Schräg ist nicht gleich schräg

Überaus leicht und elegant: Der Bahnhof Brünnen Westside begenet dem Einkaufszentrum des Starachitekten Libeskind mit Ironie.

Der Bahnhof Brünnen Westside: Ein selten fein und gekonnt gestaltetes Architekturwerk.

Der Bahnhof Brünnen Westside: Ein selten fein und gekonnt gestaltetes Architekturwerk. Bild: Valérie Chételat

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Es ist kein Geheimnis: Die Berner Architektenschaft stand und steht der Westside-Stararchitektur mehrheitlich verhalten skeptisch gegenüber. Laut geäussert hat sich kaum jemand. Diese gutschweizerische Zurückhaltung mag ihre Gründe haben: Zum einen trifft den vorlauten Kritiker in einem Metier, das immer wieder den Architekturwettbewerb fordert, schnell der Vorwurf, selber ein schlechter Verlierer zu sein; zum anderen äussern sich viele Architekten lieber durch ihr Werk als mit Worten.

Genau das hat denn auch einer der derzeit besten Berner Architekten eindrücklich getan. Zeitgleich mit dem Einkaufs- und Freizeitzentrum von Daniel Libeskind errichtete Rolf Mühlethaler in unmittelbarer Nachbarschaft den wie das Zentrum 2008 eröffneten Bahnhof Bern-Brünnen Westside.

Dieser ist eine einfache Haltestelle mit je einem Perron auf der jeweiligen Aussenseite der beiden Gleise. Diese Perrons sind etwas länger als 200 Meter, wobei die eigentliche Ein- und Aussteigezone nur etwa 100 Meter misst. Es gibt kein drittes Gleis, kein Perron zwischen den beiden Schienensträngen, einzig eine Unterführung und beidseits je einen Lift, damit die Passagiere die andere Seite erreichen können. Wäre da nicht das abfallende Gelände und die entsprechend schwierige städtebauliche Situation, niemand würde über die Anlage auch nur ein Wort verlieren.

Die Sache mit dem «Regenwurm»

Das Gelände bringt es mit sich, dass die Schienen rund sechs oder sieben Meter über dem Niveau des im Norden anschliessenden Platzes liegen. Das hat zur Folge, dass der Bahnhof gegen den Platz eine rund zwei Stockwerke hohe, mit Ausnahme der Unterführung geschlossene Betonwand aufspannt – eher unattraktiv für einen Platz, der eine städtische Atmosphäre ausstrahlen soll. Der Architekt löst das Problem der unattraktiven Platzwand, indem er ihr eine Reihe hoher, schlanker, schwarz gestrichener Stützen vorstellt, die weit über der Mauer das Dach des nördlichen Perrons tragen. Dank der hohen Stützen entsteht unter dem ebenfalls schwarzen Dach ein Durchblick, der die Loggia – denn das stellen diese vorgestellten Stützen mit dem Dach ja eigentlich dar – überaus leicht und elegant wirken lässt und die schwere Betonwand in den Hintergrund rückt.

Es gibt aber noch ein weiteres gestalterisches Problem. Dieses besteht darin, dass sich der Bahnhof als ein überlanges Ding eigentlich nicht auf den Platz hin orientiert, sondern bloss daneben steht. Wie kann man einem «Regenwurm» eine seitliche Orientierung geben? Die Antwort ist überraschend einfach: Man kippt die acht Stützen leicht aus dem Lot gegen den Platz – und schon ist die seitliche Orientierung perfekt! Dass gleichzeitig nun auch die Tramendstation auf dem Platz unter das Dach zu liegen kommt, verbindet den Bahnhof zusätzlich mit dem Platz und macht die Schräglage der Stützenreihe noch überzeugender.

Radikale Reduktion

Der Bahnhof Bern-Brünnen Westside ist, für sich allein betrachtet, ein selten fein und gekonnt gestaltetes Architekturwerk. Betrachtet man ihn jedoch nicht nur für sich allein, sondern als das Gegenüber des wild mit schrägen Achsen um sich fuchtelnden Westside, erhält die radikale Reduktion der gestalterischen Mittel, aber auch die Schräglage der Stützenreihe einen zusätzlichen Gehalt. Genauso subtil wie die gestalterisch-architektonischen Mittel ist die sanfte Ironie, mit der das Werk der Stararchitektur begegnet: «Niemand hat etwas gegen schräge Linien, vorausgesetzt, dass sie architektonisch einen Sinn ergeben.»

Dieter Schnell ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnistenteams. Er ist Dozent für Geschichte und Theorie der Architektur sowie Leiter des MAS Denkmalpflege und Umnutzung an der Berner Fachhochschule. (Der Bund)

Erstellt: 02.11.2015, 14:14 Uhr

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