Ping, pong, Pop!

«Die Akte Bern»: Das Stadttheater turnt sich durch Tobi Müllers «Theaterbericht von Fichen bis Facebook». Was dem Stück an Brisanz fehlt, das macht der Unterhaltungswert des Abends nicht wett.

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Daniel Di Falco

Es gibt einen bestürzenden Moment an diesem Abend, aber eben nur einen, und das ist der Tod, der bei Polo Hofer im Krankenbett sitzt. Weil man vom Tod schon mehr sieht, als von Polo noch da ist. So ausgezehrt, ja ausgehöhlt liegt der Krebskranke in seinem Bett, dass man ihn auf den ersten Blick gar nicht erkennt. Sondern erst, als er zu reden beginnt. Diese Stimme, diese niet- und nagelfeste Handwerkersprache, sein menschenfreundlicher Schalk – alles noch da, und es tröstet einen auch darüber hinweg, dass das letzte Videoaufnahmen eines Lebens im Endstadium sind.

Zwei Monate vor seinem Tod war der Journalist und Autor Tobi Müller zu Besuch bei Polo Hofer, bei ihm daheim in Oberhofen. Er hat ihn interviewt für sein Stück «Die Akte Bern», seinen «Theaterbericht von Fichen bis Facebook» zuhanden des Berner Stadttheaters, und darum sagt Polo jetzt auf den vielen Bildschirmen, die auf der Vidmar-Bühne herumstehen, dass er ebenfalls eine Fiche hatte, «aber leider nur zwei Zeilen». Und die betrafen einen Samstagnachmittag im Jahr 1971, als Polo auf dem Bärenplatz Flugblätter verteilte, mit den Härdlütli nämlich, jener «Vierpersonenpartei», mit der er in den Stadtrat wollte.

Nur zwei Zeilen also für den Verdacht auf unschweizerische Umtriebe. Nur zwei Zeilen als Beweis für einen dissidenten Lebenswandel. Und natürlich sagt einer wie Polo jetzt grinsend, das sei schon «sehr wenig», wenn nicht «lausig». Gross war zwar das Entsetzen, als 1989 die Fichenaffäre aufflog und 700 000 Leute merkten, dass dieses Land für sie keine Demokratie war, sondern ein Staat von Spionen und Spitzeln, der ihnen auf Vorrat misstraute. Aber bald gab es andererseits auch das Lächeln über diesen Apparat, der ja nicht nur in jedem politischen Denken, das vom rechten Weg abwich (zumal nach links), ein Sicherheitsrisiko sah: Dieser «Staatsschutz» machte sich auch die Mühe, die Lieblingslektüren, die Trinkgewohnheiten oder die Haarmoden seiner Bürger zu observieren.

Er meint es als Jux

Der Fichierwahn war tatsächlich beides: eine Monstrosität und ein Witz. Aber auf dieser Bühne drängt alles zum Zweiten. Kalter Krieg? «Schnee von gestern», kalauert einer und kommt dabei ins «Schlottern». Er meint es als Jux, und das ist bezeichnend für das ganze Unternehmen: Es riskiert keinen Moment, sich in sein Thema zu knien, und an Beklemmung bleibt am Ende eben nur jener Blick auf den wegsterbenden Polo, der sich freilich einem ganz anderen Schrecken verdankt. Also leider kein Schritt in die Finsternis jenes Molochs namens Staatsschutz. Kein Gedanke daran, was die Überwacher zu Überwachern gemacht hat. Und nur einmal ein Zitat, ein kurzer Satz aus der kolossalen Menge an Text, die diese Schreibtischkünstler bis 1989 im Geheimen zustande gebracht haben.

Neben Monitoren, Kabelsalaten und einem Wählscheibentelefon gibt es auf der Backstage-Look-Bühne (von Konstantina Dacheva) zwar tatsächlich einen Berg aus Papier. Aber der dient doch vor allem als Deko und Spielzeug für einen der staunenswert vielen Einfälle, die Regisseur Christoph Frick aufgebracht hat, um diesen Text aufzukneten. (Genau: der gleiche Frick, der vor einer gefühlten Ewigkeit, nämlich 2004, die Ära Gramss an diesem Theater mit einem «Sturm» von Shakespeare ausgeläutet hat, und zwar derart furios, dass reihenweise Zuschauer flohen.) Und was sie hier kneten, Frick und das Ensemble, ist eine Clowneske; die bleibt muskulös, agil und ausdauernd, fast anderthalb Stunden. Was sie an handgeturnten Spezialeffekten und Unterhaltungswert bieten, das entspricht allerdings umgekehrt recht genau dem, was dem Stück an Brisanz und Gefährlichkeit fehlt. Und an politischer Kraft. Es wird hier alles irgendwie Pop.

