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Auf der musikalischen Achterbahn

Die Klarinettistin Anat Cohen stellte an der Spitze eines Tentetts ihre grosse stilistische Wandelbarkeit unter Beweis.

Anat Cohen und ihr Tentett gastieren bis Samstag in Marians Jazzroom.
Anat Cohen und ihr Tentett gastieren bis Samstag in Marians Jazzroom.
zvg

In einem unlängst im französischen «Figaro» erschienenen Beitrag geht es um die Renaissance der Klarinette: Eine steigende Anzahl junger charismatischer Virtuosen würde das Instrument ins Bewusstsein des Publikums zurückbringen, so der Tenor des Artikels. Dieser konzentriert sich zwar auf die klassische Szene, das Wort von der charismatischen Virtuosin trifft indes auch auf die Jazzklarinettistin Anat Cohen zu – wie sie selbst anlässlich ihrer Premiere am Jazzfestival Bern auf schlagende Weise belegte.

Auf ihrer musikalischen Reise stellte sie die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten ihres Instruments unter Beweis, das ebenso in der Klassik wie in den unterschiedlichsten Volkstraditionen und eben auch im Jazz Heimrecht besitzt. Angesichts der aussergewöhnlichen klanglichen Möglichkeiten der Klarinette, von denen nicht zuletzt Hector Berlioz in seinem Instrumentierungstraktat schwärmte, ist es erstaunlich, dass sie vorübergehend aus dem Scheinwerferlicht verschwunden sein soll.

Wie eine kleine Big Band

Was den Jazz betrifft, so zählt die Klarinette zu den «Urinstrumenten» der Spielrichtung. Allerdings setzte ihr Bedeutungsverlust bereits früh ein, paradoxerweise in der Zeit ihrer grössten Popularität. Während die Namen der virtuosen Swingsolisten Benny Goodman und Artie Shaw noch hell glänzten, wurde die Klarinette klammheimlich vom Saxofon verdrängt.

Mit dem vom Bebop verursachten Umbruch wurde die Klarinette vollends zum Instrument einiger Individualisten, deren Erbschaft Anat Cohen als besonders markante, aber beileibe nicht einzige Persönlichkeit angetreten hat. Die aus Tel Aviv stammende Virtuosin liess sich nach ihrem Abschluss am renommierten Berklee College of Music in Boston im Jahr 1999 in New York nieder, wo sie seither ihre Basis hat. Die preisgekrönte Musikerin besticht durch eine ansteckende Spielfreude, stilistische Grenzziehungen sind ihr fremd. Dies wurde bei der Eröffnung ihres Berner Gastspiels überdeutlich, als sie sich an der Spitze ihres unkonventionell besetzten Tentetts querbeet durch Stile und Traditionen spielte.

Das Tentett funktioniert wie eine kleine Big Band, selbst wenn jede Bläserstimme nur einmal besetzt ist. Weitere Klangfarben ergeben sich aus der Verwendung einer Gitarre, eines Cellos, eines Vibrafons sowie eines Akkordeons. Anat Cohen dirigiert ihre Formation in der Manier der bekannten Swing-Bandleader, wobei sie nach deren Vorbild auch die Hauptsolistin ist.

«Swing», das Wort fällt nicht von ungefähr, war doch die Swing Craze samt einem Zitat aus dem Benny-Goodman-Hit «Sing, Sing, Sing» eine der Stationen der schwindlig machenden Reise, zu der die Bandleaderin ihr Publikum entführte. Weitere Stationen waren ein Müsterchen im Walzertakt aus der Welt der Musette, in dem Vitor Gonçalves’ Akkordeon ungehemmt losschmachten durfte, und ein Klezmer-Medley, bestehend aus einer gemessenen Hora, in der Christopher Hoffmans Cello so richtig ins Klagen geriet, und einem raschen Freylekh mit Salsa-Einsprengseln, wobei das Ganze eher nach Mickey Katz als nach historischer Aufführungspraxis tönte – was jedoch keineswegs als Kritik zu verstehen ist.

Kunstvolle Übergänge

Ferner erklangen eine brasilianische Weise – die Musik Brasiliens ist eine bekannte Leidenschaft Anat Cohens – und eine Jazzrock-Nummer, in der die E-Gitarristin Sheryl Bailey ungehemmt «abdrücken» durfte. Die einzelnen Stücke wurden durch kunstvolle Übergänge verbunden, was dem ohne Unterbrüche dargebotenen Set eine Art konzertanter Weihe verlieh.

Die einzelnen Bandmitglieder erhielten Gelegenheit, sich solistisch auszuzeichnen – nebst den bereits genannten sollen zumindest der Trompeter und Flügelhornspieler Francesco Fratini, der Baritonsaxofonist Owen Broder und der Posaunist Nick Finzer nicht unerwähnt bleiben.

Über allen Einzelstimmen sowie dem Ensemble erhob sich immer wieder Anat Cohens Klarinette, welche die sprichwörtliche Wandelbarkeit des Instruments auf geradezu idealtypische Weise verkörperte. Dass das Tentett einen gut eingespielten Eindruck hinterliess, lässt sich einfach erklären: Die Mehrzahl der Protagonisten war bereits an den Aufnahmen des 2017 erschienenen Albums «Happy Song» (Anzic Records) beteiligt, das dem in Bern präsentierten Programm Pate gestanden hat.

www.jazzfestivalbern.ch

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