Als wir damals Ferien machten

Mal eben in die Karibik jetten? Das gabs nicht, als wir jung waren. Stattdessen: Schwimmbadglück, Anfahrtselend, Ruinenmarathon. Kulturredaktoren und -redaktorinnen blicken zurück in die Sommer ihrer Kindheit.

1960 machen ein Mädchen und seine Grossmutter in North Wales einen Strandspaziergang.

1960 machen ein Mädchen und seine Grossmutter in North Wales einen Strandspaziergang.

(Bild: Simon Kirwan (Getty Images))

Im Nasenbär nach Holland
Unsere Karre ins Kindersommerglück war knallgelb, und ihre Nase stellte die von Pinocchio in den Schatten. «Nasenbär» nannte man in den 1970ern den VW 412 Variant. Unverkennbar bollerte er heran: wie ein VW-Käfer mit Verstärker. Wegen des luftgekühlten Boxermotors im Heck. Aber das wussten wir Kinder nicht, nur: Da kommt das geliebte Gefährt! Wo alles reinpasst für drei Wochen Holland. Meine Mutter wollte die Ferien nicht mit der Suche nach günstigen Läden vertun, und Auswärtsessen war ausgeschlossen. So berechnete sie, wie viel Milch, Saft und Eier die Familie brauchen würde, wie viel Müesli, Fleisch, Pasta. Und füllte den Kofferraum vorn mit abgezählten Tetra-Paks, Reis- und Eierschachteln, Hörnli-Tüten und Konserven. Im Heck überm Motor stapelten sich Koffer und Hundekorb, mittig quetschten sich meine Schwester, ich und das Hundetier. Unangeschnallt natürlich. Auf dem Dach thronten die vier Velos. Los gings, tktkbrr.
Alexandra Kedves

Die Fahrt nahm kein Ende
Das Ziel war unspektakulär: Wir fuhren wie immer zu den Grosseltern an die Kieler Förde. Aber bis wir dort ankamen! Die Autos waren damals, in den frühen 1960ern, noch nicht so schnell, die Strassen auch nicht. Mein Vater fuhr höchst ungern Auto, gab das Steuer aber auch nicht ab. Meine Mutter hatte eine andere Aufgabe: uns Kinder bei Laune zu halten. Oder vielmehr: meinen Vater bei Laune zu halten, indem sie dafür sorgte, dass die Kinder nicht ständig stritten. Wir waren drei, im Wagen war es eng, die Fahrt nahm kein Ende. Natürlich stritten wir. Da gabs nur eins: Meine Mutter stimmte ein Lied an aus ihrem unendlichen Vorrat, und wir sangen mit. Nicht gerade im Einklang, schon gar nicht mehrstimmig, aber irgendwie zusammen. Und irgendwann scherte mein Vater aus, fuhr in ein Waldstück und: «Pause, Picknick!» Dann gabs hartgekochte Eier, und die gute Laune hielt wieder eine Weile an.
Martin Ebel

1966 mit dem VW-Käfer zum Campen in Deutschland: Urerfahrungen.

Am liebsten allein
Ich bin ein schlechter Autofahrer (weil ich bis heute keinen Fahrausweis habe). Ich war aber auch immer ein schlechter Mitfahrer, weil mir als Kind sehr oft bis zum Erbrechen schlecht wurde im Familienauto. Die Nothalte auf der Autobahn? Gehörten zu den Reisen dazu. Deshalb waren mir andere Transportmittel stets lieber. Beispielsweise die Fähre, die uns nach Sizilien, nach Sardinien oder Griechenland führte. Wie ich aber die Überfahrtszeit jeweils verbracht habe, weiss ich nicht mehr genau. Wahrscheinlich habe ich meist an einem windgeschützten Ort auf dem Schiff meine Gameboy-Games gespielt oder eine Kassette mit dem Walkman gehört. Denn das Zusammensein war ja schon schön in den Ferien, doch die Abkapselung – fernab vom durchprogrammierten Schulalltag – gefiel mir doch noch besser.
Benedikt Sartorius

Zwischenstopp New York
Die Schule wollte in meinem Fall keine Ausnahme machen, der Antrag auf längere Ferien scheiterte. Also musste ich einen späteren Flieger nehmen, um meinen Eltern nach Kalifornien zu folgen, wo die Familie meiner Tante lebte. Der Flug selbst war kein Problem. Aber wenn man als elfjähriger Knabe ohne Englischkenntnisse nach mehrstündiger Verspätung an diesem riesigen Flughafen in New York rumsteht und erfährt, dass man den Anschlussflug verpasst hat, ist man doch etwas verunsichert. Und allein. Aber dann nahm mich zum Glück eine freundliche Herrengruppe mit ins Restaurant und ins Hotel, das Telefon im Zimmer funktionierte, die Swissair zahlte, und am nächsten Tag gings weiter. Von Kalifornien sah ich dann allerdings wenig. Kaum angekommen, warf mich eine Grippe ins Bett. Was bleibt, ist die Erinnerung an jenen unfreiwilligen Zwischenstopp in New York.
Hans Jürg Zinsli