Dabei wäre ja allerhand da. Tobi Müller verlängert die Geschichte der Fichen in die Gegenwart von Facebook, und er baut sein Divertimento (wieso «Bericht»?) aus drei Strängen von Text. Zu den dokumentarischen Kommentaren von Experten und Zeitgenossen wie Polo Hofer, Moritz Leuenberger oder Aline Trede kommt zweitens ein memoirenhaftes Küchentischgespräch zwischen dem fiktiven Peter (Jürg Wisbach), dem Prototypen des Altlinken aus der Ära von Frisch und Dürrenmatt, und der fiktiven Anna (Florentine Krafft). Wobei sie nicht weniger prototypisch eine Generation verkörpert, die nichts dabei findet, die eigene Privatsphäre im Netz aufzulösen. Und drittens kaspern über das alles hinweg und durch alles hindurch drei Vollgas-Wichtel in synthetischem Weiss (David Berger, Nico Delpy und Milva Stark, Kostüme von Milena Hermes). Die drei sind zu allem entschlossen, und sie können alles Mögliche sein. Zum Beispiel eine Karikatur des Ehepaars Kopp bei jenem ungehörigen Telefonat, das seinerzeit die Fichenaffäre ins Rollen brachte. Oder Chatter beim Chatten, und dabei machen die drei selbst das Tippen auf der Tastatur zur komischen Nummer. Das riecht dann sehr streng nach dem billigen Parfüm des Zeitgeists: «Aber an die Metadaten kommen die relativ leicht.» – «Ich bin beruhigt. Facebook will nicht meinen Schwanz, sondern nur meine Seele.» – «Haha.»

Andererseits klar, dass so ein 140-Zeichen-Pingpong schon aus formalen Gründen wohl zwangsläufig oberflächlich bleibt. Dummerweise scheint Tobi Müller dieses Pingpong aber seinem ganzen Stück als Prinzip beigebracht zu haben: eine achtzigminütige Plauderei, bei der die Gedanken zum Wert und zur Länge eines Bonmots tendieren. «Die Akte Bern» ist zu wenig tief drin und zu wenig nah dran, und irgendwann beschleicht einen den Verdacht, Autor und Regisseur hätten sich die Klinke in die Hand gegeben beim Plan, eine Debatte zu zitieren (von wegen Pop), statt sie zu führen. Fun Fact!

Was immerhin den Vorteil hätte, dass man sich jetzt keinen Kummer darüber machen müsste, dass der Abend auch als Gegenwartsdiagnose wenig mehr Bedenkenswertes abwirft als Müllers Frage, warum der Fichenskandal heute gar keiner mehr sei. Sondern der Normalfall, den niemand mehr bemerken würde. Eine Antwort darauf gibt die Soziologin Alexandra Manske in einem der Videos. Die «Bereitschaft, sich zu entblössen», sagt sie, habe mit Sorglosigkeit wenig zu tun. Viel aber mit der Sorge, «von der Gesellschaft abgehängt zu werden»: Das Netz sei zum Teil der Gesellschaft geworden. Und die Selbstdarstellung zur Anforderung im sozialen Wettbewerb.

Aber jetzt sind die drei weissen Kasper schon wieder da: Fun Fact!

Weitere Vorstellungen bis 5. Juni, Vidmar+.

Sind Sie einverstanden mit der Kritik von Daniel Di Falc0? Oder haben Sie eine andere Meinung zum Stück? Lassen Sie es uns wissen, auf der Kulturplattform «Grosse Schanze» haben Sie die Möglichkeit, Einspruch zu erheben – und Ihre eigene Theaterkritik zu verfassen. Diskutieren Sie mit auf der «Grossen Schanze».

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