Für Katars Bücher nur das Beste

Das Emirat Katar lässt sich von Stararchitekt Rem Koolhaas eine neue Nationalbibliothek errichten. Sie soll in die Zukunft weisen – äusserlich wie im Innern.

Der Rohbau der Nationalbibliothek ist fertig – das Eröffnungsdatum steht noch nicht fest: Das Modell zeigt, wie der fertige Bau aussehen wird. Visualisierung: PD

Der Rohbau der Nationalbibliothek ist fertig – das Eröffnungsdatum steht noch nicht fest: Das Modell zeigt, wie der fertige Bau aussehen wird. Visualisierung: PD

Paul-Anton Krüger@pkr77

Nationalbibliotheken sind das Gedächtnis einer Nation. Die dort gesammelten Texte formen das Selbstverständnis eines Landes, sie bilden den Diskurs über die Verfasstheit von Gesellschaft und Staat, die Entwicklung von Literatur und Kultur ab. Das alte Europa errichtete sich Kathedralen der Selbstvergewisserung – die Bibliothèque nationale in Paris, die British Museum Library in London, wichtigster Vorläufer der British Library. Und deutlich später die Deutsche Bücherei, aus der die heutige Deutsche Nationalbibliothek hervorging.

Nicht anders ist das in Katar, das zwar erst seit 1971 unabhängig ist, aber dank der grössten bekannten Erdgasblase auf dem Planeten heute zu den reichsten Ländern der Welt gehört. «Qatar de­serves the best», lautet der Wahlspruch der für öffentliche Infrastruktur zu­ständigen Behörde – das bringt Mentalität und selbst gewählten Anspruch des kleinen Emirats ganz gut auf den Punkt. Vergangene Woche wurde bekannt, dass das Königshaus mit Paul Gauguins ­«Nafea» das derzeit teuerste Gemälde der Welt gekauft hat. Und nun baut das Herrscherhaus der al-Thanis eine neue Nationalbibliothek auf und lässt den Architekten Rem Koolhaas dafür am Rande der Hauptstadt Doha einen spektakulären Bau errichten. Auf 45'000 Quadrat­metern soll er dem Nutzer die komplette Sammlung direkt zugänglich machen. Ein Eröffnungsdatum gibt es noch nicht, aber der Rohbau ist fertig, die Bibliothekstechnik wird bereits installiert.

Deutsche Projektleiterin

1,2 Millionen Bücher sollen hier einmal in den Regalen stehen, auffindbar durch elektronische Etiketten, alles Hightech. In der Schweizer Nationalbibliothek sind es 5 Millionen, die Deutsche Nationalbibliothek, die seit 1913 lückenlos sammelt, kommt auf 28,7 Millionen Einheiten. Doch was ist das Erbe dieser jungen Nation, die – anders als die europäischen Gesellschaften des 18. und 19. Jahrhunderts – zwar eine reiche orale Erzähltradition hat, aber nur wenige schriftliche Überlieferungen ­besitzt? Welche Bücher, welche Medien stellt man in einem solchen Land in eine neue Nationalbibliothek?

Die deutsche Bibliothekarin Claudia Lux (64), bis April 2012 Generaldirek­torin der Stiftung Zentral- und Landes­bibliothek Berlin, widmet sich seit bald zwei Jahren als Projektdirektorin dieser Frage – und antwortet erst einmal mit ­einer Klarstellung. «Die Qatar National Library wird keine normale National­bibliothek», sagt sie. Weltweit einmalig werde sie drei Bibliothekstypen vereinen. Neben der herkömmlichen Aufgabe, eine Nationalbibliografie, zu erstellen und alle Neuerscheinungen des Landes zu erfassen, werde sie vor allem der benachbarten Education City, einer An­siedlung von Zweigstellen renommierter Universitäten aus den USA und Europa, als Forschungsbibliothek dienen und ­zudem der Bevölkerung, Katarern wie hier lebenden Ausländern, als Stadt­bücherei von Doha zur Verfügung stehen. An ­diesen Aufgaben orientiert sich der ­Bestand, den Lux derzeit mit 90 Mit­arbeitern aufbaut.

Als Headhunter die Sinologin 2010 kontaktierten, «wäre ich nicht auf die Idee gekommen, aus Berlin wegzu­gehen», sagt sie. Jahrelang hatte Lux dort beharrlich dafür gekämpft, die auf drei Standorte verteilte Zentral- und Landesbibliothek in einem Neubau zusammenzuführen. Inzwischen hat der Volks­entscheid über die Bebauung des Tempel­hofer Felds die Pläne obsolet gemacht. Umso mehr schätzt sie inzwischen die Verlässlichkeit, die sie in Katar vorfindet, und das Spektrum der Aufgaben, das etwa auch die Ausbildung von Führungspersonal umfasst, auch wenn allein der Aufbau eines derartigen Bücher­bestandes «in der heutigen Bibliotheks­landschaft etwas ganz Besonderes ist».

