Akt der Selbsthilfe und Pioniertat

Der Berner Verein Archivarte pflegt seit zwanzig Jahren Nachlässe verstorbener Künstlerinnen. Jetzt begeht er das Jubiläum mit einer Publikation und einer Sonderausstellung.

Steffi Göber-Moldenhauer im Depot von Archiv Arte mit einem Werk der Klee-Schülerin Henriette Sechehaye.

Steffi Göber-Moldenhauer im Depot von Archiv Arte mit einem Werk der Klee-Schülerin Henriette Sechehaye. Bild: Adrian Moser

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An der Gründungsversammlung am 20. Februar 1998 im Restaurant Krone in Bern formuliert die Initiantin die Anliegen der neuen Organisation prägnant. «Wir wollen Spuren von Frauen sichern, die im Begriff stehen, der Vergessenheit anheimzufallen», sagt die Textilkünstlerin Inga Vatter-Jensen. Immer wieder hat die Bernerin mit dänischen Wurzeln den Umgang mit Nachlässen von Künstlerinnen als unwürdigen Prozess erlebt, bei dem am Ende nicht selten das Verschwinden eines Lebenswerks stand. «Das Erbe in Form von Silber, Schmuck und Geld wird gerne genommen», stellt sie fest, «die Bilder landen meistens im Brockenhaus oder werden vergantet.»

Die langjährige Zentralpräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen (SGBK) handelt und ruft einen Verein ins Leben, der sich um Nachlässe verstorbener Künstlerinnen kümmern soll. Mit nur wenigen Nachlässen startet sie den Verein in ihren privaten Räumlichkeiten mit einem kleinen Kreis von Freiwilligen.

Frauen haben weiter Vorrang

Die Geschichte und das Engagement von Archivarte für Kunstnachlässe beleuchtet im Jubiläumsjahr eine Publikation unter dem Titel «Verantwortung & Leidenschaft» (Stämpfli-Verlag, Bern). Verfasst hat sie die Kunsthistorikerin Steffi Göber-Moldenhauer, die den Verein seit einem Jahrzehnt als Beraterin begleitet.

Mittlerweile beherbergt Archivarte rund dreissig Nachlässe von Künstlerinnen, darunter sind Claire Brunner, Hanni Pfister, Hanni Bay, Georgette Boner oder die letzte Klee-Schülerin, Henriette Sechehaye. Und seit letztem Jahr betreut wird auch der erste Nachlass eines Künstlers, des 2003 verstorbenen Malers und Grafikers Bruno Wurster. Nachlässe von Frauen sollen aber weiter Vorrang haben.

Aus Platzgründen nimmt der Verein nicht mehr als zwei neue Nachlässe pro Jahr auf. Das Archiv mit über 10000 Werken befindet sich seit 2001 im Berner Breitenrainquartier. Angeschlossen sind die Räumlichkeiten der 2007 eröffneten Galerie Archivarte, in welcher neben Werken externer Kunstschaffender regelmässig Werke aus dem vereinseigenen Nachlassbestand gezeigt werden.

Der Tod der Gründerin Inga Vatter-­Jensen markierte vor vier Jahren eine Zäsur. Der Vorstand musste die Weichen für die Zukunft ohne die charismatische Persönlichkeit stellen. Für das Auswahl­prozedere von neuen Nachlässen entwickelte Steffi Göber-Moldenhauer einen Kriterien­katalog. Der Fokus wird nun auf regionale Nachlässe gelegt.

Initiiert durch Archivarte trafen sich Mitte August Vertreter der zehn grössten Schweizer Nachlassinstitutionen, um über eine gemeinsame Vernetzung zum Austausch von Fachwissen zu sprechen. Ausgangspunkt war die Schaffung einer Beratungsstelle am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft (SIK) in Zürich. «Ein fertiges Ergebnis gibt es nach diesem Treffen nicht», sagt Steffi Göber-Moldenhauer. Geplant ist zunächst eine Übersicht zu den Nachlassinstitutionen, in der sich diese mit ihren jeweiligen Schwerpunkten vorstellen werden.

Der Traum vom nationalen Archiv

«Pro Jahr sterben in der Schweiz sechzig bis siebzig Künstler, deren Nachlässe professionell betreut werden müssen», sagt Göber-Moldenhauer. In einem gewissen Umfang befassen sich die Museen mit dieser Aufgabe, aber deren Kapazitäten sind begrenzt. Ein vom Bund eingesetztes Expertengremium («Bericht Clottu») hatte bereits Mitte der 1970er-Jahre die Empfehlung abge­geben, eine nationale «Zentralstelle» einzurichten, welche die notwendigen Massnahmen für die Erhaltung und Inventarisierung von Nachlässen vorkehren würde.

Im Jahr 2010 war ein von Inga Vatter-Jensen lanciertes Projekt gescheitert. Das zum Verkauf stehende Schloss Wyl in Schlosswil sollte gekauft werden, um dort ein nationales Zentrum für Künstlernachlässe zu etablieren. Der Kanton lehnte als Eigentümer das Konzept von Archivarte ab, weil er eine nachhaltige Nutzung vermisste. So bleibt ein nationales Nachlassarchiv für bildende Kunst weiter ein «grosser Traum», wie Inga Vatter-­Jensen 2011 schrieb.

Kein Traum ist aber die Erfolgsgeschichte des Vereins ArchivArte. «Der Verein ist auf dem Weg in die Professionalität», bilanziert Steffi Göber-Moldenhauer in der Jubiläumspublikation, «er entwickelt sich neben dem Auftrag der Bewahrung von künstlerischem Kulturgut zu einem wichtigen Dokumentationszentrum der Berner Kunst- und Kulturgeschichte.» (Der Bund)

Erstellt: 06.09.2018, 08:07 Uhr

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