschreibt, wirft also Fragen auf.

«Doch, doch», die Wortwahl sei im Zusammenhang mit der Ausstellung durchaus angebracht, sagt Kurator Andreas Schwab. Schliesslich sei dies die teuerste Ausstellung, die er je kuratiert habe. Zudem würden ja nicht nur Briefmarken gezeigt, sondern es werde auch einiges über deren Herstellung und Gestaltung vermittelt sowie die Gilde der Philatelisten und deren Sammelwut werde beleuchtet. «Und da gibt es so einiges, was extrem ist», sagt Schwab.

Extrem alt

1840 wurde in England die erste Briefmarke verschickt, die «One Black Penny». Drei Jahre später gab es auch in der Schweiz Marken zu kaufen. Da die Schweiz in der damaligen Zeit noch kein Nationalstaat war, sondern sich aus einem eidgenössischen Staatenbund mit 22 Kantonen zusammensetzte, passierte diese Einführung nicht national, sondern kantonal.

Vorreiter war Zürich, wo am 1. März 1843 zwei Marken à 4 beziehungsweise 6 Rappen herausgegeben wurden. Kurze Zeit später folgte Genf – und ab 1845 konnten auch Basler «Dybli» auf ihre Briefe kleben. Zusammen mit zwei brasilianischen «Ochsenaugen» (Brasilien war 1843 das dritte Land, welches Briefmarken einführte) und einer roten und blauen «Mauritius» (die zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz zusammen gezeigt werden) bilden diese frühen Briefmarken das Herzstück der Jubiläumsausstellung.

Im Direktvergleich zeigt sich: Die Zürcher mochten es grafisch schlicht, die Genfer bevorzugten Grün, und die Basler schöpften für ihr Tauben-Motiv in Schwarz-Rot-Blau gestalterisch aus dem Vollen. Dem Wert der Briefmarken entsprechend werden diese frühen Vertreter im Museum für Kommunikation in exklusiver Atmosphäre präsentiert: Dicke blaue Teppiche dämpfen die Schritte, das Licht ist gedimmt. Letzteres sei auch der Sensibilität der Exponate geschuldet, erklärt Jacqueline Strauss.

Das Museum für Kommunikation hortet in seinen Katakomben etwa drei Millionen Briefmarken. Für die aktuelle Jubiläumsausstellung hat es Leihgaben aus aller Welt erhalten und kombiniert diese mit Exemplaren aus dem eigenen Bestand. Dabei gibt es nicht einfach nur die Papierstückchen selber zu sehen, sondern vielfach auch die Briefe, auf welchen besagte Marken kleben. Diese sind dank fantastisch schöner Handschrift und Knappheit der Adressen («Herrn Rordorf, Mathematiker, Ausser-Sihl») amüsante Zeitzeugnisse und als solche aus Laienperspektive fast spannender anzuschauen als die alten Marken selber.

Extrem aufwendig

Während im England des Jahres 1840 klar war, wem die Ehre gebührt, auf der ersten Briefmarke abgebildet zu werden – Queen Victoria –, war diese Frage im jungen helvetischen Bundesstaat schwieriger zu beantworten. Die ersten Marken zierte das Schweizerkreuz, bald einmal folgten dann eine sitzende Helvetia samt Schild und Speer, welche ihrer wilden Locken wegen in Fachkreisen liebevoll «Strubel» genannt wird.

An den Motiven der ausgestellten Marken lässt sich die Suche nach einer nationalen Identität erkennen, fungierte die Post doch quasi als Corporate-Identity-Abteilung des sich formierenden Nationalstaates. Dabei veränderten sich im Laufe der Zeit die Anknüpfungspunkte. Wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Helvetia und etwas später Tell mit Armbrust abgebildet, erschienen um 1914 plötzlich Landschaften, Berge und Seen auf den Briefmarken.

Später folgten Schweizer Persönlichkeiten und Häuser aus allen Landesteilen, bevor dann Ende der 1940er-Jahre die Serie «Technik und Landschaft» die Verbindung von Tradition mit Ingenieurskunst, etwa in Form von Staumauern, aufnahm. Vom jeweiligen Zeitgeist zeugen Werke von Hans Erni, Ferdinand Hodler oder auch Karl Bickel, Letzterer ein Zürcher Künstler und Illustrator, der zu den produktivsten Briefmarkengestaltern der Schweiz gehörte. Die Gesamtauflage der von ihm bebilderten Marken beträgt geschätzte 11 Milliarden.

«175 Jahre Briefmarken» richtet den Fokus aber nicht nur auf die Vergangenheit, sondern zeigt auch, woran die Schweizer heute noch lecken. Eines der prominentesten Beispiele ist das Abbild von Roger Federer: Er ist die einzige Persönlichkeit, die es bereits zu Lebzeiten auf eine Schweizer Briefmarke geschafft hat.

Extrem leidenschaftlich

Und dann sind da auch noch die Sammler. Auch wenn ihnen nicht gerade der Ruf vorauseilt, wilde Partylöwen zu sein, so zeigt die Ausstellung doch, mit welch unbändiger Leidenschaft Philatelisten ihrem Beruf oder Hobby frönen. Eindrückliches Beispiel: die 320 Sammelalben, die der ehemalige Lysser Postverwalter Kurt Rolli angelegt hat. Als Neunjähriger stiess er auf ein Bildnis der jungen Elizabeth, der späteren Königin von England, und war ihr auf Anhieb verfallen. In fünfzig Jahren sammelte Rolli rund eine Viertelmillion Elizabeth-Marken, die er in roten Alben aufbewahrte und minutiös von Hand beschriftete.

Aufgezeigt wird ebenfalls, dass das Bild des sozial verwahrlosten Einzelgängers nur bedingt auf Briefmarkensammler zutrifft. Vielmehr treffen sich diese regelmässig an Ausstellungen, wo die eigene Sammlung mit viel Stolz präsentiert und von offiziellen Gremien prämiert wird. Davon zeugen Fotos und eine Vitrine mit Medaillen und Pokalen.

Leider sei ein gewisser Nachwuchsmangel auszumachen unter den vorwiegend älteren, männlichen Sammlern, sagt die Direktorin des Hauses. Dies habe unter anderem damit zu tun, dass Briefmarken heute nicht mehr einfach so en masse ins Haus flatterten, weil viel Post elektronisch erledigt oder frankiert werde. «Die Einstiegsdroge fällt weg», sagt Jaqueline Strauss.

Briefmarken haben längerfristig wahrscheinlich einen schweren Stand. Sammler werde es aber immer geben, sagt Jacqueline Strauss mit Überzeugung. Damit hat sie wohl recht, zeigt doch die Ausstellung «175 Jahre Briefmarken» überzeugend, dass die schmucken Papierstückchen viel mehr sind als einfach nur eine Werteinheit. Sie sind Geschichte in Kleinformat, historisches Zeitzeugnis und Abbild gesellschaftlicher und politischer Anliegen. Manche sind kleine ästhetische Miniaturen, mit anderen könnte man sich nicht nur eine Villa kaufen, sondern auch gleich die zugehörige Insel.

Die Ausstellung «EXTREM – 175 Jahre Schweizer Briefmarken» wird bis 8. Juli 2018 gezeigt. (Der Bund)

Erstellt: 02.03.2018, 06:35 Uhr

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