Mit Architektur die Welt retten

An der Architekturbiennale Venedig berichtet Kurator Alejandro Aravena aus den Krisengebieten des Bauens. Fernab vom Starsystem gewinnt seine Profession dort ihre gesellschaftliche Relevanz zurück.

Raumgewinn und Symbol für offene Grenzen: Aus dem denkmalgeschützten deutschen Pavillon wurden vier Öffnungen herausgebrochen. Foto: Kirsten Bucher

Raumgewinn und Symbol für offene Grenzen: Aus dem denkmalgeschützten deutschen Pavillon wurden vier Öffnungen herausgebrochen. Foto: Kirsten Bucher

Wenn in Pakistan eine Drohne zuschlägt oder im Gazastreifen eine Rakete detoniert, sind sie zur Stelle. Die Rede ist nicht von den Médecins Sans Frontières, sondern von Forensic Architecture. Am Computer rekonstruiert und analysiert das Büro Orte der Gewalt. «Reporting from the Front» heisst das Thema der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. Für die Hauptausstellung schickte der chilenische Architekt und Kurator Alejandro Aravena seine Kollegen los, um als Reporter aus den Krisengebieten dieser Welt zu berichten. Das Resultat ist zuweilen brutal, aber ehrlich.

Letztes Mal erforschte Kurator Rem Koolhaas das Fundament seiner Profession. Nun marschiert Aravena hinaus in die Randgebiete, von den hohen Anden in Chile bis in den staubigen Iran. Wie bei David Chipperfields «Common Ground» vor vier Jahren steht die Gesellschaft im Zentrum, allerdings viel radikaler. «Seid Teil der Lösung», forderte Aravena die Architekten auf. Es geht um Ungleichheit, Umweltverschmutzung oder Wohnungsnot. Um Grundbedürfnisse und Menschenrechte also.

Aravena, der Häuser als Betonskulpturen giesst, aber mit seinem Büro Elemental auch am anderen Ende des Spektrums arbeitet, weiss um das schizophrene Wesen der Architektur. Immer schon hat sie den Mächtigen gedient. Doch die schöne Dame der achten Kunst hat zu lange die Raumgelüste der Wohlhabenden bedient und sich dabei im Spiegel des Internets gefallen. So hat sie ein Starsystem geboren, das global agiert, aber an lokalen ­Herausforderungen vorbeibaut. Aravena entreisst der Hure das glitzernde Gewand und schickt sie als Notärztin an die Front.

Es geht um Strategien statt um Projekte, um Anleitungen und nicht um Pläne.

Eines dieser Grenzgebiete verläuft zwischen Stadt und Land. Die Hyperurbanisierung zwingt uns dazu, unser Verständnis der Stadt zu revidieren. In einer Jurte aus der Mongolei sticht dem Biennale-Besucher ein beissender Ziegengeruch in die Nase und gemahnt: Auch das ist Stadt. Viele Nomaden haben sich rund um Ulan Bator angesiedelt, um in den Fabriken der Hauptstadt ihr Brot zu verdienen. Das Büro Rural Urban Framework verbessert die Infrastruktur mit Wasserkiosken oder Müllsammelstellen, ohne die Bauweise der nun sesshaften Nomaden aufzugeben. «Incremental Urbanism» nennen sie ihren Ansatz, der Stadt und Land versöhnt statt auseinanderdividiert.

Andere Projekte zielen in eine ähnliche Richtung. In Medellín in Kolumbien verwandelt die Stadtverwaltung die Flächen rund um Wassersilos in öffentliche Kleinparks und hilft so armen Quartieren auf die Sprünge – ganz ohne Architekt. Überhaupt geht es an der diesjährigen Biennale um Strategien statt um Projekte, um Anleitungen und nicht um Pläne. Der Architekt wird vom genialen Entwerfer zum Vermittler, aber auch zum Ökonomen, Soziologen, Politiker. Dabei bleibt seine Grundkompetenz essenziell: Er baut nicht nur ein Dach über dem Kopf, er baut ein Zuhause.

