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Die spinnen, die Sowjets

Beton und Plattenbau – etwa so stellt man sich die Gebäude in der Sowjetunion vor. Doch weit gefehlt: Das Land hat unzählige verrückte Bauten zu bieten, wie ein neuer Bildband beweist.

Das Institut für Robotik und Kybernetik im russischen Sankt Petersburg aus dem Jahre 1987 erinnert an eine Orgel.
Das Institut für Robotik und Kybernetik im russischen Sankt Petersburg aus dem Jahre 1987 erinnert an eine Orgel.
Frédéric Chaubin/TASCHEN Verlag
Inspiriert von den schönsten suprematistischen Utopien: das Georgische Ministerium für Autobahnen mit seinem reduzierten Fundament. Das Gebäude aus dem Jahre 1974 steht in Tiflis, Georgien.
Inspiriert von den schönsten suprematistischen Utopien: das Georgische Ministerium für Autobahnen mit seinem reduzierten Fundament. Das Gebäude aus dem Jahre 1974 steht in Tiflis, Georgien.
Frédéric Chaubin/TASCHEN Verlag
Zeremonienpalast im georgischen Tiflis aus dem Jahre 1985.
Zeremonienpalast im georgischen Tiflis aus dem Jahre 1985.
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Wo bin ich denn hier?, dürfte sich der Chefredaktor des französischen Magazins «Citizen K», Frédéric Chaubin, gefragt haben, als er vor sieben Jahren für ein Interview nach Tiflis kam. Zwei riesige, sonderbare Gebäude standen da vor ihm, die so gar nicht aussahen, wie die eintönige Architektur, die er von der Sowjetunion eigentlich erwartet hätte. Ein paar Fotos und Chaubin dachte nicht mehr daran. Bis er ein paar Monate später in Litauen auf ein weiteres kurioses Gebäude traf: das Sanatorium Druskininkai mit seinen wellen- und bänderförmigen Betonverläufen.

Flammen und fliegende Untertassen

Das war der Start zu Chaubins Bildband «Cosmic Communist Constructions Photographed». Dafür hat er 90 sonderbare Bauten aus vierzehn früheren Sowjetrepubliken fotografiert, die alle zwischen 1970 und 1990 entstanden sind. Sie sind so kreativ, dass kein roter Faden erkennbar ist – ausser, dass sie alle sonderbar anmuten. Da sind Gebäude, die ausschauen wie Raketen, Ufos oder Pyramiden. Das Ministerium für Strassenbau in Tiflis etwa soll an mehrere Autobahnen erinnern, die aufeinandertreffen. Die Architekten haben dazu zweigeschossige Gebäuderiegel wie ein Gitter übereinander gestapelt. Das Krematorium in Kiew ist mit Betonflammen verziert und auf einem Dach eines technologischen Instituts steht eine fliegende Untertasse.

Sie stehen im krassen Gegensatz zu den berühmten Plattenbauten, die nach Stalins Tod überall entstanden nach dem Motto «mehr, schneller, billiger». Für repräsentative Bauten jedoch orientierte man sich am Westen. So erinnern manch moderne Gebäude aus Sowjetzeiten an Bauten von Le Corbusier, Saarinen oder anderen Stars der westlichen Architekturszene. Die kuriosen Gebäude seien Ausdruck für den chaotischen Impuls durch ein System, das dem Niedergang geweiht sei, schreibt der Taschen Verlag, der den Bildband herausgegeben hat. Das Stilmosaik zeuge von all den ideologischen Träumen jener Zeit, von der Obsession durch den Kosmos bis zur Wiedergeburt der Privatheit. Und es skizziere die Geografie der UdSSR, indem es zeige, wie lokale Einflüsse manch exotische Wendung nahmen, bevor sie das Ende herbeiführten.

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