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Aufgetaucht: Forschen am guten Ton

Was machen Klanghölzer und Siegellacke in einem Literaturarchiv? Sie stammen aus dem Nachlass des Musiktheoretikers Hans Kayser.

Arnold Schönbergs Brief an Hans Kayser vom 5. März 1913 und Kaysers Lackproben.
Arnold Schönbergs Brief an Hans Kayser vom 5. März 1913 und Kaysers Lackproben.
Simon Schmid (Nationalbibliothek)

Was verbindet Holzplättchen mit Papier? Materialtechnisch betrachtet ist es das Stützgewebe Lignin (lat. lignum, «Holz»): Im Holz sorgt es für Stabilität, im Papier ist es mitunter der Grund fürs Vergilben. Doch – wie kommt es, dass Lackproben auf Klanghölzern in einem Archiv für Literatur gehütet werden?

Bei Hans Kayser, dem Begründer der modernen harmonikalen Grundlagenforschung, überrascht dies nicht. In seinem Verständnis der Erforschung der (Klang-)Welt steht alles mit allem in Verbindung, «im richtigen Verhältnis» oder «im Einklang», in Harmonie also (gr. harmonia, «Fügung», «Verbindung», «Ebenmass»). Kayser hat seine Thesen, auf Pythagoras’ Proportionenlehre bauend und sie weiterdenkend, 1926 in dem von ihm selbst kunstvoll gestalteten Werk «Orpheus. Vom Klang der Welt. Morphologische Fragmente einer allgemeinen Harmonik» bekannt gemacht. Alfred Döblin schrieb darüber in der «Vossischen Zeitung» am 31. Dezember 1927: «Das Buch hat wundervolle Aufnahmen von Kristallen und Lichterscheinungen an Kristallen.» Gesperrt steht zudem: «Es ist sicher, die Natur rechnet.»

Der 1891 in Bad Buchau am Federsee in Württemberg geborene Hans Kayser trat als 20-Jähriger in Berlin in die Kompositionsklasse von Engelbert Humperdinck ein, die er verliess, um bei Arnold Schönberg Privatunterricht zu nehmen. 1932 hält er im Brief vom 29. April rückblickend auf das Jahr 1913 fest, dass er sich seinen «Schüler nennen durfte». Nach dem Studienwechsel zur Philosophie und Kunstgeschichte und der Heirat mit der jüdischen Gesangsstudentin Clara Ruda 1916 promovierte er 1917 mit einer Arbeit über den Renaissancemaler Fra Angelico. Die Bedrohung der Existenz durch die Nationalsozialisten führte Kayser und seine Familie 1933 ins Exil nach Bern, wo sie dank der Hilfe des Kaufmanns Gustav Fueter in Ostermundigen politische Obhut und ein neues Zuhause fanden; zusammen gaben Fueter und Kayser die Blätter für harmonikale Forschung heraus.

Kayser operierte, in Opposition zum vorherrschenden Denken eines dualistischen «seelenlosen Welt­mechanismus», mit seinem Begriff «Tonwert». Auf Tausenden Blättern stellte er dazu von Hand Diagramme und Berechnungen an, unter anderem für seine 1947 erschienene Schrift «Die Form der Geige», wofür er Lackproben nach Selbst­rezepturen mischte, die er auf Holzplättchen auftrug. Kayser war ein praktisch veranlagter Wissenschaftler – und ein spielerischer: Durch den Garten seines Hauses in Bolligen zog die eigenhändig gebaute Modelleisenbahn.

Arnold Schönberg antwortete dem 21-Jährigen, der zwischen einem Mathematik- und einem Musikstudium schwankte, auf seine Frage, ob er sein Kompositionsschüler werden dürfe, mit dem Brief von 1913, auf dessen Umschlag an der Rückseite doppelte Siegel prangen: «Sehr geehrter Herr, Ihr [...] Brief erreichte mich verspätet [...] Nur das: prinzipiell bin ich sehr gerne bereit zu unterrichten. Hochachtungsvoll Arnold Schönberg.» So wie im Geigenbau die Lackierung zum guten Ton gehört, war es einst üblich, Antwortschreiben nicht nur zuzukleben, sondern auch zu versiegeln. Hans Kaysers Gegenbriefe sind auf der Website des Arnold Schönberg Center in Wien nachzulesen. In Bern liegt Kaysers gesamter Nachlass, dessen Inventar die enorme Bandbreite seines Schaffens und Wirkens sichtbar macht und von dem längst nicht alle Schätze darin gehoben sind.

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