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Auch das Geschnetzelte mundet

Im Kulturlokal Ono ging der 1. «Bund»-Essay-Slam mit Texten zum Thema Schule über die Bühne. Am meisten Applaus erhielt die in Bern lebende Kunstmalerin Brigitte Elisabeth Schärer-Mäder.

Beim Ziehen der Startnummern: Die spätere Gewinnerin Brigitte Elisabeth Schärer-Mäder in Aktion.
Beim Ziehen der Startnummern: Die spätere Gewinnerin Brigitte Elisabeth Schärer-Mäder in Aktion.
Franziska Rothenbühler

Dieser Abend hätte sich in seiner frühsommerlichen Milde perfekt für ein Bier auf der Terrasse oder einen Parkbummel mit der Liebsten angeboten. Stattdessen füllt eine stolze Zahl an Gästen die Kellergruft des Berner Kulturlokals Ono bis auf den letzten Platz. Auf dem Programm: der 1. «Bund»-Slam, ein neues Supplement zum bekannten Essay-Wettbewerb, der sich heuer mit dem Themenkomplex Schule befasste.

In der ersten Reihe sitzen sieben Schreibtalente, die einen Auszug aus ihren Essays darbieten. Nicht fehlen darf der heimlich wichtigste Mann des Abends, Ono-Chef Daniel Kölliker mit seiner stadtbekannten Post-Punk-Frisur. Er bedient den Applausometer, mit dem der Publikumszuspruch gemessen wird. Jeder Slammer hat genau sechs Minuten Zeit, dann erklingt gnadenlos ein Wecker. «Die Autoren haben T-Bone-Steaks geliefert, und wir machen jetzt Geschnetzeltes draus», beschreibt es Moderator und «Bund»-Redaktor Alexander Sury. Unter den sieben Teilnehmenden verfügt die Mehrheit über eine pädagogische Vorbildung, so etwa der 1971 geborene Christian Hosmann, der das Seminar Hofwil absolvierte und heute Geschäftsführer der Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz ist. Als Lehrer hat er «das Handtuch geschmissen».

Er wirft – effektvoll eingeleitet per iPhone von Pink Floyds Song «Another Brick in the Wall» – einen skeptischen Blick auf unsere Volksschule, den Lehrplan 21 mit seiner Kompetenzorientierung, geisselt den «Pisa-Quatsch» und erwähnt lobend das progressive System der Finnen. Oder die 1970 geborene Nicole Widmer, die seit 2006 als Gymnasiallehrerin für Deutsch und Englisch in Bern arbeitet. In «Von silbernen Äpfeln und vertrockneten Blättern» erinnert sie sich an ihre erste Lehrerin, «Fräulein T», die um den Hals die Titel gebende Frucht an einer Kette trug. Es komme heute, so Widmer, in gewissen Kreisen einem «sozialen Selbstmord» gleich zu sagen, man sei Lehrerin.

Der auch als Theatermacher bekannte Ueli Remund vertraut auf die Prägnanz seiner Stimme und auf seine 39 Jahre Berufserfahrung als Lehrer in Laupen. In seinem Text «Wie einst Serge» schlägt er den Bogen von der bleiernen Zeit der Sechziger über die Phase der antiautoritären Erziehung bis hin zum Neoliberalismus. Er trifft die Sechs-Minuten-Marke exakt und ist ein heisser Anwärter auf den «Sonderpreis des Goldsponsors Omega», wie der Moderator scherzhaft einwirft.

101,5 Dezibel für die Gewinnerin

Es wird schliesslich wie erwartet eng. Der Applausometer verzeichnet Werte von 90 bis 101,5 Dezibel, die ersten zwei Slammer liegen dabei bloss 0,3 dB auseinander. Als Siegerin ausgerufen wird schliesslich die 1956 geborene und in Bern lebende Kunstmalerin Brigitte Elisabeth Schärer-Mäder. Die Mutter von drei Kindern skizziert ihren Traum von einer Schule, in die wir alle gerne gehen würden, dabei punktet sie vor allem mit der leidenschaftlichen Art ihres Vortrags; gekonnt changiert sie zwischen Brienzer Dialekt und nahezu perfektem Bühnendeutsch. Beim Siegerpreis stehen im Gegensatz zu herkömmlichen Slams mit dem obligaten Single Malt Whisky ein gepflegter Amarone und eine Flasche Sirup zur Auswahl. «Da ich Vegetarierin bin und nicht als langweilig gelten möchte, nehme ich den Wein», sagt Schärer-Mäder. Der Rotwein passt zu T-Bone-Steak oder Geschnetzeltem entschieden besser als Sirup. Und diese erstmalig durchgeführte Form der Präsentation von Essay-Beiträgen kommt an, weil sie durch die Kurzform mehr Autoren Platz bietet, ohne die qualitative Essenz der Texte zu verletzen.

Wer die Essays in voller Länge geniessen möchte, darf sich auf den diesen Herbst erscheinenden Sammelband freuen, der insgesamt 20 Texte enthält – darunter auch den Siegerbeitrag des Hauptwettbewerbs vom letzten März in der Dampfzentrale. Dessen Autor, der Lehrer und Theaterpädagoge Sigi Amstutz, sprach im zweiten Teil des Abends in bester Erzähllaune mit Mireille Guggenbühler, Journalistin beim Regionaljournal SRF1, über ihr im Zytglogge Verlag erschienenes Buch «Welche Schule brauchen wir». Lesestoff ist reichlich vorhanden – in allen Längen und Schnittformen.

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