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Noch nicht genug Selbstsabotagen?

Uneinsichtigkeit und Sturheit haben zu Fehlentwicklungen in Berns Stadtzentrum geführt.

MeinungJürg Schweizer
Gebt den Fussgängern die Marktgasse zurück, auf dass die atmosphärische Qualität in der oberen Altstadt gehoben werde!
Gebt den Fussgängern die Marktgasse zurück, auf dass die atmosphärische Qualität in der oberen Altstadt gehoben werde!
Valerie Chételat

Wer sich die städtebauliche Entwicklung von Bern in groben Zügen vergegenwärtigt, erkennt mit Leichtigkeit, dass das Längenwachstum von Ost nach West, von der Nydegg- zur Heiliggeistkirche, bis ins 19. Jahrhundert bestimmend war. Dieser städtebauliche Grundgedanke war begleitet von Akzentverschiebungen in der gleichen Richtung, indem die westlichen Teile immer wichtiger wurden – erinnert sei an den Bau der Bundeshäuser, der Bundesgasse und des Hirschengrabens.

Durch Planungsbeschwerden – genährt von der Befürchtung, andere könnten Planungsgewinne erzielen – und wegen der Angst vor Entwertung der eigenen Grundstücke wurden 1887 die ausgearbeiteten Pläne für die weitere städtebauliche Entwicklung nach Westen aufgehoben. Die Konsequenz: Bern baute hier für Jahrzehnte ohne richtiges Planungsinstrument drauflos – mit Folgen bis auf den heutigen Tag.

Aber auch das mittlere 20. Jahrhundert leistete sich, erneut geleitet durch kurzsichtig partikulare Überlegungen, derartige Fehlentscheide: Die Verlegung des Bahnhofs nach Westen, in die Villette, wurde 1956 von uneinsichtigen Geschäftsinhabern an der Spitalgasse mit Vehemenz und falschen Argumenten bekämpft. Leider folgten ihnen die irregeleiteten Stimmbürger. Das hat dazu geführt, dass der Bahnhof immer noch an der genau gleichen Stelle liegt, an der das Eisenbahnzeitalter 1858 in Bern begann. Er ist eingeklemmt zwischen Grosser Schanze und Burgerspital – mit allen Folgen wie dem jüngst begonnenen, die nächsten 10 bis 20 Jahre dauernden, teuren und störenden Ausbau bei laufendem Betrieb. Die Chance, das Stadtzentrum Berns zu vergrössern, wurde dadurch vertan.

Online bedroht die Altstadt

Heute müssten neue Zukunftsüberlegungen in der oberen Altstadt gelten. Ihre städtebaulichen Qualitäten wie das klare Strassenmuster, das unverwechselbare architektonisches Bild, die Lauben, und ein profilierter Geschäftsmix haben dazu beigetragen, dass sie sich erfolgreich gegen die Überzahl der mit Autobahnen bestens erschlossenen Shoppingcenter in der unmittelbarer Nachbarschaft behaupten konnte. Dieser Angriff ist Geschichte. Heute droht eine wesentlich grössere Gefahr: der Online Handel. Hier spielt die Nachbarschaft keine Rolle mehr, weil globale Player in jeden Haushalt eindringen.

Die Folgen sind bereits sichtbar. Erstmals begegnet der aufmerksame Besucher in der Altstadt leeren Ladenflächen; die Anbieter wechseln noch rascher, das Angebot verflacht weiter. Eine Abwärtsspirale ist in Gang gekommen, deren erste Folgen, sinkende Mietpreise, zuerst einmal willkommen scheinen. Es fragt sich allerdings, wie lange das erwünscht ist. Das Phänomen des Onlinehandels und die Geschwindigkeit dieses Trends erschüttern weltweit den Detailhandel. Er macht auch vor Bern nicht halt.

Neue Belastung statt Aufwertung

Das laut Kennern «grösste Freiluft-Einkaufszentrum der Schweiz» wird zusätzlicher Anstrengungen bedürfen, um seinen Rang behalten. Die nächste städtische Selbstsabotage, geleitet von Uneinsichtigkeit und Sturheit, steht bereits vor der Tür: Die kompliziertere Linienführung von Bern Mobil über den Raum Theaterplatz–Zytglogge–Kornhausplatz und die Einführung einer weiteren dicht fahrenden Tramlinie durch die Achse Marktgasse–Spitalgasse zum Bahnhof. Das Ambiente der Marktgasse, eines grossartigen öffentlichen Raums, eingefasst von zwei Tortürmen und gegliedert durch zwei der schönsten Monumentalbrunnen, soll noch stärker als bisher dem Stadtbewohner sowie dem Stadtflaneur entzogen und Hauptdomäne des ÖV werden.

Es müsste endlich klar werden, dass mit der Belastung der wichtigsten Altstadtgassen durch Trams nicht nur städtebauliche Sünden begangen werden, sondern die Ertragskraft und die wirtschaftliche Attraktivität dieses Einkaufszentrums beeinträchtigt werden. Es ist angesichts der Onlinebedrohung höchste Zeit, dem Fussgänger die Gasse zurückzugeben und die atmosphärische Qualität der oberen Altstadt zu heben. Auswärtige Gutachter bemängeln vehement deren Belastung durch den ÖV. Hören wir auf diese Stimmen!

Jürg Schweizer ist Kunsthistoriker und lebt in Bern. 1990 bis 2009 war er Denkmalpfleger des Kantons Bern. Er ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnistenteams.

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