Ein grosser Teil der bisher angeschafften 300'000 Bücher sind wissenschaftliche Werke, die den globalen Stand der Forschung erschliessen sollen – orientiert an den Bedürfnissen der Wissenschaftler in der Education City, mit denen die Bibliotheksmitarbeiter in engem Austausch stehen. Das meiste stammt aus den USA, wo die Bücher auch noch lagern, bis sie einige Monate vor der Eröffnung nach Katar umziehen. Hunderttausende E-Books ergänzen das Angebot, ebenso der Zugang zu umfangreichen wissenschaftlichen Datenbanken, für die Katar teilweise nationale Lizenzen erworben hat. «Jeder Bewohner des Landes kann sie heute schon über einen Zugangscode online nutzen», erklärt Lux. Die Bandbreite reicht von Natur- und Ingenieurwissenschaften über Politologie, Kunst und Design bis zu Bänden über den Islam und die Region.

Scheich-Bibliothek als Kernstück

Natürlich schafft Lux mithilfe arabischer Bibliothekare auch Bücher aus Katar und Neuerscheinungen aus der Golfregion und dem gesamten Sprachraum an; in­tegriert wird zudem der Bestand der alten Nationalbibliothek. Den Kern der historischen Sammlung aber bildet die Privatbibliothek des Kunstsammlers Scheich Hassan al-Thani: Gut 2400 wertvolle Handschriften, zumeist Werke über die arabischen Wissenschaften, wie eine historische Ausgabe des Kanons der Medizin von Avicenna, aber auch arabische Literatur, Werke über die Geschichte des Islam und Koran-Ausgaben. Unter den 600 Landkarten ist eine ptolemäische Weltkarte, 1478 in Rom gedruckt, die den lateinischen Ortsnamen Catara aufweist – nach Überzeugung der Katarer «eine der ersten urkundlichen Erwähnungen ihres Landes», wie Lux sagt. Dazu kommen historische Reise­berichte aus der Region. Davon will man einzelne herausragende Stücke im ­Zentrum ausstellen, um so die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte anzuregen.

Der Rest wird in Regalen aufbewahrt, deren Grundriss den Ausgrabungen von al-Zubarah nachempfunden ist – der einzigen erhaltenen Perlentaucher-Stadt am Golf, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Auch werden die historischen Bestände möglichst vollständig digitalisiert, um sie der Forschung zugänglich zu machen. Durch Zukäufe soll die Sammlung vervollständigt werden – über das Budget jedoch redet die Bibliothekarin nicht.

Zusätzliche Primärquellen über die Regionalgeschichte erschliesst die Bibliothek in Kooperation mit der British ­Library: Sie digitalisiert seit drei Jahren Akten und Aufzeichnungen der einstigen Kolonialherren vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins Jahr 1940. «500'000 Seiten sind bereits im Volltext durchsuchbar und werden mit der Erstellung umfangreicher Metadaten für die Forschung ­zugänglich gemacht», sagt Lux. Das seit nicht nur wichtig für die historische Selbstwahrnehmung, sondern auch, um im Umgang mit diesen von Ausländern aus ihrer Perspektive erstellten Aufzeichnungen Quellenkritik einzuüben.

Ein bisschen profaner, aber kaum weniger wichtig für das Land wird jener Teil der Bibliothek, der sich an die Bevölkerung richtet. Die Mehrheit dieser Bücher wird auf Arabisch und Englisch sein, aber auch Basisliteratur in den wichtigsten ­europäischen Sprachen und jenen aus den wichtigsten Herkunftsländern der gut 1,8 Millionen Gastarbeiter wird es geben, dazu eine auf Kinder und Jugend­liche ausgerichtete Sammlung. Die Architektur soll zum Lesen in der Bibliothek einladen, aber das wird kaum reichen – laut Studien lesen Kinder in Katar ausserhalb der Schule so gut wie keine Bücher, sie ziehen Spielkonsolen und Fern- sehen vor, und das gilt auch für viele Erwachsene.

Förderung der Lesekultur

Lux macht daher aktiv Werbung, um die Lesekultur zu fördern, mit Lesungen und Buchdiskussionen. «Vor allem Frauen haben ein grosses Interesse.» Ein Mitarbeiter leitet bei den Diskussionen das Gespräch über ein Buch, das die Teilnehmer zuvor gelesen haben. «Da geht es manchmal schon recht hoch her, und das ist ja nicht so üblich hier.» Lux ist optimistisch, dass ihre Überzeugungsarbeit auf fruchtbaren Boden fällt. «Hätte ich doch schon früher angefangen zu lesen», habe ihr ein Katarer jüngst nach einer Veranstaltung gesagt – so etwas sei ihr aus Deutschland nicht in Erinnerung.

Wenn wie geplant 400'000 Bücher zur Eröffnung bereitstehen, wird Claudia Lux den «fantastischen Blick auf die Regale» geniessen. «Für mich war das zum Ende der Karriere das schönste Projekt», sagt sie. Aber wenn die Bibliothek einmal funktioniere, sei «die Zeit gekommen, sie  in katarische Hände zu übergeben». Dann wird sich zeigen, ob die National­bibliothek zu einem lebendigen Ort des kulturellen Austausches wird, der eine Brücke schlägt zwischen dem historischen Erbe Katars und seiner von der Elite imaginierten Zukunft als wissens­basierte Wirtschaft und Gesellschaft – oder ein blutleeres, artifizielles Prestigeprojekt, das weitgehend ungenutzt bleibt.

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