Hardcore ohne Softskills

Aravena zeigt eine Architektur, bescheiden und hilfsbereit wie Mutter Teresa. «L’architecture pour l’architecture» interessiert ihn nicht. Das heisst auch: Die Stararchitekten, zu denen Aravena seit seinem diesjährigen Pritzkerpreis ebenfalls gehört, werden überflüssig. Ausser sie nutzen ihren Ruf, um die Politik zu beeinflussen, was die wenigsten tun. Mit anderem beschäftigt, als die Welt zu retten, sind auch die Schweizer Büros. Christ & Gantenbein reduzieren mit dem Kunstmuseum Basel die Frage auf die schon von Vitruv propagierte Dauerhaftigkeit, was nicht falsch ist, aber zu kurz greift. Peter Zumthor promotet sein Kunstmuseum für Los Angeles, Raphael Zuber träumt vom nackten Raum, losgelöst von gesellschaftlichen Zwängen. Hardcore-Architektur ohne Softskills. Zubers Position mag verständlich sein, angesichts der globalen Nöte erscheint sein Wehleiden aber arg weltfremd.

Die Front zwischen Arm und Reich verhärtet sich. Architektur am Existenzminimum kann viel bewirken, in Ecuador, Thailand, Senegal, auch im Westen. Das amerikanische Rural Studio entwirft seit 25 Jahren für Menschen an der Armutsgrenze. Statt die Bauindustrie zu unterstützen, kommen Handwerker vor Ort zum Zug. Die Pläne können im Internet heruntergeladen werden; selbst ist der Architekt. An der Materialfront wird derweil gegen Importabhängigkeiten und CO2 geschossen. Bambus soll Stahl ersetzen, Lehm Beton ablösen. «Slow Architecture» heisst die Strömung, die – manchmal etwas gar einseitig – die Industrialisierung des Bauens verflucht.

Aravena liefert einen Querschnitt durch sozial relevante Architektur, der aufrüttelt. Der aber auch Fragen unbeantwortet lässt und mehr als einmal zufällig wirkt. Es ist ein Bericht und keine Forschung wie bei Koolhaas vor zwei Jahren. Auch die Inszenierung erreicht nicht die Dichte der Vorgängerausgabe. Zu sperrig ist das Thema, zu mickrig das Kleingedruckte. Und doch ist die Hauptschau eine wichtige Wegmarke. Weil Aravena eine Profession rehabilitiert, die mit der Welt abgeschlossen zu haben schien. Weil er die Architekten in die Pflicht nimmt. Weil er konsequent auf Inhalt setzt und nicht auf Form.

Ein Pavillon für die Sahara

Die grenzüberschreitende Krisenschau verdeutlicht, wie überholt das Schaulaufen der Nationen in den Giardini ist. Subversiv sticht der Beitrag von Manuel Herz heraus, der den seit 40 Jahren vertriebenen Bewohnern der Westsahara einen Pavillon baut und sie so auf Augenhöhe mit den anderen Ländern bringt. Politischer kann eine Architekturbiennale kaum sein. Auch sonst sind Themen wie Flucht, Migration und minimale Mittel präsent. Holland erklärt die Architektur der UNO-Friedenscamps, während an der Wand die Flüchtlingskurve ausschlägt. Am höchsten tut sie dies in Deutschland, wo 1,1 Millionen Flüchtlinge die Bauwirtschaft herausfordern. Kurator Oliver Elser bricht vier Öffnungen aus dem denkmalgeschützten Pavillon und schafft ein handfestes Symbol für offene Grenzen, aber auch räumlichen Gewinn.

Andere Länder berichten von anderen Fronten. Serbien prangert die prekären Verhältnisse der Architekturpraktikanten an, Polen gibt den Bauarbeitern eine Stimme, der kanadische Pavillon bleibt sogar geschlossen. Eine Mauer aus Erde für die Goldgewinnung versperrt den Weg. Bevor wir über Architektur reden, müssen wir über Rohstoffe sprechen, so die tonnenschwere Botschaft. Einige Nationen halten es nicht für nötig, über gesellschaftliche Fragen nachzudenken, darunter auch die Schweiz. Russland trauert mit geschwellter Brust der Sowjetzeit nach. Und Australien baut in der Lagunenstadt tatsächlich einen Pool – der Inbegriff des land- und ressourcenfressenden Hüsli-Egoismus. Die Front ist dort der Gartenhag, doch dieses Grenzgebiet hat Aravena wohl kaum gemeint.

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