«Wie das Leben, nur besser»

«Jemandland» im Berner Stadttheater ist Ivona Brdjanovics Bühnendebüt: ein Stück über den Blues der Migration. Sozialstudie oder Satire? Die Regie lässt es, bei aller Kurzweil, offen.

Der Humor entlarvt viel von dem, was zwischen den Figuren läuft, als Farce: Gabriel Schneider, Milva Stark, David Berger.

Der Humor entlarvt viel von dem, was zwischen den Figuren läuft, als Farce: Gabriel Schneider, Milva Stark, David Berger.

(Bild: Annette Boutellier)

Der Anfang: rasant und packend. Plötzlich sind da auf dem Flur der Vidmarhallen Menschen, die mit Gesang und lauter Stimme auf sich aufmerksam machen. Das Publikum wird in Gruppen eingeteilt, die an verschiedene Orte im Gebäude gebracht werden; dort führt je ein Darsteller in seine Rolle ein. Da ist zum Beispiel Nenad, der aus Belgrad stammt und den radikalen Veränderungen seiner Stadt im kapitalistischen Zeitalter wenig abgewinnen kann. Obwohl mit den harten ökonomischen Realitäten durchaus vertraut, ist er ein Romantiker, der von Selbstverwirklichung und Liebe träumt.

Das Tempo dieses Einstiegs wird auch aufrechterhalten, als die Zuschauer darauf im Saal Platz nehmen. Nenad kommt in ein deutschsprachiges Land, um durch einige Wochen Schwarzarbeit auf einer Baustelle Geld zu verdienen. Er heuert an bei Miro­slav, ebenfalls ursprünglich aus Belgrad und Leiter der Firma Miro-Böden. Dieser hat einen grösseren Auftrag vom spielsüchtigen und rücksichtslosen Investor Bernd erhalten. Und dann ist da noch Bernds Geliebte Jelena, die sich auch Nathalie nennt und ebenfalls aus dem Osten stammt. Zwischen ihr und Nenad entspinnt sich eine Liebesgeschichte, die zuletzt mehr als einer Figur zum Verhängnis wird.

Zwischen Nathalie und Nenad entspinnt sich eine Liebesgeschichte. Bild: Annette Boutellier

Ivona Brdjanovic, als Serbin in Bosnien-Herzegowina geboren und seit 1991 in der Schweiz, gibt mit «Jemandland» ihr Debüt als Dramatikerin. Sie kennt das Umfeld, aus dem sie erzählt: Erst nach zahlreichen Jobs unter anderem in Spitälern und auf Baustellen fand sie ihren Weg ans Lite­raturinstitut Biel, wo sie 2015 ihren Abschluss machte («Berner Woche» vom 9. Mai). Inszeniert hat Sophia Aurich, Regieassistentin bei Konzert Theater Bern. Mit «Jemandland» führt sie ihre erste eigene Regiearbeit für dieses Haus vor. Und die vermag vor allem formal zu überzeugen.

Die Bühne als Baustelle

Die dramaturgischen Mittel werden abwechslungsreich eingesetzt: Da ist einmal Schattentheater zu sehen, dann wieder werden Träume und innere Stimmen inszeniert. Das Bühnenbild (Kim Zumstein) arbeitet auf effektive Weise mit simplen Elementen, mit Metallrahmen, Leitern und Plastikfolien, wie man sie auf einer Baustelle finden könnte. So entsteht eine Art Niemandsland, ein noch nicht bewohnbares, nicht als Heimat taugendes Gelände, an dem sich die Figuren abarbeiten.

Dabei funktionieren die Bühnenelemente auch genuin theatral: Die Metallrahmen dienen als ­Türen, durch die die Darsteller auf- und abtreten, und die Plastikfolien werden wie Vorhänge eingesetzt, die Dinge verbergen und plötzlich enthüllen. Auch die Bühne selbst ist somit eine Art Baustelle, die sich dauernd verändert – Neues entsteht, aber vieles wird auch brutal zerstört. Genau das ist sinnhaft: In «Jemandland» geht es um Migration und deren Gründe, um Heimweh und Einsamkeit, um Neuanfänge und zerstörerische Ambitionen.

Jobs in Spitälern und auf Bau­stellen: Die Autorin kennt das Umfeld, aus dem sie erzählt.

Miro (facettenreich: Gabriel Schneider) vergisst, die Gegenwart zu geniessen, da er darauf fixiert ist, sich durch harte Arbeit einen Lebensabend an der Adria zu ersparen. Nenad (einnehmend: Luka Dimic) sehnt sich danach, irgendwo dazuzugehören, aber weder in Serbien noch in der temporären Wahlheimat kann er sich entfalten. Bernd (fulminant: David Berger), der einzige «Westler», hat sich voll und ganz Erfolg und Status verschrieben und behandelt seine Mitmenschen wie Objekte. Und die temperamentvolle Nathalie/Jelena (charismatisch: Milva Stark) verfolgt ganz eigene Pläne, die erst im Lauf des Stücks ans Licht kommen.

Eine grosse Stärke von «Jemandland» ist der Humor, mit dem viele der zwischenmenschlichen Interaktionen als Farce und perverses Spiel entlarvt werden. Witzig ist etwa die Konfrontation mit Klischees über Ex-Jugo­slawien, wenn Bernd sein Zusammentreffen mit Miro mit den Worten «where East meets West» beschreibt – und wenig später erfundenen Kriegsgeschichten aufsitzt, denn solche Erlebnisse gehören nun mal zu dem, was er von einem Serben erwartet.

Und doch lässt einen das Stück etwas ratlos zurück. Sollte man nun mit Miro & Co. sympathisieren, sie als realistische Charaktere mit nachvollziehbaren Problemen wahrnehmen? Oder handelt es sich um eine Satire, bevölkert von ironisch überzeichneten Figuren? Irgendwie scheint beides auf einmal zuzutreffen. Und auch was den Plot anbelangt, herrscht eine gewisse Unklarheit. Wie die Geschichte in ihren überraschenden Wendungen ausgeht, wird hier nicht verraten. In jedem Fall aber kann man sich streiten, ob das lustvoll-katastrophale Ende nun subversiv oder doch eher klischiert ist.

Wo wollen sie hin?

«Dieser Ort ist wie das Leben, nur besser», sagt eine der Figuren über die Baustelle. Das hätte man sich auch für diesen Abend selbst gewünscht. So hohe Erwartungen löst «Jemandland» allerdings nicht ein, bei all seinen Stärken – zu unklar bleibt die Stossrichtung der Geschichte, zu sehr verwischen die Grenzen zwischen Karikatur und Sozial- oder Charakterstudie. Ein unterhaltsames Stück ist hier aber auf jeden Fall gelungen.

Weitere Vorstellungen bis 28. Juni, Vidmar 2

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