Alles aus den Fugen

Jared Muralt lässt in seinem Comic «The Fall» Bern und die Welt im Chaos versinken.

Vor dem Berner Inselspital kommt es zu Panik und Ausschreitungen: Ein Grippevirus wütet, gegen das keine Impfung nützt. Bild: Aus dem besprochenen Band

Vor dem Berner Inselspital kommt es zu Panik und Ausschreitungen: Ein Grippevirus wütet, gegen das keine Impfung nützt. Bild: Aus dem besprochenen Band

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Ein Autofahrer versucht vergebens, seine Frau telefonisch zu erreichen, derweil das Radio Rekordhitze, Wasserknappheit, Ernteausfälle, Weltwirtschaftskrise und bürgerkriegsähnliche Zustände verkündet. Die erste Seite des neuen Comics «The Fall» des Berner Illustrators Jared Muralt macht unmissverständlich klar: Die Welt ist gerade dabei, aus den Fugen zu geraten.

Auch Bern versinkt im Chaos, denn hier hat Muralt seinen dritten Comic angesiedelt. Ein grassierendes Virus fordert Tausende von Todesopfern, vor dem Inselspital kommt es zu Panik und Ausschreitungen, die Lebensmittel in den Supermärkten gehen aus, marodierende Banden ziehen durch die Strassen, sodass die Regierung sich gezwungen sieht, das Militär zu mobilisieren. Teile der Innenstadt werden in eine Quarantänezone umgewandelt, mitten drin: Vater Liam und seine beiden Kinder Sophia und Max, die sich in ihrer Wohnung verschanzt haben.

«The Fall» ist der erste Teil einer Serie, die Muralt geplant hat. Nach dem amerikanischen Vorbild der Single Issues will der 36-Jährige halbjährlich ein Kapitel à 23 Seiten veröffentlichen, drei dieser Hefte ergeben dann zusammen einen Band.

Postapokalyptische Gesellschaft

Die selber gesetzte Vorgabe sei sportlich, sagt Jared Muralt, zumal er ja alles in Eigenregie zeichne und texte. Für ihn sei eine enge Deadline aber hilfreich. «Wenn ich zu viel Zeit habe, dann beginne ich damit, alte Seiten zu korrigieren oder noch einmal neu zu zeichnen, und das ist so ziemlich das Schlimmste, was ein Comiczeichner machen kann, weil man so überhaupt nicht mehr vorwärts kommt.»

Während im ersten Band der Untergang der Zivilisation, wie wir sie heute kennen, im Zentrum steht, will Muralt in den nachfolgenden Bänden die postapokalyptische Gesellschaftsentwicklung beleuchtet. «Mich interessiert vor allem die Frage, wie Menschen funktionieren, wenn plötzlich die ganze Zivilisation zusammenfällt. Welche Gruppierungen entstehen? Wie organisieren sich diese? Welche Werte werden in eine neue Welt übernommen und welche gehen verloren?»

Für seine Serie habe er sich einen Spannungsbogen ausgedacht, wie weit er diesen ausdehnen werde, wisse er aber selber noch nicht, sagt Muralt. Zeichnerisch habe es natürlich einen extremen Reiz, wenn ein längerer Zeitraum verstreiche, weil so die Veränderung eines Orts gezeigt werden könne. «Ich kann Häuser zerfallen lassen und illustrieren, wie sich die Natur Fläche zurückerobert.»

Als Setting für seine Geschichte hat Muralt verschiedene Quartiere seiner Heimatstadt gewählt, abgebildet sind etwa Bümpliz, der Mattenhof oder die Region um den Bahnhof. Er gehe sehr gerne zu Fuss und entdecke dabei immer wieder Orte, die ihn optisch faszinieren würden, sagt Muralt.

Mit Liebe zum Detail

Bei einem Gebäude wie der Metzgerei Meinen jucke es ihn einfach in den Fingerspitzen, weil dieser Bau aufgrund seiner Architektur und Beschaffenheit wie ein eigener Charakter sei. Ist man selber in Bern daheim, bietet «The Fall» den besonderen Reiz, im Comic durch die eigene Stadt wandern zu können.

Aber auch sonst machen Muralts Zeichnungen im Ligne-clair-Stil – also präzise Konturen und flächige, einfarbige Kolorierung – Freude, denn der Illustrator geht mir grosser ästhetischer Sorgfalt und Liebe zum Detail zu Werke.

Und wenn da zum Schluss Vater Liam und seine beiden Kinder des Nachts das schützende Haus verlassen, um sich im apokalyptischen Bern auf Nahrungssuche zu begeben, gelingt Muralt ein astreiner Cliffhanger. Und eigentlich wünscht man sich, dass die angestrebte Fortsetzungskadenz noch tiefer wäre.

«The Fall», Tintenkilby-Verlag, 64 Seiten. Buchtaufe 12. April, 19 Uhr im Atelier Blackyard, Nydeggstalden 1, Bern. Signierstunde in der Stauffacher-Comic-Abteilung 14. April, 14 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 12.04.2018, 07:00 Uhr

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