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Ausgerechnet die Nicholson-Kluft

Das Theater an der Effingerstrasse zeigt «Einer flog über das Kuckucksnest» – mit erfreulichem Tempo, aber verdächtig bekannten Bildern.

Wer ist hier der Rebell? Genau, Christoph Kail (im schwarzen Shirt) spielt den aufsässigen Randle P. McMurphy.
Wer ist hier der Rebell? Genau, Christoph Kail (im schwarzen Shirt) spielt den aufsässigen Randle P. McMurphy.
Severin Nowacki

Bei der Farbe muss man ja irre werden. Leuchtend gelbe Wände umschliessen im Theater an der Effingerstrasse die Bühne mit dem Gitterfenster (Peter Aeschbacher); ein menschenfreundlicher Ort sieht anders aus. Aber wir blicken ja auch in eine psychiatrischen Anstalt, wo die Insassen schrittweise ruhiggestellt werden, bis es ihnen nichts mehr ausmacht, wenn eine gefühlskalte Oberschwester vor versammelter Runde in ihrem Privatleben herumstochert.

So beschrieb es der amerikanische Autor Ken Kesey in seinem Roman «Einer flog über das Kuckucksnest», in dem er 1962 nicht nur die damaligen verhaltenstherapeutischen Praktiken, sondern auch eine Gesellschaft der Gleichschaltung und Kontrolle kritisierte. Bekannt wurde das Buch dann aber vor allem durch die mehrfach oscar­gekrönte Verfilmung von Miloš Forman mit Jack Nicholson in der Hauptrolle.

Und es ist auch dieser Film von 1975, an dem die Berner Inszenierung nicht vorbeikommt. An der Effingerstrasse bringt man zwar die Theaterfassung von Dale Wasserman auf die Bühne. Aber warum muss der aufsässige Randle P. McMurphy, der wegen Gewalt- und Sexualdelikten eingeliefert wird und in der Folge die ganze Psychiatrie aufmischt, ausgerechnet die Jack-Nicholson-Kluft tragen? Christoph Kail spielt ihn plausibel als jovialen, breitbeinigen Rebellen, aber klar, dass er mit Jeans und Lederjacke (Kostüme: Sybille Welti) ständig an das berühmte Vorbild erinnert.

Selten ist ein Wort zu viel

Ähnlich ergeht es einem bei der Schwester Ratched, die bei Forman mit frostigem Blick ihre Macht ausübt und die Sinikka Schubert zwar mit ähnlicher Unbarmherzigkeit, aber mit etwas zu viel Engagement ausstattet, um gefährlich zu wirken. Und schon ist man wieder bei den ärgerlichen Filmvergleichen, aber der österreichische Regisseur Alexander Kratzer, der das Theater an der Effingerstrasse ab nächster Spielzeit leiten wird, legt es auch darauf an.

Für sein «Kuckucksnest» hätte man sich zumindest mehr Mut zur künstlerischen Eigenständigkeit gewünscht. Man hat das halt alles schon einmal gesehen: die durchsichtigen Becherchen bei der Medikamentenausgabe, die Karten spielenden Patienten, den zupackenden Wärter (Fabian Guggisberg), den zutraulichen Doktor (Gerhard A. Goebel). Immerhin ist der Abend erfreulich sportlich getaktet: Selten ist ein Wort zu viel; und das Ensemble beherrscht die Regeln der Situationskomik.

Klischee mit Kniestiefeln

Nur der psychische Schaden kennt bei Christoph Griesser, Simon Käser und Julian Pichler höchstens eine Tonlage: jene des regressiven Wankelmuts. Einzig Mirko Roggenbock wirkt manchmal etwas wahnsinnig, wenn er grübelt; und Horst Krebs ist das Trauma ins stoische Gesicht geschrieben. Unverständlich hingegen, wie Larissa Keat die Geliebte von McMurphy als Prostituierte und einziges Klischee mit Kniestiefeln und Minirock geben kann. Man muss es sagen: Da war der Film aus den Siebziger­jahren fortschrittlicher.

Weitere Vorstellungen bis 26. Oktober.

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