Sechs Fragen an Ata Bozaci

Warum machen wir Selfies? Ist Social Media zum Kontrollsystem geworden? Der Grafiker und Grafittikünstler Ata Bozaci im Interview zu seiner Ausstellung «Beautiful Facebook – Fifteen Seconds of Fame».

Ata Bozaci verwandelt Facebook-Profile seiner Bekannten mihilfe von digitaler Technik in ikonische Portraits.

Ata Bozaci verwandelt Facebook-Profile seiner Bekannten mihilfe von digitaler Technik in ikonische Portraits. Bild: zvg/Soon Gallery

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Für Ihre neue Werkreihe «Beautiful Facebook – Fifteen Seconds of Fame» verwandeln Sie Selfies in reduzierte Porträts ohne Pose. Warum verzichten Sie auf Duckfaces und Décolletés?
Ich suche auf Facebook nicht nach typischen Selfie-Posen, sondern nach interessanten Gesichtern. Schönheit und Perfektion: Das sind die Themen, die mich interessieren. Es geht um die Jagd nach Likes und die Frage, was überhaupt schön ist. Wahrscheinlich haben schon früher Königinnen den Maler darum gebeten, ihre Nase ein bisschen zu verkleinern. Dieses Idealbild versuche ich auch mit dem Stil aufzugreifen. Indem ich die digital gezeichneten Porträts symmetrisch aufbaue, wirken sie wie Ikonen. Die Gesichter basieren auf Kreisformen – etwas perfekteres als den Kreis gibt es kaum. Der Schönheitswahn hat heute extreme Formen angenommen. Und Facebook ist der ideale Austragungsort für Eitelkeit und Narzissmus.

Wie viel Narzissmus steckt in Ihnen selber?
Als Künstler ist man natürlich narzisstisch veranlagt. Vielleicht habe ich auch deshalb begonnen, über das Thema nachzudenken. Aber es geht auch immer um die Frage, wie man das auslebt. Narzissmus muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Jeder muss auch seine eitle Seite ausleben können, um Feedback zu bekommen und um herauszufinden, wo er überhaupt steht.

Sie haben die Porträtierten im Vorfeld gefragt, welche Auswirkungen Social Media auf unser Zusammenleben hat. «To hell with social media, give me a hug» hat einer von ihnen geantwortet. Was hat Sie sonst noch überrascht?
Die meisten Antworten waren natürlich sehr kritisch. Eine unerwartete Reaktion bekam ich von einem Imker, der in einem kleinen Dorf in der Türkei lebt. Ob uns Facebook kontrolliert oder nicht, war ihm egal, für ihn war viel bedenklicher, dass der Elektrosmog seine Bienen umbringt, da er ihr Orientierungssystem stört.

In der Ausstellung zeigen Sie ausserdem das Bild eines Babys, dessen Nabelschnur direkt mit dem Handy in seinen Händen verbunden ist.
Die Abhängigkeit von digitalen Medien fängt früh an, die Eltern liefern diese quasi mit. Man kann sich die Frage stellen: Ist eine Abnabelung überhaupt noch möglich? Natürlich ist es machbar, aber ich denke, es wäre sinnlos. Die technischen Möglichkeiten sind da, es ist also viel wichtiger, dass man einen guten Umgang mit diesen Medien pflegt. Ich will damit aber keine Angst provozieren, sondern unser tägliches Handeln hinterfragen, das zur Norm geworden ist.

Wie viele der Porträtierten verwenden Ihr Bild als Profilbild auf Facebook?
Die meisten. Am Anfang habe ich noch nicht an eine Ausstellung gedacht, ich wollte einfach mal schauen, was passiert. Das gab dann eine Art Kettenreaktion.

Und wie viele Likes haben Ihre Bilder?
Natürlich gehe ich schauen, wie die Leute darauf reagieren. Die meisten Likes bekommen aber meistens nicht die Bilder, die ich gut finde. So ist das eben mit der Schönheit. (Der Bund)

Erstellt: 19.03.2015, 14:36 Uhr

Warum machen wir Selfies? Ist Social Media zum Kontrollsystem geworden? Der Grafiker und international bekannte Grafittikünstler Ata «Toast» Bozaci, der in Burgdorf geboren wurde und heute in Zürich lebt, hat für seine Ausstellung «Beautiful Facebook – Fifteen Seconds of Fame» in der Soon Galerie von Donnerstag, 19., bis Samstag, 28. März, die Facebook-Profilbilder von Bekannten mithilfe von digitaler Technik in ikonische Porträts verwandelt. Begleitet wird die Werkreihe von weiteren Arbeiten, die sich mit dem digitalen Zeitalter beschäftigen. (Bild: zvg)

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