Die DNA des Bauens

Kurator Rem Koolhaas analysiert an der Architekturbiennale in Venedig das Bauen exzessiv. Statt spektakuläre Projekte abzufeiern, untersucht er die Wurzeln seines Metiers.

Politische Repräsentation: Österreich hängt in seinem Pavillon die Modelle aller Parlamente der Welt an die Wand. Foto: Andrea Avezzù

Politische Repräsentation: Österreich hängt in seinem Pavillon die Modelle aller Parlamente der Welt an die Wand. Foto: Andrea Avezzù

Rem Koolhaas kuratiert! Die Architekturwelt horchte auf, als der holländische Architekt und ehemalige Journalist als künstlerischer Leiter für die Architekturbiennale in Venedig feststand, die heute ihre Tore öffnet. Koolhaas hat seine Zunft immer wieder durchgerüttelt, und das tut er auch in Venedig. Schon die Zahlen stellen alle bisherigen Ausgaben in den Schatten. Statt im September beginnt die Biennale bereits im Juni. Beim letzten Mal nahmen 55 Länder teil, heuer sind es 65. Alles ist diesmal also länger, grösser – und profunder.

Stellte der Kurator David Chipperfield 2012 seine Ausstellung unter das schwer greifbare Motto «Common Ground», gibt Koolhaas nun die Richtung klipp und klar vor: «Fundamentals» lautet der Übertitel. Die Ausstellungen sollen an den Grundlagen forschen, nicht ikonografische Bauten abfeiern. Koolhaas versprach: «No fancy architects showing fancy projects». Damit richtet er sich gegen den Wahn des Neuen, gegen den Sturm der flüchtigen Bilder und Formen und gegen eine Baukultur, die von Stars wie ihm selbst angetrieben wird. Statt die Architektur auf den Sockel zu hieven, stellt Koolhaas sie auf den Boden. Dazu passt, dass der Goldene Löwe für das Lebenswerk an Phyllis Lambert geht. Die Kanadierin baut nicht, sondern fördert die Baukultur und hat so die moderne Architektur in Nordamerika massgeblich beeinflusst. So ermöglichte sie das Seagram Building in New York und gründete 1979 das Canadian Centre for Architecture.

Was Koolhaas mit dem Fundament meint, zeigt er in der Hauptausstellung akribisch. Unter dem Titel «Elements of Architecture» dekliniert der Kurator 15 grundlegende Bausteine der Architektur durch und untersucht, wie sich die Wand, das Fenster, die Treppe oder der Balkon im Laufe der Zeit verändert haben. Jeder Raum ist einem Thema gewidmet und von einem anderen Team konzipiert. Entsprechend variiert die Qualität. Die meisten aber geben lehrreiche Einblicke in die DNA des Bauens.

Italien von Süden nach Norden

Wie die Schau zeigt, hat sich kein Element komplett verändert. Das Klo hatte seine Form schon 200 Jahre vor Christus. Einige grobe Verschiebungen lassen sich dennoch festmachen. Erstens der Vormarsch der Technologie: Immer mehr Architektur wird von Apparaten abgelöst, von der Rolltreppe bis zum Metalldetektor. Zweitens: Die Komplexität des Bauens nimmt stetig zu, wie die Fassade beweist, die immer mehr Schichten erhält. Und drittens: Sicherheit und Komfort bestimmen jedes Detail. Der Toilettensitz öffnet sich automatisch, und der Boden weiss künftig, wenn ich umfalle.

Die Schau funktioniert als Enzyklopädie. Doch wie die Elemente zusammenkommen, wie daraus also Architektur entsteht, blendet sie aus. «Elements» fokussiert auf die konstruktiven Details des gebauten Raumes, die harten Fakten also. Als Kontrast dazu konzipierte Koolhaas die Schau im Arsenale, die er auf ein einziges Land beschränkt: «Monditalia» scannt Italien von Süden nach Norden ab und zeigt die weichen Faktoren auf, die Architektur beeinflussen. Koolhaas zündet ein wahres Feuerwerk an Eindrücken, denn Architektur ist ihm nicht genug. Er porträtiert das Gastgeberland mit allen Mitteln, die die Biennale zu bieten hat. Über 80 Filme flimmern über Leinwände, man trifft auf Tänzer, die sich im Raum bewegen, durchschreitet Bühnen, auf denen Musik gespielt wird.

Reizüberflutet versucht der Besucher, den Faden nicht zu verlieren. Dabei hilft, dass die Ausstellung scheibchenweise serviert wird. Alle paar Meter trifft man auf eine Installation, die den Finger auf einen wunden Punkt legt. Denn Koolhaas gibt sich gewohnt kritisch und politisch. So muss die Nation auf den Beichtstuhl für die faschistische Architektur. Zu sehen sind Fotos der Gebäude, in denen die Mafia ihre dreckigen Geschäfte macht. Oder die gebaute Kontrolle eines Italiens, das als Grenzwächter der EU im Süden funktioniert. Die Schau ist ein Kaleidoskop der italienischen (Bau-)Kultur. Koolhaas schneidet vierzig Themen an und mäandriert zwischen Soziologie, Politik, Ökonomie und Kultur. Die Fülle elektrisiert, lässt aber wenig Tiefgang zu und droht die Schau zu überfrachten. Doch wer sie als exzessives Buffet und nicht als Menü versteht, kann manche interessante Denkanstösse herauspicken. Zudem ist das Experiment, so viele Disziplinen zu mischen, bemerkenswert.

1914 bis 2014

Die Länderpavillons in den Giardini verdonnerte Koolhaas dazu, die Moderne von 1914 bis 2014 zu verdauen. Die meisten Länder hielten sich an seine Vorgaben, es sind kaum zeitgenössische Projekte zu sehen. Das ist erfrischend und lässt Raum, über grundsätzlichere Fragen nachzudenken. Besonders gut gelingt dies Österreich, das alle Parlamentsgebäude der Welt als Modell an die Wand hängt. So lassen sich die baulichen Muster der politischen Repräsentation ablesen: Symmetrie, klassische Formen und enorme Grösse dominieren das Bild.

Auch Deutschland zeigt die politische Dimension der Architektur, indem es in den Pavillon aus der Nazizeit den Bonner Kanzlerbungalow von 1964 einbaut. So trifft das monumentale Äussere auf das «Wohnzimmer der Nation» der Bonner Republik. Eine clevere architektonische Position, die verstört und doch viel erklärt. Finnland, Norwegen und Schweden blicken zurück in die 60er-Jahre, als sie den neu unabhängigen Ländern Tansania, Kenia und Sambia unter die Arme griffen: Architektur als Staatsaufbau.

Mehrere Länder rücken die Kritik an der Moderne ins Blickfeld. Im französischen Pavillon mokiert sich Jacques Tati über die Technikeuphorie. Die Japaner begannen nach der Ölkrise die rapide Modernisierung und den Zukunftsglauben der Metabolisten zu hinterfragen. Und Grossbritannien fing damals an, Elemente aus der Geschichte mit Science-Fiction zu vermischen. Die Beispiele veranschaulichen, was die diesjährige Biennale am besten leistet: Sie schafft historische Perspektiven. Statt ein Nebeneinander zu organisieren, verdichten sich die Teile zu einem Ganzen. Die Breite der Forschung mag zwar stellenweise überborden, doch Marathondenker Koolhaas verliert den Schnauf trotz hohem Tempo bis zuletzt nicht.

Bis 23. November www.labiennale.org

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