Viele Bauten und ein Todesfall

Valencia wollte Grösse, Geld spielte da keine Rolle: Wie sich eine Stadt förmlich in einen Kulturstättenwahn hineinsteigerte – und kaum mehr herausfindet.

Resultat eines Baurausches: Das Ensemble des Stararchitekten Santiago Calatrava in Valencia. <i>Bild: Imago</i>

Resultat eines Baurausches: Das Ensemble des Stararchitekten Santiago Calatrava in Valencia. Bild: Imago

Thomas Urban@SZ

85 Meter ragt die Àgora nach oben, eine riesige dunkelblaue Muschel. Das futuristische Bauwerk, benannt nach dem Platz für Bürgerversammlungen im antiken Griechenland, sollte das Symbol für das moderne Valencia werden. Für jene Hafenstadt am Mittelmeer, die in der frühen Neuzeit mit den italienischen Stadtrepubliken konkurrierte und wegen der Prunksucht ihrer Patrizierdynastien den Beinamen «la Espléndida» bekam, die Prächtige.

Die Àgora, nach der Projektbeschreibung eine Mehrzweckhalle, ist das jüngste Gebäude in der Phalanx architektonischer Aufreger, die der Stararchitekt Santiago Calatrava für die «Stadt der Künste und Wissenschaften» entworfen hat. Das Ensemble aus Bühnen, Sälen, Bibliotheken und Forschungslabors war als Fortsetzung der Stadtpalais und Barockkirchen gedacht, die die Innenstadt prägen. Sie sollte nicht nur Künstler und Wissenschaftler aus aller Welt anziehen, sondern auch Kulturtouristen. Es sollte ein Magnet werden wie das Guggenheim in Bilbao, noch besser, wie das Centre Pompidou in Paris. Das war der Massstab, an dem sich die konservative Volkspartei (PP) in Valencia, die die Stadt fest im Griff hatte, messen lassen wollte.

Kino, Planetarium, Lichtspiel – und die Oper

Und nach dem formidablen Rausch kam 2012 die Zahlungsunfähigkeit. Was jetzt? Vor 21 Jahren eröffnete Oberbürgermeisterin Rita Barberá in Gegenwart Calatravas, des berühmten Sohns der Stadt, das erste Gebäude, das Hemisfèric. Von der Seite betrachtet hat es die Form eines riesigen Auges, das sich dank einer raffinierten Technik auch schliessen kann. Das Innenleben besteht aus einem 3-D-Kino, einem Planetarium und einem Laserium, das zu Lichtspielen einlädt. Noch eine Nummer grösser fiel die neue Oper aus, die aus weit geschwungenen Bögen besteht. Unter ihrem Dach fanden auch ein Konzertsaal sowie zwei weitere Bühnen Platz, vom umbauten Volumen her wurde es das grösste Opernhaus der Welt. Da musste dann auch kein geringerer als Plácido Domingo als künstlerischer Leiter her, zumindest formal, denn faktisch kam der Maestro nur sehr selten.

Die «Fidelio»-Premiere war einer der Höhepunkte in den Jahren der Verschwendung, in der Valencia nicht nur in die erste Liga der Kunstmetropolen aufsteigen wollte, sondern auch in die oberste Liga der Ausrichter internationaler Sportveranstaltungen: Eine Formel-1-Strecke wurde angelegt, für die Jachten des America’s Cup wurde sogar das Hafenbecken vertieft, überwiegend aus öffentlichen Kassen finanziert. Hinter verschlossenen Türen segneten die konservativen Stadtpolitiker auch eine juristische Konstruktion ab, nach der die öffentliche Hand für die Schulden einer privaten Stiftung bürgt, die offiziell als Besitzerin des FC Valencia fungierte.

Sänger Julio Iglesias mit Riesengage

Der Steuerzahler sollte also im Krisenfall die Millionengehälter der Luxuskicker übernehmen. In der Riesenmuschel Àgora, die vor genau einem Jahrzehnt nach dem Seewasseraquarium, natürlich dem grössten Europas, als letztes Bauwerk der «Stadt der Künste und Wissenschaften» eröffnet wurde, fanden vor 5 000 Zuschauern Tennis- und Tanzturniere sowie Eislaufshows statt.

Als internationaler Kulturbotschafter Valencias wurde, angeblich für eine Riesengage, der Schnulzensänger Julio Iglesias verpflichtet. Und als Papst Benedikt XVI. 2006 die Stadt besuchte, musste die eigens errichtete Bühne mit dem Altar alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Dass zur Jahreswende 2007/2008 in Spanien eine Immobilienblase geplatzt war, trieb die Stadtpolitiker unter Rita Barberá zunächst nicht weiter um. Sie nahmen weiterhin Millionenkredite zur Finanzierung ihrer pharaonenhaften Bauprojekte auf – bis 2011 die Zentralregierung in Madrid einen Riegel vorschob. Die Justiz ermittelte nun gegen einige Spitzenleute der Konservativen in Valencia. Sehr schnell füllten Berichte über ein gutes Dutzend Korruptionsaffären die Spalten der Presse. Sogar bei der Abrechnung der Kosten für den Besuch Benedikts XVI. waren Quittungen massiv gefälscht worden.

2012 folgte die Zahlungsunfähigkeit

Immer wieder ging es bei den Korruptionsaffären auch um die «Stadt der Künste und Wissenschaften» – wohl alle Projekte wurden zu erheblich überhöhten Preisen abgerechnet. Auch wurde Pfusch am Bau offenbar, wobei der Stararchitekt Calatrava jede Schuld von sich wies. Es kam noch schlimmer: Die Region Valencia verkündete 2012 ihre Zahlungsunfähigkeit, die Zentralregierung in Madrid, die ebenfalls ein grosses Haushaltsproblem hatte, musste sie retten.

Im Rahmen des Sparprogramms wurde ein Grossteil der Angestellten der «Stadt der Künste und Wissenschaften» entlassen. Das Programm der Oper wurde stark ausgedünnt, die Gagen der Solisten gedeckelt, die Gehälter des Ensembles gekürzt. Weltstars kommen seitdem nicht mehr nach Valencia, ebenso wie der Formel-1-Zirkus oder der America’s Cup einen weiten Bogen um die Stadt machen.

Noch ist wenig aufgearbeitet

Die Aufregung um die Affären führte vor vier Jahren zur Abwahl der korrupten konservativen Stadtregierung, linksalternative Gruppierungen übernahmen das Rathaus – und fanden geplünderte Kassen vor. Nun wurden Konzepte entwickelt, wie man die einzelnen Häuser für die breite Bevölkerung öffnen kann. Kinos, Theater- und Konzertsäle, das Planetarium und das Technikmuseum verzeichnen auch schon wachsende Besucherzahlen. Es besteht die Hoffnung, dass die spektakuläre Àgora, die nun seit fünf Jahren leer steht, wieder Schauplatz aufregender Sport- und Kulturspektakel wird.

Unbefriedigend aber bleibt bislang die strafrechtliche Aufarbeitung all der Korruptionsaffären. Die Ermittler tun sich schwer, weil wichtige Aktenbestände vernichtet wurden. Und die Patin von Valencia, Rita Barberá, nicht mehr reden kann. Sie wurde 2016 zu einer Anhörung nach Madrid beordert, doch in der Nacht zuvor war sie einem Herzinfarkt erlegen. In den Medien wurde spekuliert, ob nicht nachgeholfen wurde, sie hätte wohl viele Parteifreunde belasten können. Jedenfalls war es der opernhafte Abgesang in der Sage vom Aufstieg und Abstieg der Espléndida in modernen Zeiten.

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