Zeitlos im Freibad
Sommerferien in den frühen 70er-Jahren hiess: Freibad Bad Ragaz. Dort gab es alles, was uns Buben wichtig war: Wasser und Bäume, Mädchen und Raketeneis. Ohrenbetäubend laut war es rund ums Schwimmbecken, still stand nur die Zeit in uns und um uns herum. Die Sonne bewegte sich nicht vom Fleck, die Nachmittage dauerten ewig. Lag man nach ausgedehntem Bade fröstelnd auf der Wiese, konnte man die langsamen Bewegungen der Wolken beobachten. Es war ein Fest der Sinnlichkeit zu einer Zeit, als ich diesen Begriff noch gar nicht kannte – wie sich mir überhaupt vieles erschlossen hatte, bevor ich es zur Sprache bringen konnte. Diese fehlende Distanz zwischen den Dingen und den Worten ist wohl auch der Grund, weshalb man als Kind so intensiv in der Gegenwart lebt – jedenfalls möchte ich die Sommer im Schwimmbad Giessenpark nicht missen. Gerade weil sie keinerlei Zweck unterworfen waren.
Guido Kalberer

Ruinen auf Kreta, Ruinen auf Sizilien
Nichts gegen antike Kunst, aber bitte nicht in den Sommerferien. Doch genau dies war mein Schicksal. Ruinen auf Kreta, Ruinen auf Sizilien. Meinen Vater, dessen Hobby das Seefahrervolk der Phönizier ist, zog es an solche Destinationen. Vor Ort auch in das eine oder andere Museum, wo Teile von Töpfen oder andere antike Fundstücke ausgestellt waren, für ein Kind so interessant wie eine Straflektion Latein. Heute noch überkommt mich eine Art Instant-Müdigkeit, wenn ich ein Museum betrete, selbst wenn es die Tate Modern ist. Aber ich will nicht undankbar erscheinen. Meine Eltern hatten irgendwann Erbarmen und teilten die Ferien stets in eine Woche Kunst und eine Woche Club Med auf. Letzteren bei Taormina habe ich in bester Erinnerung – er hatte eine lange Rutschbahn vom Buffet-Areal über die Felsen direkt ins Meer. Das haben die antiken Hochkulturen nicht hingekriegt!
Philippe Zweifel

In kleine Ewigkeiten eintauchen – im Freibad. Foto: Hauke-Christian Dittrich (Keystone)

Harte Zeiten in Ostpolen
«Kolonie», Betonung auf dem zweiten o: So heissen polnische Ferienlager. Wunderbar sollte es werden. Ein Urlaub am Meer mit Gspäänli aus der Nachbarschaft meiner Familie aus Ostpolen. Vor Ort wurde schnell klar: Es wird hart. Hart waren die Betten im grossen Schlafsaal der Unterkunft. Hart, nämlich regnerisch bis stürmisch, das Wetter, die Ostsee kalt. Aber das Schlimmste war das Essen. Es wurde aus einer grossen Küche durch ein kleines Fenster serviert. Undefinierbar in Farbe und Form. Eine nicht lächelnde, beleibte und beschürzte Angestellte klatschte es auf Teller, wie man sie sich in Gefängnissen vorstellt. Klatsch. Ich meine, das Geräusch noch heute zu hören. Wehmütig dachte ich an die feinen Suppen und Streuselkuchen zurück, die meine Tante macht. Das nächste Klatsch riss mich aus den Gedanken. Zehn Tage lang.
Aleksandra Hiltmann

Der Burgen-Marathon
Hopp aufs Velo und in die Pedale getreten, zum See und um den See herum, aha, da die Burg, hopp hinauf, dann absteigen und Velo stossen, angekommen, schon toll, so eine Burg von nahem, von Zähringern gebaut eventuell, imposant, es fehlt zwar die Kanone, aber egal, es stehen ja noch geschätzte zwölf weitere Burgen auf dem Programm diese Woche, jetzt hopp wieder aufs Velo, eine Biegung und eine weitere dazu, niemand hat «Resilienz» gesagt, dafür gibt es keinen Grund und das Wort an sich auch nicht, irgendwann endlich im Hotel, die minimale Anstandsfrist verstreichen lassen, dann aufs Bett gehopst und TV eingeschaltet, Sat1, erste deutsche Bundesliga und Fortuna Düsseldorf im Abstiegskampf, und etwas Schöneres können wir uns im Moment gerade nicht vorstellen.
Linus Schöpfer

Es muss sein, wie es immer ist
Ferien – das hiess bei uns Bündnerland, wo wir uns in der Ferienwohnung der Grosseltern einnisten konnten. Skifahren im Winter, Wandern im Sommer. Und in jeder Jahreszeit, sobald die Tür aufgeschlossen wurde, der Spurt zum Büchergestell: Dort standen die «Engeli-Büechli» von Jean Effel. Und der «Max» von Luigi Giovanetti. Und das Fotobuch mit den in drei Teile zerschnittenen Porträts, in dem man die Füsse von Emil mit dem Bauch der Lisa della Casa und dem Kopf von Bernhard Russi kombinieren konnte. Auch sonst mussten gewisse Dinge immer gleich sein in diesen Ferien: das Jassen nach dem Znacht. Die Diskussionen drum, wer jetzt abwaschen muss. Und natürlich die Eukalyptus-Zeltli im Rucksack (ich weiss noch heute, an welchem Rank einmal ein Päcklein ausgeleert ist: Drama). Irgendwann wollten uns die Eltern dann doch einen Flug bieten. Es war ein Alpenrundflug.
Susanne Kübler

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