Aus bekannten Silben wird Poesie

Warum fühlen wir uns im Breitenrainquartier oder in der Altstadt so wohl?

Die Gerechtigkeitsgasse in der Berner Altstadt: Ein durchkomponierter Reim. Zeichnungen von F. Limbach aus «Die schöne Stadt Bern», Benteli-Verlag, 1978.

Die Gerechtigkeitsgasse in der Berner Altstadt: Ein durchkomponierter Reim. Zeichnungen von F. Limbach aus «Die schöne Stadt Bern», Benteli-Verlag, 1978.

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Was ist es, das den Breitenrain oder die Altstadt zu den beliebten Quartieren macht, in denen wir einen Kaffeetrinken wollen oder uns zum Feierabendbier verabreden? Was ist es, das den Obstberg oder das Kirchenfeld zu Orten macht, in denen wir wohnen wollen oder durch die wir am Sonntag spazieren?

Diese Berner Quartiere sind über Jahrhunderte zu stimmungsvollen Orten gewachsen. Aber nicht das ist dabei entscheidend, sondern dass sie eine Sprache sprechen. Eine Sprache, die Aspekte der Beständigkeit und Zeitlosigkeit mit sich führt. Es ist keine monotone Sprache, sondern eine ausgewogene – eine, die nicht mit übertriebener Selbstinszenierung spricht, sondern mit selbstverständlicher und sinnlicher Ausstrahlung.

Die architektonischen Bausteine werden wie die Silben unserer Sprache zu einem rhythmischen Gefüge gebracht, das weder rein repetitiv noch beliebig ist. Die wie in einer Perlenkette aufgereihten, unprätentiösen Altstadthäuser sehen auf den ersten Blick gleich aus, und dennoch ist jedes Haus einzigartig komponiert. Die Fensterproportionen bilden ein harmonisches und rhythmisches Lochgewebe. Schmale, filigrane Geländer, unterschiedlich dekorative Rahmung der Fenster und leicht differenzierte Lauben machen jede Fassade einzigartig.

Nicht zwei Häuser sind identisch, und doch bilden sie eine Einheit. Mit demselben Alphabet, den Silben derselben Sprache haben die Baumeister über Jahre einen wunderbaren Text geschrieben, der auch heute noch verständlich ist. Von Strassenabschnitt zu Strassenabschnitt ändert sich sanft die Dialektik, die gemeinsame Sprache geht dabei nicht verloren.

Babylonische Sprachverwirrung

So einfach es tönt, so schwierig scheint die Aufgabe heute zu sein, ein stimmungsvolles Quartier zu planen. Einerseits scheitert die Atmosphäre an der Beliebigkeit, die durch den Fokus auf ökonomischen Gewinn der Totalunternehmungen entsteht. Das Filigrane der Fassadenstruktur wird durch eine tiefenlose Sprache ersetzt; und fortwährend identische Reime machen die Strassenansicht zu einer banalen Aufzählung.

Andererseits zerfällt die Einheit durch die Selbstinszenierung von Architekten, die gestalterische Richtlinien umgehen, um eine architektonische Besonderheit zu verwirklichen. Zahlreiche exotische Einschübe machen die Prosa des Quartiers schliesslich unverständlich. An präzisen Stellen und für besondere Nutzungen öffentlichen Charakters sind städtebauliche Ausnahmen durchaus erwünscht – ganz im Sinne von spannungsvollen Störungen, die das Ensemble bereichern. An Orten wie Bern Brünnen oder Wankdorf City aber endet die exotische Ansammlung in Kombination mit einer Beliebigkeit der Detailgestaltung in einer vollflächigen, babylonischen Sprachverwirrung. Es wird nicht versucht, eine gemeinsame Sprache des Orts zu entwickeln oder aber die bestehende Sprache zu lernen.

Architektonische Poesie

In der aktuellen Berner Stadtentwicklung und der innerstädtischen Verdichtung werden künftig grosse Stadtquartiere wie beispielsweise das Warmbächli, das Gaswerkareal oder das Viererfeld neu entstehen. Hoffentlich werden die Architekten und Totalunternehmungen an diesen Orten eine gemeinsame Sprache finden.

Es bleibt zu hoffen, dass Bauherren und Jurys von Architekturwettbewerben die richtigen Beiträge wählen, damit neue Quartiere entstehen, die das nötige Gleichgewicht aus Diversität und Wiederholung aufweisen – für einen harmonischen, dichterischen Reim ist das unbedingt erforderlich.

Die Kunst wird nicht sein, eine Fremdsprache zu sprechen, sondern die bekannten Silben und Wörter zu einem poetischen Text zu fügen und damit dem Quartier eine Atmosphäre zu verleihen.

Wir danken Dorothea Franck, die mit ihrem Referat «Poetik der Architektur», einer Suche nach dem Grund für das Wohlbefinden in den Berner Laubengängen, diese Gedanken weiter angeregt hat.

Sonja Huber und Bettina Gubler haben an der ETH Lausanne Architektur studiert und arbeiten in Lehre, Wissenschaft und Praxis. Sie sind Mitglieder des «Baustelle»-Kolumnistenteams. (Der Bund)

Erstellt: 11.06.2018, 06:41 Uhr

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